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Brigitte Mohnhaupt kommt frei : Wer war's?

  • -Aktualisiert am

Weiter ungeklärt: Welcher RAF-Terrorist tötete Hanns-Martin Schleyer? Bild: AP

Es gibt nach wie vor eine essentielle Frage, die Brigitte Mohnhaupt nicht beantwortet. Die frühere Terroristin der Rote Armee Fraktion hat wie ihre Mittäter der Öffentlichkeit nie gesagt, wer die Schleyers, Pontos, von Braunmühls und Hillegaarts erschossen hat. Von Frank Schirrmacher.

          Es ist Zeit, von Frau Mohnhaupt Abschied zu nehmen. Sie ist jetzt bald nur noch Privatperson. Eine angeblich umsichtige, organisationsstarke und auf abseitige Weise pflichterfüllte Frau. Der Tätertypus ist bekannt. Ernst Jünger identifizierte ihn in den zwanziger Jahren mit dem Satz: „Erst lochen sie einem die Fahrkarte und dann den Hinterkopf.“

          Brigitte Mohnhaupt, diese avancierte Beamtin des Terrors, wird aus dem Gefängnis recht eigentlich nicht entlassen, sondern pensioniert. Das Beste, was die einschlägigen Kommentare über sie sagen können, ist das, was man bei runden Dienstjubiläen über verdiente Sachbearbeiterinnen hören kann: Die Pensionärin blieb sich immer treu und lebte fürs Unternehmen. In den Worten eines Onlinedienstes: „Die RAF war ihr Leben“.

          Was machen wir aus der Reuelosigkeit?

          Was alle wissen: Brigitte Mohnhaupt bereut auch dreißig Jahre nach den Ereignissen nicht. Sie relativiert nicht und widerruft nicht. Unklar ist freilich, ob heute irgendjemandem mit Reue noch gedient wäre: Hätte man ihr trauen können? Wäre sie am Ende nur gespielt gewesen und vielleicht dadurch eine noch viel gravierendere Verhöhnung der Opfer? Die Frage, ob Frau Mohnhaupt bereut oder nicht, ist nicht die Frage, die wir uns oder ihr stellen sollten. Die viel naheliegendere Frage ist, was wir aus ihrer und Christian Klars demonstrativen Reuelosigkeit machen. Gerade diese nämlich halten jetzt viele mit angewiderter Bewunderung für Standfestigkeit, für ein Zu-sich-selbst-Stehen, für Konsequenz, irregeleitet bis in alle Fasern - aber eben für Konsequenz.

          Brigitte Mohnhaupt ist bald nur noch Privatperson

          Unsere Gesellschaft liebt den Luther-Deutschen, der hier steht und nicht anders kann, und ist, wie Hans Magnus Enzensberger schon vor Jahren feststellte, gerne bereit, über das Pathos der „Haltung“ die pathologischen Gründe einer solchen Unbeirrtheit zu vergessen. Und deshalb ist am Tag der Mohnhaupt-Entscheidung eine Klarstellung gegenüber uns selbst angebracht.

          Sie sagten, wir waren es

          Noch heute glauben wir, die RAF und ihre noch einsitzenden Funktionäre hätten sich zu ihren Taten bekannt. Bis heute spricht im kollektiven Gedächtnis die Stimme des „Tagesschau“-Sprechers Karl-Heinz Köpcke, der nach Anschlägen die jeweils neuesten „Bekenner-“ oder „Selbstbezichtigungsschreiben“ der „Rote Armee Fraktion“ meldete: „bekannte sich“, „übernahm die Verantwortung“, „bezichtigte sich“ - meist in Schreiben an die dpa. Alles war politisch-revolutionäres Bekenntnis. Der Mord selbst war ein Manifest. Und was kein Verbrecher tut, sie taten es: Sie sagten, wir waren es.

          Wir müssen endlich feststellen, dass nichts davon stimmt. Die RAF-Täter haben sich niemals bekannt - nie in der einzig relevanten Frage, welches Individuum welche Tat ausgeführt hat. Die Morde in Stockholm, die Ermordung von Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer, von Gerold von Braunmühl und Heinz Hillegaart sind anonym verübt worden. Kein Mensch aus Fleisch und Blut hat für diese Taten jemals die Verantwortung übernommen. Der Bekenntnis-Mut der Terroristen war ein dpa-Mut. Die ganze RAF wirkt im Rückblick wie eine einzige Veranstaltung, die verbergen sollte, dass es zum Erschießen einen geben muss, der abdrückt - bekanntlich eine in der Aufarbeitung der Verbrechen des „Dritten Reichs“ zentrale Frage.

          Es gibt kein Bekenntnis

          Was Erschießen heißt - noch so ein dpa-Bruchstück der siebziger Jahre -, hat Anne Siemens in ihrem bewegenden, am 20. Februar erscheinenden Buch „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“ durch den Sohn von Andreas von Mirbach erfahren. Beim Stockholmer-Attentat, an dem Brigitte Mohnhaupt nicht beteiligt war, wurde Andreas von Mirbach erschossen. „Ganz so harmlos“, so der Sohn, „ wie es der Begriff ,erschießen' nahelegen möchte, war es aber nicht ... Meinem Vater haben die Mörder Kugeln in Kopf und Rücken, Arme und Beine geschossen, ihn kopfüber eine Steintreppe hinuntergeworfen und ihn dort halb tot liegen und leiden lassen. Heinz Hillegaart haben sie theatralisch zum Fenster marschieren lassen, um ihn in Todesangst angeblich eine Botschaft ausrichten zu lassen, während sie ihn von hinten kaltblütig in den Kopf schossen.“

          Niemand weiß, wer das tat. Niemand weiß, wer Schleyer erschossen hat oder Ponto. Es gibt kein Bekenntnis und gab niemals eines. Es gibt nur einen Roman, der sich im schlechten RAF-Funktionärsdeutsch um diese Morde webt, Nachrichtentickerprosa, um derentwillen Menschen umgebracht wurden: um von der dpa, von Reuters und AFP verewigt zu werden. Man sollte Frau Mohnhaupt die Freiheit geben, aber nicht das unverdiente Geschenk der seelischen Kompensation, nicht den Zuspruch des „Immerhin steht sie zu ihren Taten“-Respekts. Diese Kompensation hat sie nicht verdient. Sie und ihre Mittäter haben im Gegenteil ein in seinen pathologischen Erscheinungsformen sehr bekanntes Modell entwickelt, für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht zu werden.

          Das imaginäre Spiel eines Menschen

          Clais von Mirbach sagt zu Anne Siemens: „Hört man heute, wie die Täter ihren Überfall und die Morde schildern, klingt das auf verstörende Weise selbstgerecht, was die Motive anlangt, und distanziert, was die Morde betrifft. Als hätten nicht sie selbst Menschen aus Fleisch und Blut umgebracht, sondern als seien Figuren in einem imaginären Spiel verschoben worden.“ Die Frau, die da Ende März aus dem Gefängnis kommt, ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Deshalb sollte man ihr imaginäres Spiel nicht mitspielen.

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