Er hat sein Land nicht verlassen, um zu schweigen. Sollten Chinas Machthaber geglaubt haben, Chen Guangcheng bereite ihnen aus der Ferne weniger Unannehmlichkeiten, hätten sie seine Durchhaltekraft und wohlgezielte Taktik, vor allem aber auch seinen ungebrochenen Idealismus unterschätzt. Selbst die Gefahr, die seinen in der Provinz Shandong verbliebenen Verwandten droht, bringt ihn jetzt nicht davon ab, Anklage gegen ein Regime zu erheben, das er der Gesetzlosigkeit bezichtigt. Wie andere chinesische Dissidenten ist offenbar auch Chen der Ansicht, seine Freunde und Angehörigen seien am besten dadurch zu schützen, dass er die Aufmerksamkeit der Welt auf deren Not und somit den Machtmissbrauch des Staates lenkt.
Seit er vor zwei Wochen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in New York ankam, verschanzt er sich nicht in dem akademischen Turm, in dem die New York University ihn als „special student“ ihres U.S.-Asia Law Institute beherbergt. Chen hat in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN über „ein Elend, das die Vorstellungskraft übersteigt“, Auskunft gegeben und verweist in einem Beitrag für die „New York Times“ auf die „entscheidenden Unterschiede“ zwischen geschriebenen Gesetzen und jenen, wie sie in der täglichen Praxis angewandt werden. Chinas Stabilität werde nicht zuletzt davon abhängen, ob „the rule of law“, ob Rechtsstaatlichkeit in einem System hergestellt werde, wo sie gegenwärtig kaum anzutreffen sei.
Das Schlechte einfach meiden
In die Vereinigten Staaten, schreibt Chen, sei er gekommen, nicht um Asyl zu erbitten, sondern um vorübergehend zu studieren. Währenddessen hoffe er, dass die chinesische Regierung und die kommunistische Partei seines Landes eine Untersuchung der „gesetzwidrigen Bestrafungen“ durchführen, die er und seine Familie zu erdulden gehabt hätten. Von höchster Stelle sei ihm versichert worden, es seien öffentliche Nachforschungen geplant. „Ich bitte die Regierung und die Bürger der Vereinigten Staaten sowie anderer demokratischer Länder dringend darum, gegenüber der chinesischen Regierung darauf zu bestehen, dass es in dieser Sache zügig zu Fortschritten komme.“ Am Tag nach der Veröffentlichung seines cri de coeur in der „Times“ ist Chen zu Gast im New Yorker Stadtpalais des Council on Foreign Relations, einer der einflussreichsten amerikanischen Denkfabriken. Jerome A. Cohen, Rechtswissenschaftler an der New York University, unterhält sich mit ihm auf Chinesisch. Erstmals, wie Cohen erklärt, werde an diesem Ort ein ganzes Gespräch in einer fremden Sprache geführt und simultan gedolmetscht. Noch erstaunlicher ist, dass einige der amerikanischen Teilnehmer ihre Fragen ebenfalls auf Chinesisch stellen. Es sind Fragen, deren theoretischen Ansatz Chen mit einem kurzen, scheuen Lächeln immer wieder beiseiteschiebt. Er erzählt, wie es sich anfühlt, wenn Bürgerrechte gebrochen werden.
“Soll das rechtens sein?“, fragt er, nachdem er geschildert hat, wie seine Familie nachts in ihrem eigenen Haus von Vertretern der Staatsgewalt überfallen wurde, wie Türen mit Äxten durchbrochen und seinen Verwandten die Kleider vom Leib gerissen wurden. Dabei gibt es eine Verfassung, der Chen vertraut und von der er sich wünscht, dass sie sich endlich als wirksam erweise. China, sagt er, verdränge gern seine Probleme. Ohne gleich westliche Demokratien zu kopieren, könne sein Land sich asiatische Nachbarn wie Japan und Korea zum Vorbild nehmen oder einfach Konfuzius folgen, der riet, von allem, was gut ist, zu lernen und alles, was schlecht ist, zu meiden.
Er will die Gewaltakte aufklären
Gerade bei einem Bürgerrechtler wie Chen, dem die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen noch in den Knochen stecken müssen, wird dann doch die Zuversicht überraschen, mit der er sich seine Zukunft und die seiner Nation ausmalt. „Ich bin hier, um zu lernen“, betont er. Er will sich nicht wie im Exil fühlen und irgendwann wieder nach China zurückkehren. Schon seine Ausreiseerlaubnis betrachtet er aber nun als „unerhörten Fortschritt“, und er baut auf das Versprechen des Staates, die Gewaltakte in seiner Heimatprovinz aufzuklären.
China sei kein Monolith mehr, alles befinde sich dort derzeit in Fluss, aber niemand solle erwarten, dass ein Berg in einer Woche versetzt werde. Auf die Frage aus dem Publikum, ob er noch mit einer echten Demokratie in China zu seinen Lebzeiten rechne, antwortet Chen lächelnd: „Das wäre mir zu lange.“ Fern davon, die sich vor ihm auftürmenden Schwierigkeiten zu verkennen, ist er in seinem Optimismus und Fortschrittsglauben dennoch unerschütterlich. „Das grundlegend Gute im Menschen und in der Gesellschaft lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken“, versichert der Mann, der mit dem grundlegend Schlechten ausführlich Bekanntschaft zu machen hatte. Am Ende des Gesprächs erhebt sich Chen gar und ruft im Stehen noch in den Raum: „In der Welt gibt es kein Problem, das sich nicht lösen ließe.“ Da klingt er schon ganz wie ein Amerikaner.