07.05.2007 · Seit dem Amtsantritt von Staatspräsident Hu Jintao soll die ideologische Formel der „Harmonischen Vielfalt“ die wachsenden Differenzen in China ausgleichen. Die Deutungshoheit behält dabei die Partei und die Maßnahmen zur Erhaltung der Harmonie können durchaus unharmonisch sein.
Von Mark Siemons, PekingIhren Höhepunkt erreichte die diesjährige Galashow im chinesischen Staatsfernsehen zum 1. Mai erst am Schluss: Da fuhr ein rotes Schiff namens „Harmonie“ auf die Bühne an der Baustelle des Pekinger Olympiastadions, und ein vielstimmiger Chor aus Wanderarbeitern und Vertretern der nationalen Minderheiten sang gemeinsam: „Das Wort ,Harmonie' sitzt tief in unseren Herzen.“ Es verbinde Himmel und Erde, verbreite sich auf der ganzen Welt und schaffe China ein neues Zuhause.
Damit war die Vorrangstellung, die das Motto von der „Harmonischen Gesellschaft“ (Hexie Shehui) seit dem Amtsantritt des Staatspräsidenten Hu Jintao im propagandistischen Sprachgebrauch innehat, wieder einmal eindrucksvoll unterstrichen. Je näher der 17. Nationalkongress der Kommunistischen Partei in diesem Herbst rückt, desto eindringlicher wird das Land auf diese Begriffsprägung verpflichtet.
Mehr als ein schönes Wort
Anfangs mochte man glauben, es gehe da nur um ein schönes Wort für das Programm, die rapide wachsenden gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich, Land und Stadt auszugleichen. Doch mittlerweile ist der Begriff zur Universalformel geworden, die von Funktionären, Fernsehmoderatoren und allen, die es zu etwas bringen wollen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Mund genommen wird. Ob es um die Reform der Hochschulen oder neue Umweltschutzgesetze, um die Ausbreitung des Buddhismus oder die Regulierung des Internets, um Familienplanung oder Leseförderung geht: Immer ist „der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft“ das letzte Ziel und zugleich das Codewort, das die erwünschte Loyalität zur regierenden Partei zu erkennen gibt.
Man würde die ideologische Semantik gründlich unterschätzen, würde man sie bloß für eine Marketingparole halten, mit der die Regierung ihre Politik mehr oder minder geschickt verkauft. Sie ist zugleich eine Interpretation und neue Grundlegung dieser Politik, unter deren Schirm sich durchaus verschiedene Zwecke versammeln. Innenpolitisch beschreibt sie nicht nur die angestrebten Sozialreformen, sondern vor allem die Erhaltung der „Stabilität“, also die Kontrolle der Öffentlichkeit. Außenpolitisch bedeutet das von chinesischen Diplomaten ins Spiel gebrachte Stichwort „harmonische Weltordnung“ neben friedlichem Interessenausgleich die Verteidigung der Multipolarität, also die Ablehnung jeder „Einmischung in innere Angelegenheiten“, etwa, was Menschenrechte betrifft.
Die neue Vielfalt bändigen
Doch hinter diesem vermeintlichen Mischmasch steckt ein gemeinsamer Nenner. Es ist die Frage, wie mit der Vielfalt umzugehen sei, die für das kommunistische China etwas Neues ist, wie Differenz und Status quo unter einen Hut zu bringen sind. Deng Xiaoping hatte die Genossen noch frohgemut ermuntern können, keine Angst vor immer weiteren marktwirtschaftlichen Öffnungen zu haben, solange sie dabei die politische Macht in der Hand behielten. Doch Hu Jintao hat wiederholt die Sorge geäußert, dass die Ausdifferenzierung, wenn man sie sich selbst überlässt, am Ende auch für die politische Macht ein Problem sein kann.
Das Modell der „Harmonie“ bietet da eine Lösung an, und dies scheinbar genau in den beiden Hinsichten, in denen der Begriff auch bei Konfuzius vorkommt. „Der Edle harmonisiert, aber er macht nicht alles gleich; der Gewöhnliche macht alles gleich, aber er harmonisiert nicht“, heißt es im Lun Yu an einer Stelle (I, 12), und an einer anderen: „Im Vollzug des Rituals ist am wichtigsten die Harmonie“ (XIII, 23). Die Differenz ist die notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung der Harmonie; sie muss in dem „Ritual“, mit dem der Staat die Gesellschaft überwölbt, überschritten und aufgehoben werden.
Leninistische Praxis, konfuzianischer Überbau
Die Maßnahmen, die zur Herstellung dieser Einheit in der Vielheit ergriffen werden, haben dann natürlich weniger mit Konfuzius als mit Lenin zu tun. Aber es bleibt doch die Suggestion, dass die neue Politik der direkte Ausfluss des chinesischen Wesens und dessen Tradition ist, so als ob die Regierung gar nicht anders könnte, als immer und überall nach Harmonie zu streben. So bietet die „Harmonie“ der Bevölkerung zugleich einen Ersatz für die in den politischen Wirren des vergangenen Jahrhunderts verlorene Moral und Kultur an.
Sie ist ein gewissermaßen interaktiver Begriff: Jeder soll auch von sich aus das Seine dazu tun, dass das Land immer harmonischer, also stabiler wird. Darin besteht die Genialität der Formel: Sie verbindet die Rechtfertigung der gesellschaftlichen Restriktionen mit einer kulturellen Legitimierung.
Angepasster Marxismus
Von den früheren semantischen Rauchopfern, die der kommunistische Staat seinen Dienern abverlangte, unterscheidet sich dieses darin, dass es nicht bloß ideologie-immanent funktioniert. Die „Mao-Tse-tung-Ideen“, die „Deng-Xiaoping-Theorie“ und Jiang Zemins „Lehre von den Drei Repräsentationen“ waren höchst voraussetzungsreiche Gebilde, die mit all ihren Anspielungen, Verweisen und subtilen Abweichungen bloß in Beziehung auf einen schon vorhandenen Textkorpus, den Marxismus-Leninismus und dessen bisherige chinesischen Deutungen, begreiflich waren.
Die „harmonische Gesellschaft“ ist dagegen auch ohne diesen Kontext und sogar außerhalb des Landes auf Anhieb verständlich - nicht zuletzt aufgrund der allgegenwärtigen Disharmonie ringsum, von den krassen sozialen Unterschieden über die Willkür vieler Funktionäre bis hin zur allgemeinen oft brutalen Achtlosigkeit gegenüber dem öffentlichen Raum. So entspricht der Begriff der bei Hu Jintao auch sonst anzutreffenden Politik, die sprachlichen Sphären der kommunistischen Innenwelt, der alltäglichen Erfahrung und der internationalen Gemeinschaft wieder zusammenzubringen, die in den Dekaden zuvor immer weiter auseinandergeklafft waren.
Eher dürfte es ihn, wenn er denn einmal seine Theorie in Worte fassen wird, Mühe kosten, die Harmonie als Leitidee mit dem Prinzip des Klassenkampfs zu versöhnen, dem sie allzu offensichtlich entgegensteht. Deshalb fordert Hu die Theorie-Abteilungen in letzter Zeit mit wachsender Dringlichkeit auf, den Marxismus an die neuen Gegebenheiten anzupassen.
Unheimliche Neutralisierungsformel
Neu ist auch, dass das übliche Muster der Ideologiekritik hier nicht greift. Die Formel verschleiert nichts, was „in Wirklichkeit“ dahinterstünde. Ein friedliches internationales Umfeld dient wenigstens zurzeit tatsächlich am besten Chinas ökonomischen und geopolitischen Interessen. Und die Erhaltung eines Zustands, in dem die sozialen Spannungen sich nicht in Gewalt und Widerstand entladen, dürfte tatsächlich sein innenpolitisches Hauptziel sein.
Das Unheimliche an der Leitidee Harmonie ist nicht, dass sie etwas verschweigt - es ist, dass sie alles Denken aufsaugt und neutralisiert. Zwar gibt es unter ihrem großen Schirm so viel Pluralismus wie lange nicht in China - aber nur unter der Bedingung, dass keine einzelne Idee oder Äußerung ihr widerspricht, dass also die einzelnen Ideen sich so weit im Gleichgewicht halten, dass sie sich, was die Politik betrifft, gegenseitig aufheben.
Nur die Partei darf fürs Ganze denken
Was immer die Menschen sich für Gedanken machen, soll in genau definierten, abgegrenzten Subsystemen, sei es der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, bleiben und jedenfalls nicht zu dem in Konkurrenz treten können, was für sie politisch gedacht wird. Der für die politische Wirklichkeit einzig relevante Gedanke muss der der Harmonie selbst bleiben - eine eindrucksvolle Unterstreichung des kommunistischen Anspruchs auf Philosophenherrschaft: Fürs Ganze denken dürfen nur die Partei und die, die sie damit beauftragt. Tatsächlich scheint die Rechnung insoweit aufzugehen, dass staatlich verfolgte Abweichler der „überwältigenden Mehrheit des Volkes“, wie die offiziell gern gebrauchte Bezeichnung lautet, ziemlich egal sind.
Es versteht sich von selbst, dass die einzelnen Maßnahmen zur Erhaltung der Harmonie durchaus unharmonisch und brutal sein können. Ähnlich wie bei der „Tugend“ der Jakobiner liegt ebendarin die eigentliche Zuspitzung. „Harmonie“ ohne ihr stets mitbedachtes Gegenteil wäre ein leerer Begriff. Jeder dialektisch geschulte Chinese hört in der Verheißung wie selbstverständlich die Drohung mit. Allerdings sind die Zeiten vorbei, da eine staatliche Sprachregelung über Leben und Tod entscheidet, von oben nach unten durchgesetzt werden kann.
Die Balance der Denkbereiche
Die Eigendynamik der zahllosen einzelnen, jetzt sorgsam ins Gleichgewicht gebrachten Wissens- und Denkbereiche ist nicht zu unterschätzen; was sich einmal jenseits der Macht entwickelt hat, kann auch plötzlich wieder auf diese zurückschlagen. Manche Nichtregierungsorganisationen nutzen die Parole sogar als Argument für mehr lokale Bürgerbeteiligung. Die Lage bleibt also unentschieden. Wahrscheinlich funktioniert die stillstellende Wirkung der Harmonie nur so lange, wie weite Bevölkerungsteile sie mit ihren Interessen verbinden zu können glauben.
Chinesische Viel-Harmonie
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 09.05.2007, 01:06 Uhr