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Bremer Tierversuche Unzulässiger Menschen-Vergleich

 ·  Die Forschungsfreiheit siegt vor Gericht - vorerst: Die Behörde, die vor vier Jahren Versuche eines Bremer Hirnforschers an Affen nicht genehmigte, hätte nicht selbst ethisch abwägen dürfen.

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© AP Vergrößern Leidet dieser Affe, oder nicht? Hirnforscher Andreas Kreiter füttert einen seiner Probanten

„Aufhören!“ Der Titel der ganzseitigen Wutanzeige in der Dienstagsausgabe des Bremer „Weser-Kurier“ ließ keinen Zweifel: Die „Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland e.V.“ wollen die neurobiologischen Versuche an Affen an der Universität Bremen beendet sehen. Am hansestädtischen Oberverwaltungsgericht haben die zuständige Bremer Gesundheitsbehörde und Hirnforscher Andreas Kreiter am Dienstag erneut um zwanzig Makaken gezerrt. Diesmal setzte sich die Forschung durch: Die Behörde hätte Kreiters Antrag auf Genehmigung laufender Tierversuche aus dem Jahr 2008 und dessen Verlängerungsgesuche genehmigen müssen, so das Urteil. Das mag womöglich wegweisend sein, bedeutet aber nicht unbedingt das Ende des gerichtlichen Zwists.

Mehr als eine Stunde lang verlas Richter Hans Alexy zu Verhandlungsbeginn einen Auszug aus der dreitausend Seiten starken Fallakte. Seit vier Jahren arbeiten sich die Instanzen an den rechtlichen Grundsatzfragen rund um Kreiters Forschung ab. Kreiter und seine Mitarbeiter untersuchen, wie das Gehirn funktioniert. Bei den Versuchen lösen Makaken Aufgaben am Computerbildschirm. Dabei werden ihnen schmerzfrei haardünne Sonden ins Gehirn eingeführt, die die Aktivität einzelner Nervenzellen messen. Unerlässlich, um Basiswissen zu erhalten für neue Untersuchungsmethoden oder Therapien, sagen die Forscher - eine zu hohe Belastung für die Tiere und ethisch nicht vertretbar, sagen Tierschützer.

Staatsziel Tierschutz

Im Jahr 2008 lehnte die Gesundheitsbehörde erstmals einen Antrag Kreiters ab. Sie führte einen gesellschaftlichen Wertewandel an; Tierversuche - besonders Affenversuche - seien abzulehnen. Kreiter sagt, er spüre davon wenig. „Inzwischen hat eine ganze Reihe von Bremer Bürgern unser Institut besucht, und ich bekomme im Gegenteil eher Zustimmung zu unserer Forschung, in der es darum geht, neue Wege in der Behandlung von Krankheiten wie Epilepsie oder Alzheimer zu finden.“

Die Behörde berief sich darauf, dass Tierschutz Staatsziel ist. Das verändere das Licht, in dem die Rolle der Behörde zu sehen sei. Ihr obliege nicht mehr nur zu prüfen, ob wissenschaftliche Anträge in sich plausibel sind. Vielmehr könne und müsse sie nun auch eigenständig ethisch abwägen, erklärte Behördenanwalt Wolfgang Ewer. Seit der amtlichen Ablehnung hangelten sich die Wissenschaftler von einem gerichtlichen Eilbeschluss zum nächsten, um jeweils befristet weiterarbeiten zu können. Jetzt freut sich Kreiter, dass zumindest die vergangenen vier Jahre rechtlich abgesegnet sind: „Das Urteil ist klar und ganz eindeutig positiv.“

Keine Anzeichen für Leiden

Dass seine Arbeit international hoch anerkannt ist und es derzeit keine alternativen wissenschaftlichen Methoden gibt, darüber herrschte Einigkeit. Strittig erschien jedoch die ethische Vertretbarkeit. Es blieb zu beurteilen, wie hoch die Belastung der Tiere ist und inwieweit diese Frage überhaupt zu klären ist. Das Amt stützt sich hierbei auf ein Gutachten des emeritierten Psychologie-Professors John P. Gluck. Er leitete selbst zwanzig Jahre lang ein Primatenlabor an der University of New Mexico und ist heute bekennender Tierschützer. Er geht davon aus, dass Makaken nicht unbedingt deutlich zeigen würden, wenn sie leiden.

Insofern bleibe nur, vom Menschen aufs Tier zu schließen: Was wir für uns als Leid bezeichnen, würde damit auch für die Makaken gelten. Ein Ansatz, „der nicht dem Wissensstand der Versuchstierkunde entspricht und damit ein unzulässiger Anthropomorphismus ist“, sagte Kreiters Anwalt Wolfgang Löwer, Experte für Wissenschaftsrecht an der Universität Bonn. Er verweist auf das Gutachten des Veterinärmediziners Franz-Josef Kaup, Leiter der Primatenabteilung am Primatenzentrum Göttingen. Laut Kaup verhalten sich Tiere, die über längere Zeit litten, deutlich anders als Tiere, die sich wohlfühlen. Bei den Bremer Tiere fehlten solche Anzeichen für Leiden.

Nur ein Etappensieg?

Dem schloss sich das Gericht an. Die Versuche laufen seit 1998, seither seien umfassende Untersuchungen vorgenommen worden und es gebe genug Gutachtermaterial, aus dem zu entnehmen sei, dass die Belastung der Tiere mäßig, aber nicht erheblich ist, so Richter Alexy bei der Urteilsverkündung. Das liege auch daran, dass die Wissenschaftler die Tiere auf die Versuche sorgsam vorbereiten und währenddessen ständig betreuen.

Zudem wurde der Behörde kein eigener Ermessensspielraum in Ethikfragen zugebilligt, Revision ausgeschlossen. Letztlich ginge es darum, zwischen zwei Verfassungsgütern abzuwägen, der Forschungsfreiheit und dem Staatsziel Tierschutz. Dies sei rechtlich erschöpfend und eindeutig geklärt. So bleibt der Behörde nur die Rechtsbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. „Ich habe keine Angst vor Leipzig“, sagte Behördenanwalt Ewer am Rand der Verhandlung.

Dies aber als weitere Kampfansage zu deuten, ist verfrüht. Die erste Behördenreaktion ist vielmehr verhalten. „Wir warten erst mal das schriftliche Urteil ab. Dann prüfen wir, inwieweit sich eine Beschwerde lohnt“, sagt Karla Götz, Sprecherin des Senatsressorts Gesundheit. Wolfgang Apel, Ehrenpräsident des Deutschen Tierschutzbundes, überlegt nun andere Möglichkeiten. Falls die Richter gegen das Tierwohl entschieden, müsse eben die Politik den Geldhahn zudrehen, so Apel in einer Verhandlungspause.

Zwar hat am Dienstag die Forschungsfreiheit gewonnen, doch es ist womöglich nur ein Etappensieg: Der Gerichtsentscheid der tieferen Instanz über den aktuellen Forschungsantrag Kreiters etwa ist weiterhin offen. Zwar könnte das jetzige Urteil Vorbild sein, der Konflikt könnte aber auch anders ausgehen. Weiterer Zank ist also nicht ausgeschlossen.

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