Was für ein Trick! Ge Honglin ist mit allen Wassern gewaschen. Um ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Chengdu war Wochen im Voraus gerungen worden, doch erst einen Tag vor dem gewünschten Termin lässt er mitteilen, dass er nun tatsächlich eine Stunde Zeit erübrigen könne. Allerdings wolle er nur die europäischen Gäste empfangen, und da man ihm wie erwünscht zur Vorbereitung des Termins einige Fragen übersandt habe, die für die Besucher von Interesse seien, möge man sich doch der Einfachheit und begrenzten Zeit halber darauf beschränken, auch nur diese zu stellen. Wie es der Zufall will, sind Herrn Ge elf Fragen eingereicht worden, und da wir zehn europäische Journalisten sind, ist ja für jeden eine dabei. So haben wir uns den Umgang mit der Presse in China immer vorgestellt.
Wir, das sind die Teilnehmer einer ersten Begegnung chinesischer und europäischer Journalisten, die das von Lord Weidenfeld in London gegründete Institute for Strategic Dialogue in Zusammenarbeit mit der Jiao-Tong- Universität in Schanghai organisiert hat. Teilnehmer aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind angereist, aus China nehmen vor allem Vertreter von Wochenzeitungen teil, die als jüngere Gründungen kritischer arbeiten als die regierungstreue traditionelle Tagespresse. Als begegnungsort ausgesucht wurde Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan in Westchina, nicht ganz zufällig fernab von der prosperierenden Ostküste des Landes und Peking.
Ein gütiges Geschick
In dieser relativen Abgeschiedenheit soll das Experiment eines Austauschs zwischen Chinesen und Europäern leichter zustande zu bringen sein. Die Stadtregierung von Chengdu sagte Unterstützung zu, und dann das: ein Bürgermeister, der nur die westlichen Gäste treffen und allein auf der Grundlange zuvor eingereichter Frage das Gespräch mit ihnen führen will. Noch auf dem Weg zum Amtssitz werden Pläne geschmiedet, wie man mit dieser Dreistigkeit umgehen könnte.
Doch dann kommt um 9.30 Uhr ein jovialer Herr in den Konferenzsaal. Ge Honglin ist 55 Jahre alt, hat in Kanada und Schanghai studiert und sich dort als leitender Funktionär einer großen Stahlholding einen Namen gemacht, die mit Thyssen ein Joint Venture aufgebaut hat, ehe er 2003 zum Bürgermeister von Chengdu bestimmt wurde. Natürlich spricht er fließend Englisch, aber hier beschränkt er sich auf Chinesisch; die Übersetzung lässt Raum für gewisse Interpretationen.
Seine Begrüßung ist von größtem taktischen Geschick: Er dankt für unsere interessanten Fragen, die er im Vorhinein akribisch beantwortet habe - und das sogar schriftlich. Ein umfangreiches Manuskript wird hochgehalten, unsere Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Aber, so Ge weiter, es sei doch müßig, etwas, das schriftlich vorliege, auch noch mündlich zu besprechen. Er werde uns alle Antworten zukommen lassen, sobald die englische Übersetzung fertig sei, nun aber möge man ihm bitte nach Lust und Laune andere Fragen stellen, und ein gütiges Geschick habe ihm nicht nur eine, sondern zwei Stunden Zeit für uns verschafft. Wir sind besiegt, der Bürgermeister hat uns reingelegt: Alle Skepsis muss verblassen vor diesem Kniff.
Sie wollen nicht zu hoch hinaus
Man hätte es ahnen können, als wir am Amtssitz des Bürgermeisters eintrafen. Erst vor einem halben Jahr ist er hierher, an den südlichen Rand der Stadt, verlegt worden. In vier identisch gebauten schlichten fünfstöckigen Riegeln arbeitet die Stadtverwaltung. Im Foyer des Gebäudes, in dem Ge sein Büro hat, ist ein breites Landschaftsgemälde der einzige Schmuck; alles sonst ist sachlich und karg. „Ich selbst mag es ja eher einfach“, kokettiert der Bürgermeister, „und bevorzuge Stein gegenüber Stahl und Glas bei der Fassadengestaltung. Aber Geschmack können wir natürlich nicht vorschreiben.“
Ein Blick hinaus beweist es. In dem als „New Century“ betitelten Areal wird wild gebaut: zur Innenstadt hin ein Finanzbezirk, noch weiter südlich steht bereits ein Messegelände mit angeschlossenen Luxushotels (Stahl und Glas en masse), und gleich neben dem Amtssitz des Bürgermeisters entsteht das New Century Global Center, ein Unterhaltungskomplex, der bei seiner Fertigstellung das größte Gebäude der Welt, Asiens oder Westchinas sein wird - je nach chinesischem Gesprächspartner. Eine Stunde braucht man zu Fuß, um seinen Bauplatz zu umrunden, und da ist das gerade erst erschlossene Terrain für ein gegenüberliegendes von Zaha Hadid entworfenes Contemporary Art Center (nur Stahl) noch gar nicht dabei.
Neben dem Rohbaukoloss des Global Center wirken die Gebäude der Stadtregierung wie Bauklötzchen. Aber Ge hat als Maxime für den Umbau von Chengdu ausgegeben: „Wir wollen nicht zu hoch hinaus.“ Man soll den Überblick über die Stadt behalten.
Umzug nur auf Weisung von oben
Leicht gesagt angesichts des rasanten Umbruchs in Chengdu. Das gilt zwar für alle chinesischen Städte, aber hier herrscht eine besondere Situation. Seit die Kommunistische Partei zu Beginn des vorigen Jahrzehnts ihre „Go-West-Politik“ verkündete, die den inneren Landesteilen den Anschluss an die prosperierenden Küstenzonen ermöglichen soll, ist Chengdu zum administrativen Mittelpunkt dieser Kampagne geworden. Hier ist das Südwestliche Büro angesiedelt, die zentrale Mittlerstelle zwischen den Regionen und der Zentralregierung. Die Stadt hat vierzehn Millionen Einwohner, drei Millionen mehr als noch 2003, ein für Chinas Städte moderates Wachstum. Aber nur knapp mehr als die Hälfte der Menschen wohnt in den eigentlich städtischen Bezirken. Der Rest lebt in den ländlichen Verwaltungsbezirken des städtischen Großraums. Aus chinesischer Sicht sind diese Einwohner von Chengdu somit Landbevölkerung. Und hier fangen die Probleme an.
In China herrscht das Hukou-System - Haushaltsregistrierung. Es besagt prinzipiell, dass jeder Chinese lebenslang an dem Ort ansässig zu sein hat, wo er geboren wurde. Nur staatliche Behörden sind berechtigt, ihm einen anderen Wohnort zuzuweisen - für Studium oder Arbeitsplatzwechsel. Jeder Ortswechsel auf eigene Initiative ist illegal. Diese Bestimmung ist die Ursache für das Phänomen der Wanderarbeiter, die sich rechtlos in den chinesischen Städten aufhalten. Das war in Chengdu nicht anders, bis Ge Honglin kam.
Die Schere zwischen Stadt und Land öffnet sich immer weiter
Der im Herbst 2001 in den Westen geschickte Manager war zunächst stellvertretender Bürgermeister, doch er beerbte seinen in Ungnade gefallenen Vorgänger schneller als erwartet, im Frühjahr 2003. Nun hat Ge die zweite seiner jeweils fünfjährigen Amtszeiten zum größten Teil absolviert, und ein drittes Mal darf er nicht mehr amtieren. „Das hat mir George Washington eingebrockt“, bemerkt Ge mit einem breiten Lächeln: „Ich bewundere ihn, aber die Präsidentschaft auf maximal zwei Amtszeiten zu begrenzen war keine gute Idee.“ Umso bestimmter treibt er eine Entwicklung voran, die Chengdu zum Vorreiter in China machen soll: die Angleichung der Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Schulen sollen errichtet, Krankenhäuser eröffnet, Straßen gebaut werden - und alles auf demselben Niveau wie in der Stadt.
Dieses Programm verdankt sich nicht schierer Menschenfreundlichkeit, es ist Folge der einschneidendsten Reform, die in Chengdu durchgeführt wurde: der Aufhebung des Hukou. Mit Sorge wird in China die Masse der illegalen Wanderarbeiter gesehen, die ein ökonomisch willkommenes, sozial aber höchst brisantes neues Proletariat bilden. Das Grundproblem des kommunistischen Systems in China hat sich seit 1949 nicht verändert: Um die Industrialisierung zu forcieren und damit dem marxistischen Entwicklungsmodell zu entsprechen, wurde die Landbevölkerung systematisch benachteiligt. Eine staatlich geregelte Altersversorgung etwa gibt es nur in den Städten, wo die Industriearbeiter leben; auf dem Land bleibt die soziale Absicherung den Dorfgemeinschaften überlassen, denn den Boden hat man ja kollektiviert, also sollen gefälligst genug Mittel zur Versorgung vorhanden sein. Sie waren es nie. Die Schere zwischen Stadt und Land klafft bis heute immer weiter auf.
Ein gern besuchtes Vorzeigedorf
In Chengdu aber herrscht mit Genehmigung der Pekinger Zentralgewalt seit einigen Jahren Freizügigkeit; die Bewohner der ländlichen Randgemeinden können nun in die Stadt ziehen. Dafür gibt es die genannten guten Gründe. Doch eine ungeplante Millionenwanderung könnte Chengdu nicht verkraften. Also will Ge die Lebensverhältnisse auf dem Land verbessern, um den Wegzug unnötig zu machen. So wird aus einer Problemlösung ein neues Problem. Und auch wenn Peking grünes Licht gegeben hat, heißt das nicht, dass Chengdu auf staatliches Geld hoffen dürfte, um seine Reformen umzusetzen. Die Entwicklung des Umlands wird ausschließlich von der Stadt selbst bezahlt: 50,3 Milliarden Yuan kostete das 2010, mehr als fünf Milliarden Euro. Ob das durchzuhalten sein wird, ist ungewiss, denn auch in Chengdu ist die Finanzkrise spürbar. Hinter vorgehaltener Hand hört man bereits von zahlreichen Selbstmorden kleiner Gewerbetreibender, denen die Banken ihre Kredite nicht mehr verlängert haben. Ohne Wachstum ist die angestrebte Angleichung der Lebensverhältnisse nicht zu schaffen.
Noch aber gelingt es bisweilen: Nanxin heißt ein neues Dorf, das wir besuchen. Es wurde etwa dreißig Kilometer außerhalb von Chengdu errichtet. Die gelb gestrichenen Häuser sind auf europäische Weise gebaut, in toskanisch angehauchter Architektur. 1090 Wohneinheiten sind seit 2006 geschaffen worden, und die Bewohner aus fünf kleineren Dörfern wurden hierhin umgesiedelt. Zwischen den Reihen-, Einzel- und Mehrfamilienhäusern bieten kleine Freiflächen Gelegenheit zum Gemüseanbau, aber die Mehrzahl der hier Zugezogenen hat der Landwirtschaft ade gesagt - kein Wunder, denn Nanxin ist ein Vorzeigedorf, das zur touristischen Attraktion für die Bewohner von Chengdu geworden ist, so dass nun etliche Dorfbewohner ihr Geld mit Dienstleistungen für die Gäste aus der Stadt verdienen. Erst vor wenigen Wochen war der chinesische Vizepräsident Xi Jinping auf Besuch in Nanxin und besichtigte eines der frisch fertiggestellten Häuser.
Mehr als die Hälfte aller iPads werden hier hergestellt
Das wird auch uns gezeigt. Die Familie darin lebt im Luxus: Flachbildschirm, DVD-Spieler, Stereoanlage, Polstergarnitur, Teppichfußboden. Die Kinder arbeiten für ein chinesisches Unternehmen in Afrika. Doch kaum hundert Meter daneben lässt ein altes Ehepaar die westlichen Besucher in sein Reihenhaus ein: nackter Estrich und ein Mobiliar, das über Tisch, Stühle und Bett kaum hinausgeht. Das Obergeschoss steht ganz leer, denn die beiden Alten haben kein Geld, um ihr neues Heim auszubauen, geschweige denn einzurichten. Die Kinder arbeiten in Chengdu, aber es reicht finanziell nicht. Auch kein Wunder - Ge Honglin erwähnt im Gespräch das Beispiel von Foxconn, dem Gerätelieferanten von Apple, dessen größtes Werk in Chengdu steht. Mehr als die Hälfte aller iPads werden in der chinesischen Stadt hergestellt, aber nur ein Prozent der entsprechenden Wertschöpfung bleibt auch hier.
Industrieansiedlung erfolgt nach wie vor ausschließlich in der Stadt; die Frage, ob die Entwicklung der ländlichen Regionen nicht auch Arbeitsplätze dort erfordere, versteht der Bürgermeister nicht. Wir im Westen seien doch ganz selbstverständlich mobil, und er wohne ja auch in Schanghai und arbeite in Chengdu. Das sind drei Flugstunden. Da geht es den Kindern der beiden Alten in Nanxin ja noch blendend.
Die Stadt hat wenig von seiner Geschichte bewahren können
Dass Nanxin überhaupt entstanden ist, hat seine Ursache in der massiven Umsiedlung von Landbevölkerung durch die Stadtregierung. Die Steuereinnahmen aus Chengdu gehen komplett nach Peking, für die Kommune sind Immobiliengeschäfte somit ihre einzige Einnahmequelle. Keine leichte Aufgabe in einem Land, das immer noch kein privates Grundeigentum duldet. Doch das Prinzip langfristiger Verpachtung hat dieses Problem gelöst. Attraktives Gelände aber liegt natürlich möglichst stadtnah, und so wird die dortige bäuerliche Bevölkerung immer weiter weg gedrängt, weil ihre Anbauflächen zu Bauplätzen umgewidmet werden.
Durch die Immobiliengeschäfte mit privaten Investoren begeben sich die Städte oftmals ihrer Planungshoheit - oder sie drohen noch weitaus Wichtigeres einzubüßen. Als vor genau zehn Jahren bei der Erschließung eines Baugrundstücks im Westen von Chengdu völlig überraschend die Reste einer dreitausend Jahre alten Kultur, der sogenannten Jinsha-Kultur, gefunden wurden, musste die Stadt dem Investor das Areal mühsam wieder abhandeln. Bis 2007 wurde dort für umgerechnet mehr als vierzig Millionen Euro das spektakuläre Jinsha-Museum errichtet, das nicht nur die atemraubend schönen Gold- und Jadekunstwerke dieser frühen chinesischen Hochkultur zeigt, sondern auch die damalige Ausgrabungsstätte unter einem riesigen Hallendach konserviert hat, so dass man einen Eindruck von der Akribie der Archäologen bekommt. Die chinesische Einschätzung der Bedeutung dieses Fundes steht in krassem Gegensatz zu seiner Bekanntheit im Westen. Nicht ein Soldat aus der berühmten Tonarmee von Xi’an ist zum Signet des chinesischen Kulturerbes bestimmt worden, sondern eines der subtilen Artefakte, die in Chengdu ausgegraben wurden: eine hauchzart dünne Goldscheibe mit der Darstellung von Sonne und Phönix.
Für die kulturelle Selbstvergewisserung der Stadt war dieser Fund von unschätzbarer Bedeutung. Rund um das Museum wuchert die Stadt wie auch sonst überall. Chengdu hat leider wenig von seiner jahrtausendealten Geschichte bewahren können - außer seinem Namen, der nie geändert wurde, was in Chinas wechselhafter Geschichte eine Besonderheit darstellt, auf die die Bewohner kaum minder stolz sind als auf die Jinsha-Relikte.
Zum Weiterbauen gezwungen
Die Erinnerung an die historische Stadt aber ist nach den Umwälzungen des zwanzigsten Jahrhunderts und den Bau-Exzessen der letzten zwanzig Jahre nur noch an einem höchst skurrilen Ort zu finden: unter einem riesigen Brückenkreuz in der Innenstadt. Da, wo die wichtigste Ausfallstrecke nach Süden, die Renmin-Straße, den zweiten Stadtring kreuzt, hat man unter den Hochstraßen ein kleines nostalgisches China in Beton geschaffen: Im Schatten der ersten Rampe überqueren drei pittoreske Brückchen einen kleinen künstlichen Wassergraben, der sich zwischen den immer niedriger werdenden Pfeilern der Hochstraße ins Dunkel erstreckt. Ein nachgebautes Stadttor und Laternen schmücken dieses straßenüberwölbte und -umfangene Niemandsland inmitten tosenden Verkehrs, und an den Pfeilern sind Reliefs angebracht, die Straßenszenen aus dem alten Chengdu zeigen.
In der Mitte, an der höchsten Stelle unter dem Brückenkreuz, steht ein mächtiger Steinwürfel, der auf seinen vier Seiten alte Stadtgrundrisse wiedergibt. Ringsum sind lebensgroße Bronzeskupturen von Handwerkern und Passanten aufgestellt, und begibt man sich zur wieder herabführenden zweiten Rampe, findet sich auf einer großen Betonwand, die zwischen zwei Pfeilern angebracht ist, die riesige Reliefdarstellung der alten Uferbebauung des durch Chengdu fließenden Flusses Fuhe. Nichts davon ist geblieben; den Fuhe säumen heute im Zentrum ausschließlich Hochhäuser. Die letzten erhaltenen alten Straßenzüge in der Innenstadt, Khuanzhai und Jinli, wurden in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten abgerissen und äußerlich unverändert neu aufgebaut, um in den Gebäuden moderne Lokale und Geschäfte für die Touristen unterbringen zu können. Das Betonmemorial für die Altstadt unter den Betonbrücken ist ein passendes Symbol dafür.
Aber Chengdu ist zum Weiterbauen gezwungen, denn jedem Stadtbewohner steht eine Wohnung zu - Obdachlosigkeit ist für Chinesen eine undenkbare Scham. Und Stadtbewohner kann ja nun jeder aus der Umgebung werden, weil die Wohnortbindung aufgehoben ist. Zugleich befindet sich die Kommune aber im Wettkampf mit den Privatinvestoren, die auf den langfristig gepachteten Grundstücken vor allem Luxuswohnungen errichten oder Baumaßnahmen verzögern, weil sie auf noch weiter steigende Immobilienpreise setzen. Deshalb hat Chengdu eine Regelung erlassen, die ungenutztes Bauland in privater Hand nach zwei Jahren wieder an die Stadt zurückfallen lässt.
Das ist die lebensfroheste und gemütlichste Stadt in China?
Um das Sozialgefüge in der Stadt intakt zu halten und ausreichend Wohnraum anbieten zu können, setzt Bürgermeister Ge auf ein abgestuftes Bauprogramm: Beginnend mit schlichten Unterkünften für die Zuwanderer, die Beschäftigung in der boomenden Industrie suchen, über Wohnungsbau für niedrige Einkommen und preisgebundene Mietshäuser, die den Spekulanten das schnelle Geschäft verderben sollen, bis hin zu Immobilien „für den freien Markt“, wie Ge das nennt - also städtische Luxuswohnungen, deren Verkaufserlöse das aufwendige Bauprogramm querfinanzieren sollen.
So folgt aus der Initialreform der Hukou-Aufhebung eine ganze Kette von weiteren Maßnahmen, mit denen Chengdu die Entwicklung des städtischen Sozialgefüges zu steuern versucht. Das städtische Programm ist revolutionär. Selbst eine auf individuelle Beiträge gründende Alterversorgung für die Landbevölkerung hat Chengdu kürzlich eingeführt, so dass auch diesbezüglich kein Grund zur Landflucht mehr bestehen soll. Aber auch da obliegt der Kommune allein die finanzielle Ausstattung, und China entwickelt sich dank der Ein-Kind-Politik langsam, aber sicher zur alternden Gesellschaft.
Chengdus Kurs ist also ein in China in dieser Breite einmaliges Experiment, das dementsprechend gespannt beobachtet wird. Nur in Chongqing, der dreihundert Kilometer entfernten Metropole, die früher Teil von Sichuan und damit Chengdus Verwaltungshoheit unterstellt war, ehe Peking sie 1997 als regierungsunmittelbare Kommune selbständig machte, gibt es ähnliche Versuche, und die Rivalität zwischen beiden Städten ist gewaltig. Chengdu schwört im Gegensatz zu der dynamischen Konkurrentin auf seinen Ruf als lebensfroheste und gemütlichste Stadt in China - eine Einschätzung, die einem europäischen Besucher haarsträubend vorkommen muss, wenn er die brandneuen Hochhauskaskaden am Stadtrand oder die Betriebsamkeit im Zentrum sieht.
Höchste Popularitätswerte bei wenigen Befragten
Doch auch Ge Honglin schwört auf das Lebensgefühl seiner Stadt - und auf die Erschließung des Umlands, die durch ein in Kooperation mit französischen Investoren erschlossenes Skigebiet in einer Autostunde Entfernung vom frostfreien Chengdu und durch Ferien auf dem Bauernhof („happy farm“) noch bereichert werden soll. Das Neubaudorf Nanxin mit seinen Pseudobauerngärten wäre diesbezüglich gewiss für chinesische Touristen (sie machen mehr als neunzig Prozent der auswärtigen Besucher aus) attraktiv. Schon jetzt ist ein Hotel das größte Gebäude im Ort. Und Bürgermeister Ge persönlich verbringt an jedem Wochenende sechs Stunden auf dem Land, um sich von der Entwicklung dort ein Bild zu machen.
Zu erfolgreich möchte er mit seinem Konzept im Übrigen gar nicht sein: „Wer einen zu großen Kuchen backt, dem nimmt die Zentralregierung einen großen Teil davon wieder weg. Wir in Chengdu wollen darum lieber kleine Brötchen backen. Deshalb sind wir auch so beliebt in Peking.“ Die Ironie endet aber sofort, wenn es um die eigene Beliebtheit geht: „Glauben Sie mir, wenn ich meine Sache bislang nicht zur Zufriedenheit der Partei gemacht hätte, dann wäre es mir wie meinem Vorgänger ergangen. Und der Zufriedenheit der Menschen in Chengdu bin ich mir gewiss, weil ich jedes Jahr eine Umfrage machen lasse. Da, sehen Sie“, und er hält das vorbereitete chinesische Konvolut mit den Antworten auf die elf vorab übersandten Fragen hoch, auf dessen Rückseite ein Balkendiagramm prangt, das offenbar höchste Popularitätswerte für Ge ausweist. Allerdings kann man dank der arabischen Zahlenangaben auch sehen, wie viele Bürger dabei befragt wurden: weniger als tausend bei vierzehn Millionen Einwohnern.
Aber für eine Nachfrage bleibt keine Zeit mehr, die zwei Stunden mit dem Bürgermeister sind um. Ein letztes Lächeln, Händedruck für jeden und eine Visitenkarte mit dem Foto eines Pandas. Ein Politprofi verlässt den Saal. Die angekündigte englische Übersetzung auf die elf Fragen erhalten wir nie.
Wenige Befragte?
Gottfried Stockinger (gottfried01)
- 19.11.2011, 19:14 Uhr