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Bruce Springsteens Prognose : Zurück an die Hochöfen der Hölle

  • -Aktualisiert am

Er hatte es ja schon immer gesungen: Bruce Springsteen bei einer Wahlkampfveranstaltung für Hillary Clinton. Bild: AFP

Hätte Hillary Clinton die Wahl gewonnen, wenn sie vorher Bruce Springsteens Lied „Youngstown“ gehört hätte? Der Sänger kennt sich aus mit den Früchten des Zorns.

          Und so geht es seit Jahrzehnten im Rust Belt. Man muss sich ja nur ein wenig durch das Werk von Bruce Springsteen hören, dem Chronisten des Elends der weißen Arbeiter, dann sieht man sie alle vor sich: die geschlossenen Autowerke, die dichtgemachten Textilfabriken und Stahlhütten.“ So stand es in der „Süddeutschen Zeitung“. Im sogenannten Rostgürtel, der ältesten, größten Industrieregion Amerikas, die sich entlang der Großen Seen von Wisconsin über Michigan, Illinois, Indiana und Ohio nach Pennsylvania erstreckt, hat die Mehrheit (außer in Illinois) den Republikaner Trump gewählt. 2012 hat Barack Obama (genau wie 1992 und 1996 Bill Clinton) fünf dieser sechs Staaten für die Demokraten erobert, 2008 sogar alle sechs.

          Was hätte Hillary Clinton erfahren können, hätte sie sich zum Beispiel jenes Lied angehört, das nach der achtgrößten Stadt in Ohio, Youngstown, benannt ist? „Hier im Nordosten Ohios, im Jahre 1803, fanden James und Danny Heaton das Erz am Yellow Creek. Sie bauten einen Hochofen hier am Ufer, und dann produzierten sie die Kanonenkugeln, mit denen die Nordstaaten den Bürgerkrieg gewannen. Hier in Youngstown.“ Benannt nach John Young, einem Siedler aus New York, der gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts die erste Säge- und Getreidemühle errichtete, zog das boomende Youngstown im neunzehnten Jahrhundert Einwanderer aus Wales, Irland und Deutschland ins Mahogany-County; im frühen zwanzigsten Jahrhundert folgten solche aus Libanon, Palästina und Syrien. Die Einwohnerzahl verfünffachte sich von 33.220 im Jahre 1890 auf 168.300 sechzig Jahre später. Die Stadt wurde zu einem der bedeutendsten industriellen Knotenpunkte des Landes und Heimat von Stahlwerken der Großkonzerne Republic Steel und U.S. Steel.

          Im postindustriellen Rostgürtel

          „Mein Vater hat an den Hochöfen gearbeitet, hat dafür gesorgt, dass sie heißer als die Hölle blieben. Als ich aus Vietnam nach Hause gekommen bin, hab’ ich mich zum Gussbrenner hochgearbeitet – eine Arbeit, die dem Teufel gefallen würde. Erz, Kohle und Kalk haben meine Kinder ernährt und die Rechnungen bezahlt, während die Schornsteine wie Gottes Arme in den wunderschönen lehm- und rußfarbenen Himmel ragten. Hier in Youngstown.“ So war es in den sechziger und siebziger Jahren: Die Stahlindustrie, später auch Fahrzeug- und Maschinenbaubetriebe sorgten für genug Arbeit und bescheidenen Wohlstand. Es war harte und schmutzige Arbeit, für die man keinen College-Abschluss brauchte und mit der man nicht reich werden konnte.

          „Mein Vater heuerte bei den Ohio-Werken an, als er aus dem Zweiten Weltkrieg heimkam. Jetzt ist sein Garten voller Schrott und Schutt, und er sagt: ,Die großen Bosse haben geschafft, was Hitler nicht geschafft hat. Diese Fabriken hier haben die Panzer und Bomben gefertigt, die die Kriege dieses Landes gewonnen haben. Wir haben unsere Söhne nach Korea und Vietnam geschickt, und jetzt fragen wir uns, wofür sie gestorben sind. Hier in Youngstown.‘“ Man könnte sich wundern, warum Springsteen den Korea- und den Vietnam-Krieg erwähnt, nicht aber Afghanistan und Irak. Das Lied wurde 1995 veröffentlicht, und seither hat die Lage der Arbeiterschaft sich nicht verbessert, trotz des Fracking-Booms, der sich unter dem neuen Präsidenten fortsetzen dürfte. Als Springsteen das Lied schrieb, zeigten sich gerade die Folgen des von Bill Clinton ausgehandelten Freihandelsabkommens Nafta, das Donald Trump im Wahlkampf nicht müde wurde, für die Jobverluste im industriellen Amerika verantwortlich zu machen. Natürlich wurden durch Nafta auch Jobs geschaffen, aber eben nicht für Arbeiter ohne College-Abschluss im postindustriellen Rostgürtel und für deren Kinder.

          „Früchte des Zorns“

          Bis 2010 sank Youngstowns Einwohnerzahl auf 66.982. Zwar ist die Arbeitslosenrate von mehr als sechzehn Prozent im Jahre 2010 auf 7,1 gefallen, aber 2014 verfügten mehr als die Hälfte der Haushalte über ein Einkommen von weniger als 60.000 Dollar im Jahr. Youngstown ist eine von sechs Städten in Amerika, in denen mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben.

          Was bedeutet es, wenn das, was man gelernt und womit man seine Familie ernährt hat, plötzlich nicht mehr gebraucht wird und man von einem auf den anderen Tag überflüssig wird?
          Was bedeutet es, wenn das, was man gelernt und womit man seine Familie ernährt hat, plötzlich nicht mehr gebraucht wird und man von einem auf den anderen Tag überflüssig wird? : Bild: Reuters

          „Vom Monongaleh-Tal über das Mesabi-Eisenband hin zu den Kohleminen in den Appalachen ist die Geschichte immer dieselbe. Siebenhunderttausend Tonnen Metall pro Tag, und jetzt sagen Sie mir: ,Die Welt hat sich eben verändert.‘ Ich bin es, der Sie reich gemacht hat, guter Mann, reich genug, meinen Namen zu vergessen. Hier in Youngstown.“ Inspiriert wurde Springsteen zu seinem Lied von einem Bildband mit dem Titel „Reise nach Nirgendwo: Die Saga der neuen Unterschicht“, den er in einer schlaflosen Nacht aus dem Bücherregal genommen hatte. Er erzählt vom Dominoeffekt, den der Kollaps der Stahlindustrie in den Metropolen und Kleinstädten ausgelöst hat. Die Journalisten Dale Maharidge und Michael Williamson haben das Leben der Leute dokumentiert, die der Verlust des Arbeitsplatzes bis ins Mark ihrer Existenz erschüttert hat. Manche von ihnen sind fortgegangen und haben überall im Land vergeblich nach neuen Jobs gesucht, so wie die Oakies zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, die John Steinbeck in „Früchte des Zorns“ verewigt hat. Nach dessen Protagonisten Tom Joad hat Springsteen das Album benannt, auf dem „Youngstown“ erschienen ist.

          Tod eines Handlungsreisenden

          Im Vorwort der Neuausgabe des Buches schreibt Springsteen, dessen Vater ein immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffener Fabrikarbeiter war: „Dies ist ein Amerika, das viele von uns, die wir jeden Abend unsere Kinder ins Bett bringen, nicht sehen, aber es ist ein Teil des Landes, in dem wir leben, ein größer werdender Teil. Ich glaube, ein Land und ein Volk werden nicht nur nach ihren Errungenschaften beurteilt, sondern auch nach ihrem Mitgefühl und ihrem Gerechtigkeitsempfinden.“ Das war 1995.

          Ein Haus mit einer riesigen Pappfigur von Donald Trump in Youngstown, Pennsylvania.
          Ein Haus mit einer riesigen Pappfigur von Donald Trump in Youngstown, Pennsylvania. : Bild: AP

          Bruce Springsteen hat sich und seinem Publikum, wenn er „Youngstown“ live gespielt hat, die Frage gestellt, was es bedeutet, wenn das, was man gelernt und womit man seine Familie ernährt hat, plötzlich nicht mehr gebraucht wird, wenn man von einem auf den anderen Tag überflüssig wird, irrelevant. Es ist die Frage, die schon Arthur Millers Willy Loman, der sein Selbstvertrauen und seine Würde in dem Respekt seiner Kunden und seines Arbeitgebers suchte, fand und schließlich verlor, in den Tod eines Handlungsreisenden trieb.

          Klage an die Raubritterkapitalisten

          „Wenn ich sterbe, will ich kein Stück vom Himmel, ich bin nicht für die Arbeit im Himmel gemacht. Ich bete, dass der Teufel kommt und mich mitnimmt zu den Hochöfen der Hölle“: Bei seinem Konzert in München im Juli hat Springsteen, der bei den vergangenen vier Präsidentenwahlen jeweils den Kandidaten der Demokraten aktiv unterstützt hat, auch „Youngstown“ gespielt, zusammen mit ähnlichen Liedern aus den vergangenen 35 Jahren. In dem Lied „The River“ von der gleichnamigen Platte (1980) bricht die wirtschaftliche Lage zusammen mit einer ungewollten Schwangerschaft in das Leben zweier Teenager ein und macht sie über Nacht zu desillusionierten Erwachsenen. In „My Hometown“ von dem Album „Born In The U.S.A.“ (1984) fährt ein fünfunddreißigjähriger Mann mit seinem kleinen Sohn durch seine Heimatstadt, so, wie sein Vater es mit ihm gemacht hat. Seine Frau und er haben beschlossen, ihr Glück fern der Heimat zu suchen, weil die ortsansässige Textilfabrik stillgelegt wird und der Vorarbeiter gesagt hat, dass die Jobs nicht mehr zurückkommen werden. Zum Abschied zeigt er seinem Sohn dessen Heimatstadt.

          „Death to My Hometown“ von dem Album „Wrecking Ball“ (2012) ist die Anklage eines von der Bankenkrise gebeutelten Mannes an die Adresse der Raubritterkapitalisten: „Schick die Plünderer, die gierigen Diebe, deren Verbrechen ungesühnt geblieben sind und die frei herumlaufen, zur Hölle!“ Die wütenden Zeilen aus den Liedern des Sängers, der diesseits und jenseits des Atlantiks für den Mainstream Amerikas steht, werden gerne überhört – so wie der Zorn der Leute, die sich immer noch als Mainstream Amerikas fühlen wollen.

          Zu den Hochöfen der Hölle!

          „Youngstown“ basiert unter anderem auf Interviews, die Dale Maharidge mit Joe Marshall geführt hatte. 2016 ist Joe Marshall überzeugter Trump-Wähler. Er war Zeuge des Verfalls der Stadt. Der „New York Times“ berichtete er im August von der wachsenden Drogenproblematik, der steigenden Kriminalitätsrate und der hohen Schulabbrecherquote. „Die Demokraten“, sagt er, „haben Youngstown im Stich gelassen.“

          Was hätte Hillary Clinton erfahren können, wenn sie sich „Youngstown“ angehört hätte? Bruce Springsteens Lieder enthalten kein politisches Programm. Sie versuchen, das Erleben und die Sicht der sogenannten kleinen Leute einzunehmen. Das ist nicht dasselbe wie „dem Volk aufs Maul zu schauen“ oder gar ihm nach dem Munde zu reden; das war eher Trumps Ansatz. Willy Brandt hat einmal gesagt, die Politik solle sich „zum Teufel scheren, wenn sie nicht dabei hilft, das Leben der Menschen etwas einfacher zu machen“. Im Rostgürtel haben sie die Politik zum Teufel gejagt, zu den Hochöfen der Hölle.

          Quelle: F.A.Z.

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