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Burka in Europa : Raus aus der Quengelecke

Burka-Trägerinnen bei einer Kundgebung in Offenbach Bild: dpa

Auch wenn die Burka eigene Kulturleistungen hervorgebracht hat: Die Trägerin vereitelt eine Form der Kommunikation, die Europa stark macht. Wer Burka trägt, kann hierzulande nur Tourist sein.

          Die Debatte darüber, ob man in Deutschland das Tragen der Burka, also die Ganzkörperverschleierung der Frau, in der Öffentlichkeit verbieten sollte, rührt an Grundfragen des kulturellen Selbstverständnisses. Das Argument mancher Befürworter eines Verbots, das Zeltkleid mit dem Augenschlitz verletze die Würde seiner Trägerin, weil es sie anonymisiere, überzeugt nur bedingt: Viele Musliminnen, die die Burka tragen und schätzen, finden im Gegenteil, das Gewand schütze ihre Würde, weil es ihnen unwillkommene Blicke erspare. Menschenwürde wird in unterschiedlichen Kulturen eben verschieden interpretiert. Was im Vorderen Orient weibliche Würde bewahrt, wirkt hierzulande, als verweigere die Frau die Kommunikation im öffentlichen Raum, indem sie einseitig ihre Identität verheimliche. Das ist eine unschöne Geste, weil die auf Gegenseitigkeit angewiesene Offenheit der europäischen Kultur nicht erwidert wird. Wer draußen ständig mit Burka herumläuft, macht die „Universität“ jeder Europäerin, ihren äußeren Reiz der inneren Schönheit entsprechend darzubieten, fremde Blicke abzuwehren, zu absorbieren oder zu erwidern, was niemals ohne Fehlschläge abgehen kann, einfach nicht mit.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei ist das Burkatragen eine eigene Kulturleistung. Es ist eine Kunst, die Übung und Geschick erfordert, das stoffreiche Kleidungsstück beim Gehen, Wenden, Treppensteigen immer in der richtigen Sekunde so zu raffen, zu lupfen oder schwingen zu lassen, dass man nicht darüberfällt oder sich einschnürt. Und wenn die keusche schwarze Robe, die nur Gesicht und Hände freilässt, durch Make-up, Parfum und Goldschmuck etwas ausgeglichen werden kann, so öffnet die Burka der männlichen Phantasie alle Schleusen.

          Ein Minimum der Respekterweisung

          Die übertriebene physische Offenherzigkeit hierzulande gilt manchen als Grund dafür, dass die Männer übersättigt und unromantisch und Familien kinderarm seien. Doch das ist nur der Bodensatz der erhabenen Ideale der Aufklärung. Deren große Errungenschaft besteht darin, dass wir gelernt haben beziehungsweise lernen sollen, unseren Verstand und die Sinne zu gebrauchen, um, ohne uns auf Glaubenskrücken zu stützen, den Blick auf die Welt und auf uns selbst zu wagen. Dazu gehört, dass man sein Gesicht zeigt, damit das Gegenüber jemandes Worte mit den feineren Signalen des Mienenspiels vergleichen kann. Dazu gehören die Kunstmuseen, wo wir Darstellungen nackter Körper bewundern, während wir selbst uns züchtig bedeckt halten. Der Sinn solcher Betrachtung liegt nicht im Lustgewinn, der freilich eine Nebenwirkung sein kann. Das Pathos dieser Bilder ist die nackte Wahrheit, nicht Schamlosigkeit. Sie zeigen ja auch Alter, Leiden, Sterben, Tod. Und die großartigsten Gemälde zeigen Frauen, die keineswegs ideale Figuren und Gesichtszüge haben, deren Formen der Künstler aber mit einem kaum sichtbaren Lichtschimmer umhüllt, der dem Betrachter die Brille der Liebe aufsetzt.

          Wer mit einer Burka bekleidet durch eine Gemäldegalerie promeniert, erniedrigt die Kunst, unseren größten Schatz. Die Malerei erforscht den Sinn unserer physischen, sterblichen, fragwürdigen Existenz, sie tut es ungeschützt, und das gebietet als Minimum der Respekterweisung, dass der Betrachter sich und seine mögliche Erschütterung nicht versteckt. Die Burkaträgerin macht aus dem Museumsbesuch eine Peepshow, aus einer Begegnung mit Kunst wird feiger Voyeurismus.

          Der Charme unserer Breiten

          Die Burka-Frage stellt sich in Deutschland - noch - nicht so dringlich wie in Frankreich. Deswegen wenden die Linken sich gegen die Petition, das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit zu verbieten; das Problem sei herbeigeredet. Es lohnt sich aber in jedem Fall, zu überlegen, inwieweit der öffentliche Raum auch ein Kulturraum ist, in dem man bestimmte Dinge einfach nicht tut. Hierzulande ist es unhöflich, sein Gesicht zu verbergen. Das Vermummungsverbot ist ein hohes Gut und darf nicht ausgehebelt werden.

          Es ist keine Zumutung, wenn man von Leuten, die in Deutschland leben, verlangt, die Burka im Schrank zu lassen. Umgekehrt ziehen wir bei einer Iran-Reise das Zeltkleid ja auch gern an. Der Charme unserer Breiten liegt nun mal darin, dass die Frauen hier ganz nach Gusto kurze Röcke, enge Hosen oder Dekolleté tragen, egal ob es ihnen steht oder nicht. Dafür übertreiben sie es weniger mit Gold und Schminke. Dem kann man, dessen seien die muslimischen Mitbürger versichert, viel Gutes abgewinnen. In der neuen Heimat verliert man immer etwas, dafür kann man Neues lernen. Und vielen Hiesigen imponieren die stille Schönheit und die bescheidenen Manieren mancher Musliminnen.

          Selbstverständlich bleibt Deutschland ein für viele Kulturen offenes Land. Zumal bei Touristen sollten wir großzügiger sein als etwa Iran und Vollverschleierte, die uns besuchen, willkommen heißen. Nur wer sich dauerhaft bei uns niederlässt, muss lernen, dass Frauen ihre Würde hierzulande anders wahren können, als indem sie sich einen Sack über den Kopf ziehen.

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