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Hitlers Geburtshaus : Das lange Warten auf den Befreiungsschlag

Geschütztes Denkmal mit unrühmlicher Geschichte: Das Geburtshaus Hitlers in Braunau am Inn Bild: AFP

Auch siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg findet Braunau keine Lösung für das Hitler-Geburtshaus. Seit vor vier Jahren eine Behindertenwerkstatt auszog, steht es leer. Ein wahres „Haus der Verantwortung“ ist nicht in Sicht.

          „Die jungen Leute brauchen Idole! Correctness im Verhalten, responsibility, gnädige Frau!“ So weit Gerhard Polt in seiner Tennis-Satire „Longline“. Der korrekte Umgang, die Verantwortlichkeit für die eigene Geschichte, führt wie eine Zündschnur zu jenem Haus, das seit siebzig Jahren das Ansehen der österreichischen Grenzstadt Braunau am Inn nachhaltig schädigt. Es handelt sich um das Anwesen Salzburger Vorstadt Nr. 15, Ecke Schmiedgasse, in dem Adolf Hitler geboren wurde. Seit vier Jahren steht es leer und vergammelt. Davor ein Gedenkstein mit der Inschrift „Für Frieden Freiheit / und Demokratie / Nie wieder Faschismus / Millionen Tote mahnen“.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          1938 unter Denkmalschutz gestellt, von Martin Bormann unter Androhung von Enteignung für 150 000 Reichsmark gekauft und saniert, sollte das fünfhundert Jahre alte Stadthaus ein nationalsozialistisches Kulturzentrum beherbergen; die Initialen „MB“ sind noch im schmiedeeisernen Gitter zu sehen. Hitler hatte mit dem Haus nichts am Diktatorenhut, im Gegenteil, er ließ systematisch alle Zeugnisse über seine wenig gloriose Abstammung aus dem Verkehr ziehen.

          Keine zeithistorische Nutzung

          Nach Kriegsende kauften die ehemaligen Besitzer das Anwesen mit seinen rund sechshundert Quadratmeter Nutzfläche für umgerechnet 25 000 Mark zurück. 1972 schlossen sie einen Mietvertrag mit dem Bundesinnenministerium in Wien, das wiederum an die Stadt Braunau untervermietete. 4800 Euro kassiert die derzeitige Eigentümerin, Gerlinde Pommer, monatlich, sechzig Prozent zahlt der Bund, vierzig die Stadt. Vor kurzem unterbreitete das Bundesministerium ein Kaufangebot, das mit dem Vorschlag gekontert wurde, die Liegenschaft zu teilen - die Rede von Preistreiberei machte die Runde.

          Zwei amerikanische Soldaten schreiben ihre Namen auf die Wände des Zimmers, in dem Hitler geboren wurde.

          Notorisch, aber deswegen nicht unbedingt richtig ist die Behauptung, das Haus sei eine Pilgerstätte „Ewiggestriger“. Der Normalfall sieht wohl anders aus: Es sind Touristen, die beim Spaziergang über den italienisch anmutenden Stadtplatz nach dem Geburtshaus suchen. Nicht unerheblich wäre freilich die Gefahr, wenn es in falsche Hände geriete. Davor graut es nicht nur dem Bürgermeister, der einst mit dem Gedanken liebäugelte, ein ganz normales Wohnhaus daraus zu machen. Der Bau hat schon viele Nutzungen erlebt. Er war Wohnhaus, beherbergte ein Finanzinstitut, ein Gasthaus, zuletzt bis 2011 eine Behindertenwerkstätte. Danach wollte die Gemeinde die Volkshochschule und die Wohlfahrtsvereinigung Volkshilfe Österreich dort unterbringen. Aber auch daraus wurde nichts. Denn es fehlt nicht nur an dem einen, einer Mehrheit einleuchtenden Vorschlag für die Nutzung - man hat auch mit Obstruktion seitens der heutigen Eigentümerin zu kämpfen, die einen eigenwilligen Kurs steuert: Ausdrücklich untersagt der Mietvertrag eine Nutzung im zeithistorischen Kontext. Einen Gedenkort soll es nach dem Willen der Familie Pommer dort nicht geben.

          Befreiung statt Schluss, Schlag statt Strich

          Das sehen nicht alle so. Soeben hat der Politikwissenschaftler Andreas Maislinger einen Vorschlag wiederbelebt, um den Druck auf die entscheidungsschwache Lokalpolitik zu erhöhen. Er wirbt seit bald fünfzehn Jahren und bislang erfolglos für die Einrichtung einer internationalen Begegnungsstätte. Als der bislang letzte Mieter, die Lebenshilfe, auszog, schien die Gelegenheit günstig. Doch geschehen ist nichts. Dabei fehlt es gerade in Braunau - anders als andernorts in Österreich - nicht an der Bereitschaft, sich der Geschichte zu stellen. Es gibt einen Verein für Zeitgeschichte, einen Arbeitskreis Hitler-Haus, die Bevölkerung ist überdurchschnittlich gut historisch bewandert. Schließlich ist auch der vielfach für sein Engagement für Versöhnung ausgezeichnete Maislinger kein Unbekannter: Er war Initiator und wissenschaftlicher Leiter der anerkannten Braunauer Zeitgeschichte-Tage.

          Er hofft auf eine „klare, weltweit vermittelbare Bestimmung“: In dem von ihm angeregten und tatsächlich so genannten „House of Responsibility“ soll sich die Jugend der Welt bei Workshops und Konferenzen mit den Prinzipien von Freiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit vertraut machen, wissenschaftlich begleitet, von Nichtregierungsorganisationen unterstützt. Maislinger vertrat in einem lokalen Anzeigenblatt die These, das „House of Responsibility“ wäre für die Stadt Braunau ein „Befreiungsschlag“: „Zukünftige Generationen müssten sich nicht erneut mit dem Problem Hitler-Haus herumschlagen.“ Befreiung statt Schluss, Schlag statt Strich: Im „Haus der Verantwortung“ würde man dann vermutlich von einer Win-win-Situation sprechen.

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