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Bundeswehr-Debatte : Das Land kennt seine Soldaten nicht

  • -Aktualisiert am

Isoliert in der Gesellschaft: Bundeswehrsoldat in Mali. Bild: dpa

Die Generalkritik an der Bundeswehr zeigt nicht nur Unverständnis für die Aufgabe einer Armee. Sie erstickt auch den längst begonnenen internen Diskurs über richtig und falsch verstandenen Korpsgeist.

          Es gehört zum Wesen des Generalverdachts, dass vor ihm immer erst dann gewarnt wird, wenn er bereits auf jemanden gefallen ist. Jetzt ist einmal mehr die Bundeswehr dran. Das Vertrauen der Deutschen in ihre Armee hat innerhalb weniger Tage einen beispiellosen Absturz erlebt. Die kollektive Spindkontrolle, das einfältige Säubern des Traditionsbestands, der Alarmismus der eilig zitierten Statistiken und das öffentliche Beschwören rückhaltlosen Aufklärens: die geläufige Dramaturgie des Skandals hinterlässt ein desaströses Bild der Bundeswehr. Vereinzelte Stimmen aus der Truppe selbst mögen noch Widerstand leisten, doch das Urteil steht längst fest: Die Bundeswehr wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht, ihre internen Mechanismen der Selbstkontrolle funktionieren nicht, es braucht Staatsbürger ohne Uniform, die auf die Staatsbürger in Uniform aufpassen.

          Natürlich müssen sich Mitglieder einer Organisation, die einen exklusiven Zugriff auf Kriegswaffen hat, grundsätzlich ein größeres gesellschaftliches und auch inneres Misstrauen gefallen lassen als andere. An ihrer absoluten Loyalität zu Parlament und Regierung darf nicht der geringste Zweifel aufkommen. Nun aber steht der Vorwurf im öffentlichen Raum, dass die Glorifizierung der Wehrmacht, das Tolerieren von Schikane und Misshandlungen, das Bekenntnis zu rechtsradikalem Denken oder gar das Planen von Terrorakten als Akt eines legitimen Widerstands von einem organisationsspezifischen „Muster des Wegsehens“ – so selbst der Generalinspekteur – ermöglicht, ja gar motiviert wurden.

          „Falsch verstandener Korpsgeist“

          Wer da noch fragt, ob es sich vielleicht doch nur um schlichte Mängel der Selbstüberwachung handelt, wie man sie in jeder lose gekoppelten Großorganisation finden kann, gilt schon als parteiisch oder naiv. Zum Wesen des Generalverdachts gehört eben, dass jeder entdeckte und bestrafte Vorfall nicht als Beweis für das Funktionieren der Organisation gelten kann, sondern nur für deren Versagen gewertet wird. Der Titel, unter dem diese Unterstellung an die Truppe adressiert wird, lautet „falsch verstandener Korpsgeist“.

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          Natürlich gibt es den in der Bundeswehr – so wie es Opportunismus aus Feigheit oder unbedingter Loyalität in jeder Organisation gibt. Niemand innerhalb oder außerhalb der Truppe käme auf die Idee, diesen zu verteidigen. Es hat aber auch noch keiner den Vorwurf erhoben, die ganze Bundeswehr sei falsch, es könne also auch keinen richtig verstandenen Korpsgeist geben. Wem schon dieser Begriff zu rechts klingt, mag sein Befinden durch dessen Ersetzung mit „Corporate Identity“ beruhigen. Im Hintergrund des aktuellen Skandals um die Bundeswehr steht jedenfalls die Frage, welcher Geist in der Bundeswehr denn eigentlich herrschen solle. Es gibt seit einigen Jahren in der Bundeswehr den beachtlichen Versuch, über diese Frage einen differenzierten Diskurs zu führen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen dürften diesen Versuch vorläufig beendet haben, und es ist äußerst fraglich, ob die daran beteiligten Soldaten besser beraten wären, ihn auch nicht wiederaufzunehmen.

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