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Vulgäre Buchtitel : Unter der Gürtellinie

  • -Aktualisiert am

Lizenz zum Pöbeln: Götz George nahem als Horst Schimanski nie ein Blatt vor den Mund. Bild: WDR/Uwe Stratmann

Ein Marketing-Trend greift um sich: Immer mehr Buchtitel setzen auf Fäkalsprache. Das ist die Mode einer Zeit, in der eine angepasste Wortwahl unter den Generalverdacht der Falschheit gestellt wird.

          Der berühmte „schwäbische Gruß“, den Goethe seinem Götz von Berlichingen in den Mund legte, wurde nur in der Erstausgabe vollständig abgedruckt. In späteren Auflagen ersetzten Auslassungszeichen die anstößigen Worte. Solch eine Zurückhaltung gilt heute als antiquierte Zimperlichkeit. Längst haben Krimi-Dialoge und Castingshows, Reality-TV, Comedys und Internetpöbeleien die Fäkalsprache in den Raum der öffentlichen Kommunikation gespült. Mittlerweile hat auch die Buchbranche diese Spielart der Vulgarität als Werbeträger entdeckt.

          Die Zahl einschlägiger Titel geht in die Hunderte und reicht von erbaulicher Lebenshilfe („Einen Scheiß muss ich – Das Manifest gegen das schlechte Gewissen“) im Verlag S. Fischer über humorige Biographien („Am Ende kackt die Ente!“, Edel-Books) bis zur Wissenschaftsgeschichte („Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“) bei Hanser. Der Aufstieg dessen, was einmal Gossensprache hieß, zur medialen Visitenkarte ist der vorläufige Tiefpunkt einer Entwicklung, die Anfang der achtziger Jahre begann, als Roman- und Fernsehhelden wie Schimanski im Namen der Authentizität von ihren Autoren die Lizenz zum Pöbeln erhielten. Kam dieser Jargon noch aus dem Mund erfundener Figuren, so ließen sich bald schon reale Fußballspieler und Showgrößen von den Medien in ähnlicher Weise zitieren, und die Ausfälle eines Ronald Pofalla gegenüber Wolfgang Bosbach zeigten, dass auch der Diskurs politischer Entscheidungsträger unter der Gürtellinie angekommen war.

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          Mit der Erhebung zum verbalen Buchtitel-Schmuck verlässt das exkrementelle Vokabular endgültig die Sphäre spontanen Schimpfens und wird zur kalkuliert eingesetzten Literatur-Duftmarke von Autoren und Verlagen, die das immerhin noch vorhandene Provokationspotential dieses Wortschatzes ausbeuten wollen. Das stößt allerdings längst nicht bei allen Lesern auf Begeisterung, wie Kundenrezensionen und Diskussionen in Internetforen zeigen. Doch für empfindliche Sprachnerven haben Freunde der skatologischen Rhetorik nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Sie gerieren sich als erdverbundene und unverklemmte Freunde des Klartexts, für die sprachliches Taktgefühl und Trennung zwischen privatem und öffentlichem Sprechen von vornherein unter dem Generalverdacht der Ziererei und Heuchelei stehen.

          Damit stellen sie sich in eine altdeutsche Tradition sprachlichen Selbstverständnisses, die die Derbheit des eigenen Idioms mit Ehrlichkeit verwechselt: „Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?“, fragt Mephisto den Studenten im zweiten Teil des „Faust“. Und bekommt zur Antwort: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.“ Dass „deutsch“ ursprünglich „in der Sprache des Volkes“ bedeutete und bis in die Neuzeit hinein die Nebenbedeutung „deutlich“ hatte, passt ins Bild. Voreilige Spekulationen über eine deutsche Sondergosse verbieten sich allerdings, denn in der englischsprachigen Buchwelt vollziehen sich ähnliche Entwicklungen wie in der deutschen – dort allerdings gibt es auf dem Buchcover meistens noch ein Anstandssternchen, das aus dem Four- ein Three-Letter-Word macht.

          Zur Rechtfertigung und Nobilitierung des Grobianismus wird gern Martin Luther ins Feld geführt, ganz so, als wäre ein Rückfall in die vorbürgerlichen Kommunikationssitten seiner Tage erstrebenswert. Dass die Normen dessen, was sich seit etwa 250 Jahren als deutsche Hoch- und Literatursprache herausgebildet hat, auch eine Zivilisierung des öffentlichen Sprachgebrauchs mit sich gebracht haben, zu der auch dessen Emanzipation vom häuslichen Abort gehört, scheint nicht mehr viel zu zählen. Gleichzeitig schwindet das Wissen um die unterschiedlichen Stilebenen, die die Sprache bereithält, und ihre Angemessenheit. Selbst das Bewusstsein dafür, dass die eigene Bewertung und deren Gegenstand zwei verschiedene Dinge sind, geht offenbar verloren: Man muss jemanden doch ein Arschloch nennen, wenn er nun mal eins ist.

          „Man kann es nicht anders sagen“ – so rechtfertigt denn auch Florian Freistetter, Autor des Newton-Buches, die Beleidigung, mit der er auf dem Buchumschlag seinen Titelhelden belegt. Nun würde man jemandem, der es wirklich nicht anders sagen kann, empfehlen, professionelle Hilfe bei einem Lektor zu suchen. Aber das wäre angesichts des Marketing-Charakters der aktuellen Schmutzwortwelle naiv. Wenn es nach dem Lektor gegangen wäre, teilt Florian Freistetter den Lesern seines Blogs mit, wäre der Titel noch etwas vulgärer geworden.

          Quelle: F.A.Z.

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