10.04.2008 · „Verfällt ein Land dem Castingwahn?“, fragte sich Frank Plasberg in seiner „Hart aber fair“-Runde. Sie wurde zum Gespräch über den abwesenden Herrn B., der aber kongenial vertreten wurde. Auch dabei: ein gereifter Daniel Küblböck.
Von Jörg Thomann„Das ganze Leben ist ein Quiz“, heißt es in einem Schlager längst vergangener Tage, „und wir sind nur die Kandidaten.“ 1991 hat Hape Kerkeling das gesungen, was immerhin acht Jahre vor dem deutschen Start von „Wer wird Millionär“ und somit wahrhaftig visionär war. Seitdem ist eine Fernseh-Ewigkeit vergangen, und es stimmt nur noch der zweite Teil der kerkelingschen Diagnose. Kandidaten sind wir noch immer, doch schlagen wir uns längst nicht mehr mit Quizfragen herum. Heute ist das ganze Leben eine Casting-Show.
Das jedenfalls war die Ausgangsthese der gestrigen Runde bei Frank Plasberg: „Superstar statt Fleißarbeit - verfällt ein Land dem Castingwahn?“ In Show, Leben, Job, überall werde gecastet, so der „Hart aber fair“-Moderator - „und wir sind alle ein bisschen Bohlen: Daumen rauf, Daumen runter“. Zumindest im Fernsehen wird derzeit jeder gecastet, der nicht bei drei auf dem Baum ist: Soeben hat sich im ZDF Thomas Gottschalk auf die Suche nach einem „Musical-Showstar“ begeben, dem Sat.1 in „Ich Tarzan, du Jane!“ schon seit drei Wochen nachspürt. Beide Sendungen indes stoßen auf mäßige Resonanz, ganz anders als das in der fünften Staffel laufende „Deutschland sucht den Superstar“ von RTL. „Da fehlen die bösen Sprüche“, urteilte Plasberg über die jungen Konkurrenzsendungen, „und es fehlt die Quote.“
Der einzige Superstar
Für die bösen Sprüche aber und damit fast ausschließlich für „DSDS“ interessierte sich Plasbergs Runde, die so ein ausführliches Gespräch über den abwesenden Herrn B. führte. Anwesend waren zwei, die Bohlen gut kennen: der Musikmanager Thomas M. Stein, Juror in den ersten beiden „DSDS“-Staffeln, sowie der einzige - jedenfalls zeitweilige - Superstar, den diese Sendung je hervorgebracht hat: Daniel Küblböck. Gut sieht er heute aus, weit besser jedenfalls als früher: Sakko und locker gebundene Krawatte, kürzere Haare, ohne Brille - und dass er sich einst unter Anteilnahme der Fachmedien die Ohren anlegen ließ, wurde uns bei Plasberg noch einmal in Erinnerung gerufen. Wie auch andere Schlagzeilen aus der schillernden Karriere Küblböcks, der irgendwann so berühmt oder auch berüchtigt war, dass die „Tagesschau“ seinen Auto-Crash gegen einen Gurkenlaster vermelden zu müssen meinte.
„Ich war jung und brauchte das Geld“, erklärt Küblböck seine medialen Eskapaden und sagt, dass er „viele Sachen im Nachhinein bereue“. Siebzehn war er, als er trotz unüberhörbarer stimmlicher Mängel zum Star wurde, weil er aus der biederen Kandidatenschar herausstach, zweiundzwanzig ist er heute und wirkt ziemlich altersnaseweis. Als Medienkritiker, der hinter die Kulissen geblickt hat, weiß er, dass „DSDS“ erst in zweiter Linie eine Musiksendung ist und das eigentliche Konzept das einer Soap, um deren Protagonisten herum „Geschichten erfunden“ werden. „Mach' diese Schlagzeile, dass wir Platten verkaufen“, hätten auch die Musikfirmen von ihm verlangt. Küblböck brachte seine Medienpräsenz auf Platz eins der Single-Charts, seine im Alter von achtzehn veröffentlichte Autobiographie fand 80.000 Käufer. Anschließend kam sein Film „Daniel - Der Zauberer“ ins Kino, den aber, was bei Plasberg gnädig verschwiegen wurde, schon niemand mehr sehen wollte: Nach einer Woche verschwand das Werk von den Leinwänden. Heute versucht sich Küblböck als Jazz-Sänger.
Dann geht die Post ab
Während Küblböck beobachtet hat, dass die Casting-Show „von Staffel zu Staffel immer schärfer wird“, lobt Thomas Stein die „wunderbare Bildsprache“ seines einstigen Mitjurors Bohlen und behauptet: „Jeder weiß, was auf ihn zukommt.“ Wolfgang Bergmann, Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologe, widerspricht: „Kinder rutschen ungeschützt da rein“, tadelt er, und auch viele Eltern seien überfordert; fatal sei es, dass die Medien heute als „Inbegriff der Bedeutsamkeit“ gälten. Die zweite Casting-Kritikerin in der Runde ist Joy Fleming, die ungeschickterweise bekennt, sich derlei Programme „noch nicht reingezogen“ zu haben: „Ich zapp's immer weg.“ Mehrfach teilt sie ungefragt mit, auch mit dreiundsechzig Jahren noch drei Stunden auf der Bühne zu stehen, „und dann geht die Post ab“. Vielleicht wäre sie bei der Methusalemsammlerin Maischberger besser aufgehoben gewesen.
Der Publizist Henryk M. Broder gab mit funkelnden Augen und grimmigem Grinsen das Rumpelstilzchen der Runde und bildete mit Stein die Achse des Bösen. Als Kolumnist singt er Loblieder auf Bohlen, bei Plasberg pries er die Casting-Shows als „absolute Spitzenprogramme“. Viel schlimmer seien „Leute, die andere vor sich selbst beschützen wollen“, sagte er mit Blick auf Bergmann und warnte vor einer „Kulturdiktatur“. Mit dem Psychologen lieferte er sich ein Privatduell, nachdem jener mehrfach diagnostiziert hatte, dass Broder an seine eigene Thesen gar nicht glaube. „Zu meinen Grundrechten gehört es, mir meinen Therapeuten auszusuchen“, entgegnete Broder. „Sie werden es nicht.“
Ein kongenialer Vertreter
Sollte Dieter Bohlen mal Urlaub machen wollen, er fände in dem Börne-Preisträger einen kongenialen Vertreter. „Frau Fleming möchte von ihren Erfahrungen von den zwanziger Jahren berichten“, stichelte Broder ungalant. Und Bergmanns Prinzip, seine elf Jahre alte Tochter nicht allein, sondern nur mit ihm gemeinsam „DSDS“ schauen zu lassen, nannte er gar eine „extrem bedenkliche Situation des Kindesmissbrauchs in der Familie“.
Damit hatte „Hart aber fair“ selbst „DSDS“-Niveau erreicht: reichlich unterhaltsam, laut bis über die Schmerzgrenze hinaus und inhaltlich sehr dünn. Die Verengung der Debatte auf die Bohlen-Tiraden ließ profunderer Analyse keinen Raum. Unerwähnt blieb, dass die Casting-Shows gerade jungen Menschen, die keine Chance auf höhere Bildung haben, auch einen Aufstieg bescheren können, und dass manchen schon ein paar Wochen im Rampenlicht Selbstvertrauen bringen (anderen aber auch nachhaltig schaden) können. Es fehlten, wie es ja auch bei „DSDS“ die Regel ist, die Zwischentöne.
Passend aber war es, dass Plasberg gegen Ende der Sendung ein Zuschauer-Voting ansetzte: Wessen Auftritt man am überzeugensten fand, den durfte man zum „Superdiskutierer“ ernennen. 75.000 Zuschauer stimmten im Internet ab - und kürten, ganz braves öffentlich-rechtliches Publikum, mit dem Psychologen Wolfgang Bergmann die Stimme der Moral: Er lag mit 45,7 Prozent weit vorne. Der bekennende Populist Henryk M. Broder kam mit 9,8 Prozent auf den letzten Rang. Verwirrenderweise jedoch zeigte die Grafik, die Plasbergs Redaktion einblendete, andere Zahlen, nach denen Joy Fleming hinten lag. Möglicherweise könnte Broder das Urteil also anfechten - und wäre im Recall dann wieder dabei.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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