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Broder antwortet auf Bahners : Heiteres Antisemitenraten

  • -Aktualisiert am

„Der Antisemitismus geht mit der Zeit” - Henryk M. Broder antwortet auf Patrick Bahners Bild: dpa

„Was darf eine Jüdin in Deutschland gegen Israel sagen?“ - Unter dieser Frage hat Patrick Bahners in der F.A.Z. analysiert, dass Henryk M. Broder Evelyn Hecht-Galinski Antisemitismus vorgeworfen hatte. Jetzt antwortet der Publizist.

          Das Frauenjournal „Emma“, 1977 gegründet, war gerade drei Jahre alt, als es eine Geschichte veröffentlichte, die kein erwachsenes Magazin seinen Lesern zumuten würde: eine Reportage aus den von Israel besetzten Gebieten, in der beschrieben wurde, wie israelische Soldaten mit gezückter Waffe palästinensische Väter dazu zwingen, ihre eigenen Töchter zu vergewaltigen. Mit dem Vorwurf konfrontiert, dies sei antisemitische Propaganda, eine moderne Adaptation der Schauergeschichten von Kindes- und Ritualmorden, rechtfertigte sich Alice Schwarzer damit, sie wäre keine Antisemitin, sie habe sich immer als Antifaschistin verstanden und jüdische Schriftstellerinnen verehrt, vor allem Else Lasker-Schüler. Später distanzierte sich die Autorin der Reportage von ihrem Werk, Alice Schwarzer blieb bei ihrer Haltung.

          Es war nicht die erste und nicht die letzte Debatte über die Frage: „Was ist antisemitisch?“ beziehungsweise „Wer ist ein Antisemit?“ Als eine Gruppe Frankfurter Juden unter der Führung von Ignatz Bubis 1985 die Aufführung des Stückes „Der Müll, die Stadt und der Tod“ verhinderte, stritt man sich auf der Bühne und im Publikum auch darüber, ob Fassbinder ein Antisemit war oder sein Spekulanten-Drama vom damaligen Intendanten des Frankfurter Schauspielhauses Günther Rühle nur auf eine Art inszeniert wurde, die als antisemitisch ausgelegt werden konnte. Wie in solchen Fällen üblich, kam eine Einigung nicht zustande.

          Die Theorie lässt sich von der Praxis nicht beirren

          Vor allem im alternativen, linken und progressiven Milieu führte das heitere Antisemitenraten immer wieder zu bemerkenswerten Verrenkungen. Gerhard Zwerenz, der die Roman-Vorlage zu Fassbinders Stück geschrieben hatte, verfügte par ordre du mufti, dass es linke Antisemiten und linken Antisemitismus grundsätzlich nicht geben könne – so als wären Linke von Natur aus bessere Menschen, die nie im Halteverbot parken, ihre Frauen nicht belügen und das Finanzamt nicht betrügen würden.

          Nachdem Norbert Blüm von einem israelischen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser gesprochen hatte, wurde auch er in die antisemitische Ecke gerückt. Völlig überfordert, zog er die argumentative Notbremse und versicherte, als gläubiger Christ könne er kein Antisemit sein, denn Jesus Christus sei doch selber Jude gewesen – so als habe es nie einen christlich motivierten Antisemitismus gegeben. Ähnlich aberwitzig verlaufen noch heute Diskussionen über den arabischen Antisemitismus, den es schon deswegen nicht geben darf, weil die Araber ebenso wie die Juden Semiten sind. Die Erfahrung zeugt zwar vom Gegenteil, doch die Theorie lässt sich von der Praxis nicht beirren.

          Eine weit verbreitete Krankheit mit wenigen Patienten

          War es bis 1945 sehr einfach zu bestimmen, wer als Jude zu gelten hatte, wird es seitdem immer schwieriger, Antisemiten als solche zu identifizieren. Verständlich, dass nach Auschwitz kein Mensch als Antisemit gelten möchte, er würde sich der nachträglichen Beihilfe zum Völkermord schuldig machen. Es gibt also keine bekennenden oder praktizierenden Antisemiten mehr, aber immer noch einen Antisemitismus, über den akademische Abhandlungen geschrieben werden. Antisemitismusforscher unterscheiden zwischen manifestem und latentem, verschämtem und unverschämtem, primärem und sekundärem Antisemitismus, einem Antisemitismus ohne Juden und einem Antisemitismus ohne Antisemiten. Die Angebotspalette ist breit und bietet jedem etwas.

          So weit funktioniert die Debatte ganz vorzüglich. Nur wenn jemand versucht, die Aufmerksamkeit vom Phänomen auf seine Träger zu verlagern, wird es heikel. Denn, wie gesagt, niemand will ein Antisemit sein oder als solcher qualifiziert werden, nicht einmal Jürgen Möllemann, Martin Hohmann, Norman Paech oder David Irving. Zwar wird immer wieder davon geredet, der Antisemitismus sei „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen – als ob er jemals woanders beheimatet gewesen wäre –, doch will man Ross und Reiter wissen, werden einem immer wieder die üblichen Verdächtigen genannt: Horst Mahler, die NPD und die Nationalzeitung. Von wegen: Mitte. Wir haben es also auf der einen Seite mit einer weit verbreiteten Krankheit und auf der anderen Seite mit nur ganz wenigen Patienten zu tun.

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