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„Charlie Hebdo“ zu Edwy Plenel : Die dümmste und peinlichste aller möglichen Reaktionen

Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen: So zeichnet „Charlie Hebdo“ den Journalisten Edwy Plenel. Bild: Charlie Hebdo

Die fünfte Kolonne der sechsten Säule: Die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ attackiert den Journalisten Edwy Plenel als Komplizen von Tariq Ramadan. Der Angegriffene fühlt sich an die NS-Zeit erinnert.

          Mit Tariq Ramadan auf dem Titelbild und seiner Erektion „Ich bin die sechste Säule des Islams“ hat „Charlie Hebdo“ in der vergangenen Woche eine neue Welle von Beschimpfungen und Attentatsdrohungen ausgelöst. In der neuesten Ausgabe legt die sich Zeitschrift mit dem prominenten französischen Journalisten Edwy Penel an: Er wird auf dem Cover als Komplize Ramadans und der Islamisten präsentiert.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Plenel war die Nummer zwei in der Redaktion von „Le Monde“, bevor er das Internetportal „Mediapart“ gründete. Schon beim „Monde“ hatte er sich als Enthüllungsjournalist einen Namen gemacht. Für „Charlie Hebdo“ zeichnete die Karikaturistin Coco vier Plenel-Porträts nach dem berühmten Vorbild der drei Affen, die nichts sehen, hören und sagen. Sie spielt mit Plenels Markenzeichen, dem Schnauz, der ihm Augen, Mund und Ohren verstopft. Ein Volltreffer ist auch die Schlagzeile: „Mediapart enthüllt: Wir wussten von nichts.“

          An solidarischer Unterstützung durch die Kollegen hatte es „Charlie Hebdo“ in all den Jahren der Drohungen, weltweiten Demonstrationen, Prozesse, Brandanschläge und des Attentats nicht gefehlt. Mit einer Attacke der Zeitschrift auf Medien hatte niemand gerechnet. Unterstellt die Journalisten-Schelte, dass Mediapart die Tariq Ramadan vorgeworfenen sexuellen Verbrechen bewusst unterschlagen hat? Dafür gibt es keine Belege, auch andere Redaktionen wollten nicht über die mutmaßlichen Vergewaltigungen berichten, solange es keine Klägerin gab. Der Mediapart-Journalist Fabrice Arfi twitterte: „Vorbehaltlose Unterstützung, wenn Charlie bedroht wird. Aber mit Worten, Ideen und Fakten gegen dieses erbärmliche Cover.“ Bei diesem Kommentar hätte man es bewenden lassen können.

          Doch Edwy Plenel fühlt sich von der provozierenden Attacke der „Charlie Hebdo“-Karikaturistin durchaus getroffen. Er gehört zu den Journalisten, die Tariq Ramadan förderten und unterstützten. Plenel hat viele Auftritte mit dem Islam-Intellektuellen bestritten, in den Medien und auch an Orten, wo Ramadan ein Heimspiel hatte und dem kritischen Journalisten vielleicht das eine oder andere hätte auffallen können. Plenel war Trotzkist. Er verteidigt die Muslime als neue Proletarier so eifrig gegen die „Islamophobie“, dass man manchmal durchaus den Eindruck bekam, er verniedliche die Attentate. Cocos Titelblatt muss Plenel wohl so gedeutet haben, als würde er nach der „sechsten Säule“ des Terrorismus – Ramadan – als dessen „fünfte Kolonne“ vorgeführt. Prompt ließ er sich zur dümmsten und peinlichsten aller möglichen Reaktionen verleiten: Edwy Plenel entblödete sich nicht, das Cover mit der berühmten „Affiche Rouge“ zu vergleichen.

          Das „rote Plakat“ war von den Deutschen im besetzten Paris ausgehängt worden. Auf ihm sind die Mitglieder der Manouchian-Widerstandsgruppe abgebildet. Ihr gehörten vor allem staatenlose Armenier und Juden aus Osteuropa an. „Befreier?“, stand in großen Lettern auf dem Plakat: Nein – eine „Armee des Verbrechens“. Der Aushang war eine Botschaft an die Résistance. Louis Aragon hat „L’Affiche Rouge“ ein Gedicht gewidmet, der Sänger Jean Ferrat machte daraus ein Chanson, das in Frankreich jeder kennt.

          Ihm werden Vergewaltigungen vorgeworfen: Tariq Ramadan.
          Ihm werden Vergewaltigungen vorgeworfen: Tariq Ramadan. : Bild: AP

          Auf den Vergleich hat „Charlie Hebdo“-Redakteur Fabrice Nicolino mit einem glänzenden Kommentar reagiert. Er verweist darauf, dass Plenel den Titel seines Pamphlets „Für die Muslime“ Emile Zolas „Für die Juden“ entlehnt habe. Der Dichter schrieb seinen Artikel zwei Jahre vor seinem Aufruf für den des Landesverrats angeklagten Juden Alfred Dreyfus: „J’accuse!“. Aber auch sonst, höhnt Nicolino, habe der Ex-Trotzkist in seiner Verwirrung einiges verwechselt. Zum Beispiel das kleine Detail, dass nicht er selber und die Redakteure von Mediapart erschossen wurden wie Missak Manouchian und seine 22 „Terroristen“ von den Deutschen im Krieg.

          Quelle: F.A.Z.

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