Dieses Buch ist kein Horrortrip ins Herz der Finsternis. Aber Wohlfühllektüre für den Sessel vor dem Kaminfeuer ist es auch nicht. „Neukölln ist überall“ (Ullstein Verlag) ist ein aufregender, hochpolitischer Zustandsbericht aus einem Zukunftslabor namens Neukölln. Hauptperson ist der Autor, Bürgermeister einer mittleren Großstadt, die zur deutschen Hauptstadt gehört, was diese oft vergisst. Er erzählt von Verwahrlosung, Gewalt und Verlust der Zivilität, von Misserfolgen ohne Zahl, so dass einem beim Lesen schwindlig werden kann. Und er verblüfft, wenn sich Verzweiflung breitmacht, sogleich mit seiner Überzeugung, dass die Vernunft und ein klarer Blick für das wirkliche Leben immer auch Auswege finden lassen. Die nicht unbedingt zum Erfolg führen, aber nicht selten eben doch. Er beruft sich dabei auf Lassalle, wonach alle politische Kleingeisterei im Verschweigen und Bemänteln dessen besteht, was ist.
Man muss sich also streiten wollen und darf nicht feige sein, es braucht dafür Leidenschaft und Empathie. Das alles scheint der Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky im Überfluss zu haben, hinzu kommt Berliner Mutterwitz, ein ausgeprägtes Desinteresse an einer glatten Parteikarriere, die verlässliche Abneigung gegen „Sonnenscheinthesen“ zur Integrationspolitik sowie ein exzellentes Frühwarnsystem für Katastrophen im Alltag eines Gemeinwesens wie Neukölln, dessen guter Geist er ist. Heinz Buschkowsky ist eine Ausnahmeerscheinung, aber kein Einzelkämpfer. Er hat all jene um sich geschart, die sich dieser schier ausweglosen Situation stellen, in die Neukölln geraten ist dank verantwortungsloser Wirtschaftspolitik und der Blindheit politischer Entscheidungsträger.
Wenig Vergleichbares in Deutschland
In diesem Buch benennt er jede Menge bisweilen absurd anmutender politischer Fehlentscheidungen, die er nicht verhindern konnte, die aber ganze Wohnviertel in eine Abwärtsspirale geraten ließen. Er beschreibt das Entstehen geschlossener Gesellschaften, die alles Deutsche ablehnen, und hält wenig von Durchmischung – der Zug sei längst abgefahren. Stattdessen greift Buschkowsky die unsichtbaren Mauern an, hinter denen selbsternannte Friedensrichter das deutsche Recht aushebeln, obskure Moscheevereine den schlechten Ton vorgeben und wo das Transfersystem des Wohlfahrtsstaates jeden Aufstiegswillen zu ersticken droht.
Buschkowsky hält die Segregation für unumkehrbar und erklärt auch, warum der denkfaule Verweis auf die Erfolge der Hugenotten dereinst in Preußen wenig taugt zum Vergleich mit der heutigen Einwanderergesellschaft in Städten wie Berlin-Neukölln. Er bricht diese geschlossenen Viertel auf, pflanzt sein Ideen hinein, sensibel für die Unterschiede, aber unnachgiebig, wenn es um Standards des guten Zusammenlebens, um den „Frieden in der Stadt“ geht. Das schafft viele Feinde, nicht nur unter arabischen Patriarchen, sondern vor allem bei den Sonntagsrednern einer seiner Ansicht nach „nur beobachtenden Gesellschaft“.
Der Preis für die Lebenslügen
Heinz Buschkowsky ist ein Träumer, aber kein Phantast, die Hälfte dieser fast vierhundert Seiten sind kluge Analyse und Konzept, wie man ändern könnte, was andere lieber gar nicht erst sehen wollen. Er ist sich sicher, dass „wir den Knick im Tunnel, hinter dem das Licht ist“, erreichen können. Nicht alle halten an seiner Seite durch. Aber er findet immer wieder neue Helfer – Schüler, Lehrer, Richter, Polizisten, Journalisten –, weil in Neukölln nicht nur überbordende Straßengewalt zu besichtigen ist und eine sich offenbar immer von Neuem reproduzierende Bildungsabstinenz, sondern weil dort ein Klima der Offenheit herrscht, in dem Konflikte erkannt werden und man darüber streitet in einer Art, die von der Konsenskultur des politischen Mainstreams abweicht. Das regt die Phantasie an und erzeugt Hoffnung. Man wird in Deutschland wenig Vergleichbares finden.
Buschkowsky hat man zu diesem Buch überreden müssen, und er hat sich zum Glück nicht verführen lassen, seinen erfrischenden, lakonischen Stil aufzugeben; kurzum, er schreibt so authentisch und klar, wie er redet. Das erste Kapitel ist ein wenig Heimatkunde, sein „Werbeblock“, bevor es zur Sache geht, zur sozialen Lage und zur Einwanderung – denn in diesem Sinne hält Heinz Buschkowsky sein Neukölln für systemrelevant. Kluge Integrationspolitik, schreibt er, sei kein Wettbewerb um den Mutter-Teresa-Preis, aber eine Überlebensfrage für unsere Gesellschaft: „Das Humankapital unseres Landes liegt nicht auf der Elbchaussee in Hamburg, in Dahlem-Dorf in Berlin oder am Starnberger See. Es liegt vielmehr dort, wo viele Kinder sind.“ Zum Beispiel in Neukölln.
Er lässt die Zahlen sprechen und will sich nicht abfinden, dass unter diesen Kindern zu viele sind, die als abgehängt gelten, verlangt größere Anstrengungen, sie auszubilden, egal, wie schwierig und teuer das wird. Und er verweist auf andere europäische Länder, die den Preis für die Lebenslügen der Integrationspolitik mit einem Erstarken der radikalen Ränder bezahlt haben. Davon sei Neukölln zum Glück weit entfernt.
Wir singen nicht für Schläger
Wenn er von Gewalt und Verwahrlosung erzählt, geht es ihm nicht nur um den Schrecken, der sich so verbreitet und der „Gift für die Integration“ ist. Ihn treibt vor allem um, dass er in seinem Integrationslabor sehr genau beobachten kann, wie sich die Gesellschaft spaltet. Nicht in Arm und Reich, das wäre ihm zu simpel. Sondern in Viertel, wo die Straße Ton und Verhalten vorgibt und ein „Täteradel“ regiert, und in andere, wohin sich Resignierte, darunter viele erfolgreiche Einwanderer, zurückziehen, die aber auch nicht sicher sind vor Übergriffen. Manchmal ist er erschrocken, was er bei Schulbesuchen oder in seinen sehr gut besuchten Sprechstunden erfährt. So wollte er einen Schulchor zur Einbürgerungsfeier einladen und bekam eine Absage: „Wir singen nicht für die, die uns auf der Straße verprügeln.“
Arabische Schüler kamen zu ihm ins Rathaus, um ihn zu bitten, gegen die Fremden, die immer wieder in Schulen eindringen und Drogen verkaufen und Kinder und Lehrer verprügeln, etwas zu unternehmen. Die Polizei war überlastet, und so entstand das Projekt Wachschutz. Es hat glänzend funktioniert, auch wenn man Buschkowsky dafür jenseits von Neukölln beschimpfte. Sogar von „paramilitärischen Einheiten“ war die Rede. Dann aber fand nicht einmal der schlaue Buschkowsky noch Geld in der chronisch klammen Bezirkskasse, also keine Wachschützer mehr. Die brutalen Übergriffe begannen von Neuem. Im nächsten Jahr soll es wieder Schutz geben.
Was ist uns Zivilität wert?
Und wie erreicht man die Aussteiger, die Verliererkinder, die „verlorene Generation“? Kinder, die in die Schule kommen, aber keiner normalen Unterhaltung folgen können, weil sie über keinen Wortschatz verfügen. Kinder, deren Eltern das komplizierte Hartz-IV-Antragswesen gut beherrschen und ihrem Nachwuchs den Glauben mitgeben, das sei das Lebensziel an sich. Heinz Buschkowsky hängt dem noblen Traum vom Aufstieg durch Bildung an, unerschütterbar, auch, weil es eine ursozialdemokratische Forderung war. Aber er ist Pragmatiker. Alle, die in der Abwärtsspirale Richtung Rand der Gesellschaft gefangen sind, wird er nicht retten können. Doch Buschkowskys Rettungsinseln, seine Neuköllner Leuchtturmschulen, die können sich sehen lassen.
Die Musikschule wurde ausgebaut, das einfache Konzept lautete: Keine Familie zieht hier weg, weil das Kind keinen Geigenunterricht bekommt. Oder das Albert-Schweitzer-Gymnasium. Es befand sich in einem „kriminalitätsbelasteten Gebiet“. Da schickten auch leidgeprüfte, ehrgeizige Neuköllner ihre Kinder nicht mehr hin, die Schule sollte geschlossen werden. Buschkowsky wehrte sich. Die Schule bekam einen neuen Direktor, verlängerte die Probezeit auf zwei Jahre, wurde Berlins erstes Ganztagsgymnasium und bietet Förderkurse für Deutsch bis zum Abitur an. Nach fünf Jahren hatte sich die Schülerzahl verdoppelt, die Noten liegen im Durchschnitt. Der Sonderweg dieses Gymnasiums für Einwandererkinder kostet 220000 Euro mehr als üblich. Buschkowsky: „Das ist der Gegenwert von fünf Jugendknastplätzen.“ Die Gesellschaft habe also die Wahl.
Heinz Buschkowsky ist durch halb Europa gereist, um sich in Großstädten umzuhören, die wie Berlin große Einwanderergruppen integrieren sollen. Er hat sich manches abgeschaut, aber sich auch Berichte anhören müssen, die das wirkliche Leben ausblenden. Diese Wahrnehmungsschwäche scheint vor allem und überall Politiker und leitende Beamte zu befallen, wenn sie eigentlich ratlos sind. Dann nehmen sie offensichtliche Verwerfungen zur Kenntnis wie den täglichen Bericht übers Wetter, an dem man auch nichts ändern kann. Und denken sich das nächste Schönwetterprojekt aus. Buschkowsky bevorzugt den klaren Blick, nicht den verklärten. Er möchte ihn mit diesem Buch noch einmal auf die lenken, die zurückgeblieben sind. Die immer mehr werden, weil man sie nicht sehen will, und sich stattdessen daran berauscht, wie viele es doch immerhin und trotz alledem geschafft haben.
Überfällige Diskussion um gesellschaftliche Entwicklung
Georg Grebner (GeorgGrebner)
- 21.09.2012, 21:29 Uhr
Medienzensur
Matthias Jehn (statement)
- 21.09.2012, 19:25 Uhr
Hartzvier - Ein Verbrechen
Josef Erwin Herz (Ontotheo)
- 21.09.2012, 12:01 Uhr
Wenn ich den Namen dieses Mannes sehe kommt bei mir der Wutbürger hoch!
Eva Plecita (MilanPrager)
- 21.09.2012, 09:37 Uhr
Buschkowsky ist bewundernswert aber die meisten Politiker schauen gar
nicht hin...
Gerhart Manteuffel (cem_m)
- 21.09.2012, 09:03 Uhr