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Chelsea Manning in Berlin : Vom Ungehorsam des freien Menschen

Seifenblasen steigen auf und nieder und zerplatzen: Chelsea Manning auf der re:publica in Berlin. Bild: AFP

Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin ist die Whistleblowerin Chelsea Manning der erste Stargast. Ihre Systemkritik fällt etwas apokalyptisch aus. Um etwas zu bewegen, will sie in den Senat.

          Für Kenner der re:publica ist am Mittwochmorgen endlich wieder alles beim Alten. Der Hof vor den Backsteingebäuden in Kreuzberg füllt sich mit Jutetaschen und Smartphones, auf getrennte Toiletten kann verzichtet werden, vor den Food Trucks bilden sich Schlangen, bevor die Sitzplätze in den Hallen gefüllt sind, und die Liste der Redner bei der 12. Internetmesse in Berlin liest sich wie die Einladung zum Stammtisch-Abend einer Digital-AG: der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, die Datenanalyse-Spezialistin Yvonne Hofstetter, die Hate-Speech-erfahrene Moderatorin Dunja Hayali, der Blogger Richard Gutjahr, Hannes Ley, Gründer der Facebook-Initiative #ichbinhier – die meisten von ihnen waren schon öfter da. Zur Begrüßung zitiert die Medienwissenschaftlerin Danah Boyd Hannah Arendt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wegen des Datenskandals gibt es in diesem Jahr mehr Facebook-Debatten, mehr zum Thema Diskriminierung durch Algorithmen und mehr Vorträge zu den Auswüchsen künstlicher Intelligenz, aber vor allem stehen Hate Speech und Zivilcourage auf der Agenda. Besucher, die zum ersten Mal da sind und sich im Netz nicht mit so viel Selbstverständlichkeit bewegen, könnten sich der Frage stellen, wie und wann und wie stark die Digitalisierung ihr Leben verändert oder längst verändert hat, während sie im Alltag wenig davon mitbekommen. Zwischen diesen beiden Polen, dem Fachpublikum und den interessierten Laien, versucht die re:publica ihre Schwerpunkte zu setzen.

          Eingekeilt zwischen Hunderten vorwiegend junger Zuhörer sitzen am Mittag vor der Hauptbühne viele auf dem Boden, den Treppenstufen der Ränge und auf ihren Reisetaschen und warten auf die Person, die alle gleichermaßen interessiert. Zu Diskolichtern und Seifenblasen-Schauern lässt sich die Whistleblowerin Chelsea Manning in schwarzem Blazer neben den Moderatorinnen Theresa Züger und Geraldine de Bastion nieder, die ihr im Namen der re:publica-Organisatoren anvertrauen: „Wir haben immer gehofft, dass Du eines Tages dabei sein könntest.“ Die Veranstaltung nennen sei einen „Fireside Chat“, was bei der Dimension der Halle und der Besucherzahl inbesgesamt – mehr als 9000 – nur ironisch gemeint sein kann. Sechshundert Redner sind für die drei Tage der Konferenz angekündigt. Aber es erinnert auch an das Mitgestaltungs- und Mitspracheprinzip der ersten Jahre, die Fragen aus dem Publikum bekommen deshalb auch reichlich Raum.

          Vor einem Jahr wurde Manning, die in Amerika wegen Hochverrats in Haft saß, von Präsident Obama begnadigt. Jetzt ist sie zum ersten Mal in Berlin, um mit Nachdruck über die ethische Verpflichtung zu zivilem Ungehorsam und ihr Leben als freier Mensch zu sprechen. Nach sieben Jahren ohne Stimme sei sie noch in der Genesungs-Phase, sagt die Whistleblowerin.

          2010 schickte Manning beim Militärdienst in der Nähe von Bagdad, damals noch Obergefreiter und Computerexperte der amerikanischen Streitkräfte mit dem Namen Bradley Manning, Hunderttausende vertrauliche Dokumente und Videos an die Plattform Wikileaks. Die Aufnahmen, die zeigen, wie aus einem amerikanischen Hubschrauber auf Menschen gefeuert wurde, gingen um die Welt. 2013 wurde Manning wegen Spionage zu 35 Jahren Haft verurteilt. Noch im Gefängnis begann sie eine Geschlechtsumwandlung.

          Ein Vorbild möchte sie nicht sein

          Ihre ersten öffentlichen Auftritte nach der Begnadigung handelten vor allem von ihrem persönlichen Kampf um Akzeptanz und der Rückkehr in die amerikanische Gesellschaft. Zudem gelang es Manning, sich mit Äußerungen zu Militarisierung, Massenüberwachung und Digitalpolitik einen Ruf als Gesellschaftskritikerin zu erarbeiten. An den Missständen im Netz, sagt Manning in Berlin, habe sich in den Jahren ihrer Haft wenig geändert. Die Verarbeitung großer Datenmengen durch Algorithmen sei die logische Konsequenz der schon viel früher begonnenen Big Data-Sammlung. Die Art des Umgangs mit den Daten werde darüber bestimmen, wie sich die Gesellschaft weiterentwickle. „Ich halte es für gefährlich, dass intelligente Maschinen zu Erkenntnissen in der Lage sind, zu denen das menschliche Gehirn nie im Stande wäre“, sagt Manning. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis und der Geschlechtsumwandlung habe sie selbst erlebt, was es heiße, ein Leben ohne digitale Existenz zu führen. Als sie versucht habe, ein Konto zu eröffnen, sei ihr Betrug vorgeworfen worden. Vielen Menschen bleibe so ein Platz in der Gesellschaft verwehrt.

          Mannings Systemkritik ist deutlich: Polizei, Militär und Behörden nähmen die Entwicklung in eine über Algorithmen gesteuerte Welt billigend in Kauf, Firmen profitierten davon, wenn existierende Probleme sich im Digitalen verstärkten. Staatliche Regulierungen hält sie für willkürlich, Gesetze ließen sich anders interpretieren, Institutionen könnten versagen und täten dies auch, Lobbyismus sei überall. Die Verantwortung sieht Manning eher bei den Programmierern und Entwicklern. „Unsere Position ähnelt der eines Arztes“, sagt sie. Entwickler bräuchten bei ihrer Arbeit ethische Standards. Was sie den Menschen übergäben, sei nicht einfach ein Produkt. Viele spätere Probleme ließen sich am Effektivsten in der Entwicklungsphase lösen.

          Für ihre Fans auf der re:publica, die ihr Heldentum attestieren und sie eine „Galionsfigur“ der Veränderung nennen, will Manning zwar kein Vorbild sein, lässt sich dann aber noch zu einem Plädoyer für mehr Menschlichkeit hinreißen. Ein Kulturwandel hin zu mehr Offenheit und Interesse, ein Schritt zurück und ein kritischer Blick auf die eigene Position in der Gesellschaft seien nötig. „Menschen sind wie komplexe Algorithmen, Tag für Tag lernen sie neue Vorurteile“, ruft sie in den Saal, und: „Lasst uns mit dem, was wir haben, das Beste tun, was wir können.“ Die Zeit sei knapp, ein totalitäres System nahe. Ihren ersten Schritt Richtung Systemwandel hat Chelsea Manning selbst schon gemacht: Im Januar kündigte sie an, für den amerikanischen Senat zu kandidieren.

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