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Bürgerpreis für Jürgen Habermas : Hier gibt es keine Rose für Merkel

  • -Aktualisiert am

Jürgen Habermas Bild: dpa

Jürgen Habermas gilt als großer Kämpfer für eine friedliche und soziale Zukunft Europas und wird dafür mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ gewürdigt.

          Kassel wartet. Die Innenstadt ist leergefegt, langsam finden sich die ersten Menschen auf dem weitläufigen Platz vor dem Staatstheater ein. Lehrer, Professoren, Unternehmer und Sparkassenangestellte haben sich herausgeputzt zur diesjährigen Verleihung des auf 10 000 Euro dotierten Kasseler Preises „Das Glas der Vernunft“. Eine Gruppe Männer in Anzügen steht im Halbkreis und raucht. Ein junges Paar läuft im Karree. Zwei ältere Damen sitzen auf einer roten Bank. Worauf sie warten? „Na, auf den Habermas.“

          Der von Kasseler Bürgern gestiftete Preis zeichnet seit 1991 jährlich Menschen des öffentlichen Lebens für ihre Verdienste für Demokratie, Toleranz und die Überwindung ideologischer Grenzen aus. Die Liste der bisherigen Preisträger ist dabei so heterogen wie hochkarätig: Von Hans-Dietrich Genscher, Carl Friedrich von Weizsäcker und Joachim Gauck über Ai Weiwei bis zum Choreographen Royston Maldoom oder dem Kurator Harald Szeemann. Mit Jürgen Habermas erhält ihn zum ersten Mal ein Philosoph. Die Bürger Kassels würdigen damit Habermas’ Engagement für eine friedliche und gerechte Zukunft Europas. Nicht zuletzt durch seine „Kleinen Politischen Schriften“ und Publikationen wie „Ach, Europa“ (2008) und „Zur Verfassung Europas“ (2011) habe er immer wieder entscheidende politische Impulse gegeben.

          Ein System muss fähig zur selbstreflexiven Kritik sein

          Der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor betonte in seiner Festrede, dass Habermas ihn gelehrt habe, dass die Annäherungen zwischen Völkern wie Israel und Deutschland nicht das Ergebnis politischer Abkommen, sondern der zwischenmenschlichen Beziehungen sei - der Gespräche, welche etwa durch den Austausch von Facharbeitern entstanden seien, und nicht der Verträge. Nils Minkmar, der Leiter des Feuilletons dieser Zeitung, zeigt sich in seiner Laudatio angriffslustig, nahm Wladimir Putins in der „New York Times“ gestellte Frage auf, woher der Westen seine moralische Erhabenheit habe, und verwies auf die Unterscheidung, ob ein System fähig zur selbstreflexiven Kritik sei oder nicht. Habermas habe sich vor diesem Hintergrund als unentbehrlicher Kritiker deutscher und europäischer Politik hervorgetan. Zuletzt hatte dieser durch seinen im „Spiegel“ veröffentlichten Essay „Ein Fall von Elitenversagen“ die Politik von Angela Merkel schwer unter Beschuss genommen und ihr unverantwortliches Handeln in der Euro-Krise vorgeworfen: „Ihrer öffentlichen Person scheint jeder normative Kern zu fehlen. Seit dem Ausbruch der Griechenland-Krise im Mai 2010 und der dann doch verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ordnet sie jeden ihrer überlegten Schritte dem Opportunismus der Machterhaltung unter.“

          Anders als seine Vorredner gab sich Habermas in seiner Dankesrede indes eher zurückhaltend. Entlang von Anekdoten erzählte er seine persönliche Beziehung zu den Rednern, zu Kassel und der Documenta, um abschließend - vom anspielungsreichen Namen des Preises inspiriert - das Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlicher Aufklärung anzusprechen. Das wirkte recht brav, dass man sich fragt, wie die Rede wohl ausgefallen wäre, wenn es die europakritische AfD in den Bundestag geschafft hätte. Erst ganz zum Schluss wurde Habermas konkret und weckte das bürgerliche Publikum auf, als er auf den in Kassel durch den NSU verübten Mord an Halit Yosgat erinnerte. Doch freilich ist sein Erscheinen in erster Linie eine freundliche Geste. Ein Mann, der den Kyoto- und den Erasmus-Preis gewonnen hat, kommt nicht wegen des Preises nach Kassel, sondern wegen der Bürger. „Wir sind ein bisschen stolz“, heißt es wiederholt auf der Bühne und danach am Buffet. Denn nicht zuletzt ist es ihre Party und Habermas der Ehrengast. Entsprechend gelassen und herzlich ist die Stimmung im Publikum. Die Frage ist, was von solchen Veranstaltungen bleibt. Ob sie tatsächlich ein nachhaltiges Bewusstsein für den Erhalt demokratischer Werte schaffen oder nur als „unterhaltsamer und vielleicht informativer Vormittag“ im Gedächtnis bleiben.

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