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Bürgerrecht und Integration : Die Zauberformel für Rechtssicherheit

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Weitgehende Privilegien und Partizipationsrechte für einen exklusiven Kreis: kolorierter Druck des Gemäldes „Das Zeitalter des Perikles“ von Philipp von Foltz Bild: Picture-Alliance

Einen Katalysator für Integration setzte schon die Antike erfolgreich ein: Was unsere Politiker vom Bürgerrecht bei den Griechen und Römern lernen könnten. Ein Gastbeitrag.

          Am Doppelpass scheiden sich die Geister, wie an praktisch allen Dingen, die mit Einwanderung und Integration zu tun haben. Grüne, Linke und Sozialdemokraten feiern ihn als wichtige Errungenschaft der Willkommenskultur. Ihnen gilt die doppelte Staatsbürgerschaft als längst überfällige Ratifikation der Tatsache, dass multiple Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft gelebte Realität sind. Unionspolitiker halten unter dem Eindruck der jüngsten Entwicklungen in der Türkei dagegen. Nach dem Massenaufmarsch Tausender Erdogan-Anhänger in Köln forderte der CDU-Abgeordnete Jens Spahn, die in Deutschland lebenden Türken müssten sich entscheiden, ob ihre Loyalität dem deutschen oder dem türkischen Staat gelte. Die bayerische Schwesterpartei legte prompt nach: Der deutsche Pass sei „kein Ramschartikel, den man als Zweitpass mal noch so mitnimmt“, erklärte unlängst CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

          Die Debatte vermischt, wie in der Politik üblich, munter die Kategorien: Geht es um Partizipation, um Identität oder um Loyalität? Soll der deutsche Pass ein Hilfsmittel der Integration sein oder die Krönung eines gelungenen Weges dorthin? Hat der Nationalstaat in einer globalisierten Welt noch eine Zukunft – oder erlebt er gerade angesichts der tiefen Krise, in der die EU steckt, eine Renaissance? Wie viel Exklusivität verträgt die Zivilgesellschaft, der die Partizipation möglichst vieler ein hohes Gut ist? Oder umgekehrt: Wie viel Exklusivität benötigt sie, damit Teilhabe funktioniert?

          Exklusiver Bürgerkreis der Antike

          Die politisch Verantwortlichen drücken sich um Antworten, deshalb tun Stellungnahmen aus der Wissenschaft not: Denn in verschiedene Disziplinen, von der Rechts- über die Politik und Sozial- bis zur Kulturwissenschaft, ist viel Geld investiert worden, damit sie Fragen stellen und Antworten liefern können. Antworten zu geben vermag auch die Altertumswissenschaft, obwohl ihr Forschungsfeld vermeintlich zum alten Eisen gehört. Dass Menschen Bürger und nicht Untertanen sein können und dass sie als Bürger über Rechte verfügen, ist schließlich eine Errungenschaft der Antike – möglicherweise sogar der bedeutendste Beitrag der klassischen Welt zur politischen Institutionengeschichte überhaupt.

          Zuerst im alten Griechenland stellte man sich die Gemeinschaft, die meist auch Stadt war, als etwas Menschengemachtes vor, dessen Konstitution und Organisation von Menschen bewerkstelligt wird. In der Polis hat der polites, der Bürger, seinen Ursprung: Er war Teilhaber der Gemeinschaft und zugleich ihr Mitgestalter. Je weiter die Rechte des Bürgers gingen, desto eifersüchtiger wachte die Gemeinschaft über den Zugang zum Bürgerstatus. Am weitesten gingen die Privilegien und Partizipationsrechte, die der Bürgerstatus verbriefte, im klassischen Athen. Dort legte 451/50 vor Christus Perikles der Volksversammlung ein Gesetz vor, das all jene vom Bürgerrecht ausschloss, die nicht mütterlicher- wie väterlicherseits von athenischen Bürgern abstammten. So restriktiv handhabte keine andere Polis ihr Bürgerrecht.

          Doch ging es in Athen eben auch um mehr als in anderen Gemeinden: Die Stadt beherrschte im fünften vorchristlichen Jahrhundert ein maritimes Imperium, das die gesamte Ägäis einschloss und eine enorme Rendite abwarf. Da die Bürger Teilhaber der Polis waren, strichen sie, gleich Aktionären eines Unternehmens, fette Dividenden ein. Je exklusiver der Kreis der Bürger, desto größer die Profite jedes Einzelnen; umso mehr Einfluss konnte auch jeder Bürger darauf nehmen, was mit dem Geld geschah.

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