http://www.faz.net/-gqz-8n0wy

Bundeswehr-Serie „Die Rekruten“ : Ich glaub’, mein Schwein pfeift

Kein „Abenteuerspielplatz“ und nicht die Echtzeitausgabe von „Top Gun“: Die Webserie „Die Rekruten“ vermittelt ein Bild von der Grundausbildung nei der Bundeswehr. Bild: Bundeswehr

Wieso regen sich so viele über die Webserie „Die Rekruten“ auf, mit der die Bundeswehr im Internet für sich wirbt? Sie zeigt zwölf junge Leute in der Grundausbildung. Nicht mehr und nicht weniger.

          Die Bundeswehr kann machen, was sie will, sie macht es in jedem Fall falsch. Vor allem bei ihrer Selbstdarstellung. Das jedenfalls ist der Eindruck, den man mit Blick auf das Medienecho bekommt, das die am 1. November gestartete Webserie „Die Rekruten“ hervorruft. Die Armee werde als „Abenteuerspielplatz“ dargestellt, heißt es auf der einen, es gehe wohl nur darum, „Jugendliche ans G36“ zu bekommen, auf der anderen Seite. Kritik kommt vor allem von der Linkspartei, den Grünen und Vertretern der Friedensbewegung, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk findet sie breiten Widerhall. Dass die Kritiker aber überhaupt gesehen haben, worüber sie sich mokieren, möchte man freilich nicht glauben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Die Rekruten“ ist nämlich weder cool, lässig noch martialisch oder oberflächlich, sondern vermittelt als Tagesprotokoll, was die jungen Soldatinnen und Soldaten in der Grundausbildung erwartet. In den ersten Lektionen geht es ums richtige Grüßen, um die „Grundstellung“, ums Antreten, ums Meldungmachen („kein Jo, kein Öh oder irgend etwas anderes“). Bevor die Rekruten den erster Marsch absolvieren, machen sie Bekanntschaft mit dem Gewicht ihres Gepäcks. Den kompletten Ausrüstungssatz von der Kleiderkammer ins Kasernengebäude zu schleppen, führt den einen oder anderen schon an die Grenzen. Die Matrosin Julia ist geschockt, dass sie sich von ihren Piercings verabschieden muss, Kamerad Jerôme ist am zweiten Tag immerhin noch gut gelaunt genug um anzumerken, für gewöhnlich stehe er nicht so früh auf. Das Wecken ist um 4.50 Uhr. Nicht später, aber auch nicht früher, wie der Unteroffizier vom Dienst bemerkt: „Habe ich schon offiziell geweckt? Ich glaub’, mein Schwein pfeift!“

          „Dann ist leider der erste Kopf ab“

          Sprüchemäßig hat sich bei der Bundeswehr auch nach der Abschaffung der Wehrpflicht offenbar wenig geändert, der Umgangston ist militärisch knapp und deutlich: „Sie warten, dass Sie wahrgenommen werden.“ Oder: „Wenn das nicht klappt, ist leider der erste Kopf ab.“ Den Geheimtipp des Tages bekommen die Rekruten von einer Obergefreiten: „Einfach nur machen, was die Vorgesetzten sagen.“

          Einfach nur machen, was einem gesagt wird - dass es bei der Bundeswehr wie bei jeder Armee Vorschriften für alles und jedes gibt, darauf lautet die übergeordnete Lerneinheit. Und darauf, dass es tausendundeine Sache zu beachten gilt, lange bevor das erste G36 in Reichweite kommt. Wer morgens, beim Antreten im Dunkeln, seine Essensmarke vergessen hat, sieht beim Frühstück alt aus. Wer ungeordnet vor seiner Stube erscheint, geht gleich wieder zurück. „Still gestanden, kein Zucken, kein Wackeln, kein Grinsen“, heißt es. Und das ist ernst gemeint. Das alles wird in der Webserie „Die Rekruten“ zwar ganz nett verpackt, mit schnellen Schnitten und lustigen Sounds versehen und mit den Selbstbekenntnissen der junge Leute, die in die Marinetechnikschule Parow an der Ostsee eingerückt sind. Aber wer keine Tomaten auf den Augen hat, bekommt unweigerlich mit, dass die Bundeswehr kein „Abenteuerspielplatz“ und nicht die Echtzeitausgabe von „Top Gun“ ist.

          1,7 Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr die auf die gesamten zwölf Wochen der Grundausbildung angelegte Webserie kosten, weitere 6,2 Millionen Euro gibt sie für die begleitende Werbung aus, inklusive Spots im Internet, Radio und mit Plakaten. Dass auch über diese Kosten lamentiert wird, hat, so wir die Klage im mit pro Jahr mit acht bis 8,5 Milliarden (nicht Millionen) Euro aus Rundfunkbeiträgen finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk hören und sehen, schon eine gewisse Delikatesse.

          Er stelle sich „die Frage, ob wirklich der finanzielle Aufwand von acht Millionen Euro im Verhältnis zu den Ergebnissen dieser Videos dann steht“, sagte etwa Tobias Lindner, der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, im Interview mit dem Deutschlandfunk: „Werbung zu machen für ein spezielles Berufsbild, nämlich das des Soldaten, heißt natürlich dann auch, man muss das verantwortungsvoll tun und das ganze Bild der Bundeswehr zeichnen und nicht nur irgendwelche netten Videos drehen, wo es darum geht, wie man Wäsche zusammenfaltet.“

          Der Mann hat gut reden. Er ist zwar Verteidigungspolitiker seiner Partei, hat sich persönlich aber, wie er im Radio eigens betont, seinerzeit für den Zivildienst entschieden. So kann er nicht wissen, wie (absurd) wichtig es bei der Bundeswehr ist, richtig „Wäsche zusammenzufalten“. Die zwölf jungen Leute, welche die Webserie „Die Rekruten“ begleitet, müssen auch das lernen. Sie durchlebten, sagt der „Beauftragte für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr“, Dirk Feldhaus, in zwölf Wochen „eine spannende Entwicklung“. Wie unspannend das sein kann, den Eindruck bekommt die Serie, die die Bundeswehr bei Youtube und Facebook aufspielt, nicht wegretuschiert. Dabei hat der Formaldienst an Tag drei der Serie noch gar nicht richtig begonnen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Merkel bedankt sich bei Angehörigen Video-Seite öffnen

          Soldaten und Polizisten : Merkel bedankt sich bei Angehörigen

          Angela Merkel hat Angehörige von Soldaten und Polizisten im Auslandseinsatz ins Kanzleramt eingeladen, um sich bei ihnen zu bedanken. Im persönlichen Gespräch wollte die Kanzlerin etwas über die Sorgen und Probleme der Familien erfahren.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Zweite Chance für die GroKo : Zwischen gestern und morgen

          Diese Woche traf sich der CDU-Bundesvorstand zur Besprechung der Wahlanalysen und zur Klärung der Frage, wie man der SPD begegnen solle. Es wurde deutlich: Für eine große Koalition gibt es noch allerhand Unwägbarkeiten.

          Heinz-Christian Strache : Mit anstößigen Sprüchen nach oben

          Seit 2005 führt er die rechte FPÖ, in der neuen österreichischen Regierung wird er Vizekanzler. In seiner Jugend verkehrte Strache mit Neonazis. Ein Porträt.
          Das amerikanische Verteidigungsministerium Pentagon (Archivaufnahme von 2008)

          Verteidigungsministerium : Das Pentagon forschte jahrelang nach UFOs

          Über Jahre wurden Millionen-Aufwendungen für das „Programm zur Identifizierung von Bedrohungen im Luft-und Weltraum“ im Verteidigungshaushalt versteckt. Doch auch nach Ablauf des Programms verfolgten Mitarbeiter Berichte über UFOs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.