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China auf Frankfurter Buchmesse Braver Gast

31.05.2007 ·  Wenn China im Jahr 2009 Gastland der Frankfurter Buchmesse wird, scheint es zu einigen Zugeständnissen bereit. Anders als bei vorausgegangenen Messen wird es nicht auf die Ausladung unerwünschter Schriftsteller bestehen. Die deutschen Verlage können auch kritische Emigranten einladen.

Von Mark Siemons, Peking
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China wird 2009 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Am Donnerstag unterzeichneten Minister Liu Binjie von der für Bücher (und Zensur) zuständigen Presse- und Publikationsbehörde und Buchmessendirektor Jürgen Boos in Peking den entsprechenden Vertrag. Vorne saßen in dem kleinen Hotelsaal die Ehrengäste von der Regierung und der deutschen Botschaft, hinten die chinesischen Journalisten, denen es gestattet war, zwei Fragen zu stellen. Man stieß auch noch an und stellte sich zur Gruppenaufnahme zusammen, bevor man zum Festessen entschwand.

Alles also, wie es sein soll und sich völlig selbstverständlich anhört: letztes Jahr Indien, warum nicht in zwei Jahren China? Doch man merkte auf, als Boos in seiner Rede berichtete, dass dieser Gastlandauftritt von beiden Seiten schon seit zehn Jahren betrieben wurde. Die erste Auslandsreise seiner beiden Vorgänger führte jeweils nach Peking. Er sagte nicht, warum es bislang nicht geklappt hat und warum anscheinend bis zuletzt noch verhandelt worden ist. Aber irgendein Problem, und kein kleines, muss es gegeben haben.

Kontrollierte Pluralisierung

Das Neue und offensichtlich Heikle in Frankfurt wird sein, dass da zwei sehr verschiedene Konzepte von Öffentlichkeit aufeinanderstoßen werden, deren unmittelbare Begegnung Peking bislang immer vermieden hat. Denn was die Volksrepublik seit Jahren konstruiert, ist etwas, das der pluralistischen Moderne zum Verwechseln ähnlich sieht, mit dieser aber nicht identisch ist. Alle geläufigen Vorstellungen von sozialistischer Diktatur werden da zuschanden: Die Herrschaft ist in viele verschiedene Regulierungsmechanismen auf vielen Ebenen ausgelagert, und über die Katalysatoren Markt und Konsum hat sich mit verblüffendem Tempo eine beträchtliche Vielfalt der Denkweisen, Milieus und Lebensstile entwickelt - mit beträchtlichen Freiräumen für den einzelnen. Aber diese Pluralisierung vollzieht sich unter der ausdrücklichen Bedingung, dass alles unter Kontrolle bleibt. Mit jeder vermeintlichen Erweiterung des Spielraums werden zugleich die Überwachungsinstitutionen geschaffen, die verhindern, dass die Sache der Partei aus dem Ruder läuft.

So auch im Buchmarkt, der von Laotse bis zum Poststrukturalismus, von Karl Marx bis zu Daniel Kehlmann eine Vielfalt bietet, die auf den ersten Blick von jener westlicher Märkte kaum zu unterscheiden, jedenfalls Galaxien entfernt von der früheren Monokultur ist. Viele Bücher werden heute von privaten Geschäftsleuten streng nach Marktgesichtspunkten produziert. Doch um vertrieben zu werden, bedürfen alle Bücher einer Lizenznummer, die von den staatlichen Verlagen - es gibt bis heute nur solche - vergeben werden. Die Verlage müssen Titel und Inhaltsangabe bei der Buchbehörde einreichen, bei sensiblen Themen - politische Führer, Militär, Religion, jüngere Geschichte - das ganze Manuskript, das dann von einer „kritischen Lesegruppe“ aus pensionierten verlässlichen Kadern studiert wird. Verlage, die zu viele ungenehme Bücher einreichen, bekommen im nächsten Jahr weniger Lizenznummern. So ist eine Öffentlichkeit entstanden, die oft bis ins Detail hinein derjenigen einer offenen Gesellschaft gleicht - nur dass eben alles darin ausgespart ist, was der Macht und ihrem Bild des Landes gefährlich werden könnte.

Das Konzept der Öffentlichkeit

Bisher war es die Politik der Volksrepublik, dass sie auch bei politischen und kulturellen Außenkontakten auf dieser gereinigten Version der Wirklichkeit bestand. Noch kürzlich verließen chinesische Diplomaten in Berlin den Rechtsdialog mit der Europäischen Union, weil dort auch Menschenrechtsorganisationen erschienen, die in Peking als „chinafeindlich“ gelten. Und bei der Pariser Buchmesse 2004, die einen China-Schwerpunkt bot, hatte die Kulturdiplomatie durchgesetzt, dass der immerhin in Frankreich lebende chinesische Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian nicht eingeladen wurde.

In Frankfurt wird das nicht passieren. Der wichtigste Streitpunkt in den zehnjährigen Verhandlungen war anscheinend die Definition davon, was Öffentlichkeit bedeutet. Die Buchmesse hat darauf bestanden, dass Verlage im Rahmen der deutschen Gesetze alle Autoren einladen können, die sie wollen, und seien es kritische Emigranten wie Gao Xingjian, der Lyriker Bei Dao oder der Dalai Lama.

Gastland ist China, und zwar nicht die Volksrepublik allein, sondern auch Taiwan - inwiefern sich die Insel selbst allerdings unter dem chinesischen Label präsentieren will, dürfte vom Ausgang der Wahlen im nächsten Jahr abhängen. Wen die Volksrepublik zur Selbstdarstellung in ihren Gastlandpavillon einlädt, bleibt natürlich ihr vorbehalten. Doch auf der Buchmesse als ganzer wird die Pekinger Regierung das Markenzeichen „China“ nicht für sich allein haben, sondern mit anderen, auch jenseits der Polarität von Offiziellen und Dissidenten, in eine Konkurrenz darüber eintreten. Die gute Nachricht ist, dass sie jetzt anscheinend dazu bereit ist.

Quelle: F.A.Z., 01.06.2007, Nr. 125 / Seite 33
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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