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Veröffentlicht: 21.07.2015, 20:52 Uhr

Rückbesinnung Braucht der Islam eine Reformation?

In der muslimischen Welt gab es schon einmal eine radikale Rückbesinnung auf Schrift und Urzeit. Laute Rufe nach einem muslimischen Luther wären jedoch zwecklos.

von Simon Wolfgang Fuchs
© AP Betende in einer Moschee in Dubai

Wo bleibt der muslimische Luther? Wann kommt es endlich zu einer umfassenden Neuinterpretation der Heiligen Schriften des Islams? Mit derartigen Fragen und impliziten Vorwürfen sahen sich unsere muslimischen Mitbürger in diesem Jahr von neuem und in großer Heftigkeit konfrontiert. Europaweit wurden sie auf allen Kanälen aufgefordert, zu erklären, woher sich denn nun genau die Gewalt speist, die die IS-Terroristen und die Charlie-Hebdo-Attentäter verüben. Diejenigen Politiker und Kommentatoren allerdings, die lautstark die Abwesenheit eines muslimischen Reformators beklagen, kommen gut 150 Jahre zu spät.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts rumorte es in den arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches und unter den Muslimen Indiens, das zum Britischen Weltreich gehörte. „Blindem Gehorsam“ zur islamischen Tradition sagten modernistisch ausgerichtete Denker den Kampf an. Sie waren der Überzeugung, dass es keinerlei Widerspruch zwischen Verstand und Offenbarung geben könne. Alle rechtlichen und theologischen Aussagen, die muslimische Gelehrte über Jahrhunderte als wesentliche Teile des Glaubens fixiert hatten, müssten vor den Richterstuhl des Verstandes treten. Nur rational vertretbare Positionen sollten beibehalten werden.

Der unverstellte Blick auf den Koran

Europäische Orientalisten und Islamwissenschaftler waren von dieser neuen Bewegung fasziniert, versprach sie doch, wie man in Analogie zum Kampf gegen die kulturelle Macht der römischen Kirche sagte, der Herrschaft des „finsteren Pfaffentums“ im Islam ein Ende zu bereiten. Die Modernisten waren eine kleine Gruppe gebildeter Literaten, aber sie waren nicht die Einzigen, welche die Interpretationshoheit der klassisch ausgebildeten Religionsgelehrten bestritten. Die technologische und militärische Überlegenheit europäischer Kolonialmächte brachte einige Denker dazu, sich verstärkt für die goldene Frühzeit des Islams zu interessieren. Jene ersten Jahrhunderte waren von beständiger Expansion islamischer Reiche und einem enormen Sendungsbewusstsein geprägt.

Diese als Salafisten bekanntgewordenen rückwärtsgewandten Neuerer behaupteten, dass den Muslimen von ihren religiösen Führern schon viel zu lange eine Version der Religion vorgesetzt werde, die jedes islamischen Inhalts entbehre. Über die Jahrhunderte seien religiöse Wahrheiten zunehmend überlagert worden von importierter griechischer Logik und falschen mystischen Lehren, die das Bekenntnis von Gottes Einheit kompromittierten. Die Lösung – in christliche Begriffe übersetzt – könne nur „sola scriptura“ sein, also der unverstellte, frische Blick auf den Koran und die Aussprüche des Propheten Muhammad ohne den Ballast einer jahrhundertelangen Auslegungstradition. Nur so lasse sich das Wohlwollen Gottes wiedergewinnen und eine islamische Renaissance einleiten.

Revolutionsbefehl des Präsidenten

Es ist wichtig, festzuhalten, dass diese frühen salafistischen Denker weder an Gewalt interessiert waren noch die jeweilige politische Ordnung, unter der sie lebten, durcheinanderwirbeln wollten. Fortschritt, Wissenschaft und Wohlstand für die muslimische Welt zu erreichen war ihnen genauso wichtig wie den Modernisten. Das Ergebnis dieses doppelten Angriffs von modernistischer und salafistischer Seite ist eine tiefe Krise der religiösen Autorität im gegenwärtigen Islam. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts erhielten die beiden Reformbewegungen Unterstützung von neuen politischen Verbündeten: Die Nationalstaaten, die aus der Entkolonialisierung hervorgegangen waren, gingen ebenfalls gegen die Eigenständigkeit muslimischer Gelehrter vor. In diesen Staaten waren oft autoritäre und radikale Führer an der Macht, die von der Religion vor allem eines erwarteten: Sie sollte ihre Politik des Nationalismus, der Landreform und der diktatorischen Herrschaftsformen absegnen. Aus unabhängigen und stolzen Institutionen wie der Al-Azhar-Universität in Kairo wurden staatliche Behörden, die strenger Aufsicht unterworfen waren und die Religionsgelehrten des Restes an Eigenständigkeit, Respekt und Einfluss beraubten.

Wenn der ägyptische Präsident Abd al Fattah al Sisi in seiner Neujahrsansprache vor wenigen Wochen von den Professoren der al Azhar eine „religiöse Revolution“ forderte, dann ist dies nur als vorläufiger Höhepunkt der Einflussnahme des Staates zu sehen. Der sunnitische syrische Großmufti, der gehorsam mit dem alawitischen Präsidenten Assad zum Ramadangebet erscheint, bietet einen ähnlich traurigen Anblick einer religiösen Persönlichkeit, die über keine moralische Legitimität mehr verfügt. Die Ergebnisse dieses gewaltigen Sieges reformatorischer Kräfte – Modernisten, Salafisten und Nationalstaaten – über die traditionellen Religionsgelehrten sind unübersehbar. Der sogenannte Islamische Staat ist derzeit seine spektakulärste Manifestation.

Maulkörbe für Konservative

Was prägt die Doktrin des IS? Ursprünglich unpolitisches salafistisches Gedankengut verschmolz im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts mit Positionen der ägyptischen Muslimbrüder, die Gottes direkte Herrschaft in Form seines Gesetzes einforderten und bewaffnete Aufstände gegen die ungläubigen, repressiven Regierungen in der arabischen Welt propagierten. Den Rahmen für eine solche Synthese boten die religiösen Institutionen der älteren, aber ebenfalls dezidiert aktivistischen Reformbewegung des wahhabitischen Islams. Diese hat ihren Ursprung auf der Arabischen Halbinsel, wo Muhammad ibn Abd al Wahhab im achtzehnten Jahrhundert einen strikten Monotheismus predigte. Die religiöse Führung in Saudi-Arabien stellt sich in seine Tradition und näherte sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr salafistischen Positionen an.

Diese Synthese aufzubrechen und den durch Reformen dieser Spielart entstandenen Schaden rückgängig zu machen ist ein extrem schwieriges Unterfangen. Ein Mann, der diesen Kampf auf sich genommen hat, ist der saudische Gelehrte Hatim al Auni, der zur besten Sendezeit im Fernsehen des Königreichs aufgefordert wurde, seine kontroversen Thesen öffentlich zu verteidigen. Al Auni ist der Überzeugung, dass Muhammad ibn Abd al Wahhab einer Reihe von Fehleinschätzungen aufgesessen ist. Seine bedingungslose Verurteilung einer Mehrheit aller Muslime als Ungläubige, die durch ihren Lebenswandel den Pfad des Monotheismus verlassen hätten und dafür zu töten seien, sei im Lichte der islamischen Tradition nicht haltbar. Saudische Gelehrte sollten anerkennen, dass das Problem mit dem IS und ähnlichen Bewegungen nicht in einer Verfälschung des wahhabitischen Erbes liege, sondern gerade in der Umsetzung der wahhabitischen Kernaussagen. Die Innovationen, die Reformen des achtzehnten Jahrhunderts samt ihrer späteren Erweiterungen, müssten zurückgenommen werden.

Fokus auf das Gemeinwohl

Es ist ungewiss, wie lange al Auni weiter öffentlich seine Thesen in Saudi-Arabien verbreiten darf. Ähnlich argumentierende Kritiker vor ihm wurden schnell unter Hausarrest gestellt oder anderweitig zum Schweigen gebracht. Das Erstarken des Salafismus hat die islamische theologische Debatte stark verändert und macht es insbesondere denjenigen Reformern schwer, die sich als Erben der Modernisten sehen. Es ist relativ leicht, ihnen vorzuwerfen, dass sie die Religion nur nach Gutdünken und im Lichte selbst kreierter „Prinzipien“ oder „eigentlicher Ziele des göttlichen Gesetzes“ auslegen.

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Eine wichtige alternative Ressource für solche Diskussionen im Islam wird in der Öffentlichkeit westlicher Staaten meist übersehen: die komplexe und vielschichtige Tradition, die unter anderem aus Rechtsmeinungen und Korankommentaren besteht und sich über Jahrhunderte angesammelt hat. Damit zu arbeiten erfordert nicht nur Geduld und intensives Training, sondern geradezu die Wiedererweckung von traditioneller Gelehrsamkeit und eine Erneuerung des Ansehens und Einflusses der Religionsgelehrten jenseits der erstickenden Kontrolle autoritärer Staaten. Manche Gelehrte wie der in Qatar beheimatete Yusuf al Qaradawi und Tahir ul Qadri aus Pakistan haben selbst die Initiative ergriffen und sich ihre eigenen transnationalen Foren geschaffen. Rundum „verknöchert“ oder „erstarrt“ ist das islamische Erbe keinesfalls, allerdings ist Außenstehenden oftmals die Tragweite der internen Debatten, die in solchen Kontexten geführt werden, nicht bewusst.

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Von Gelehrten dieser Prägung ist keine blitzschnelle „radikale Reform“ oder die Schaffung eines wie auch immer gearteten „Euro-Islams“ zu erwarten, wohl allerdings Flexibilität, ein Fokus auf das Gemeinwohl und das Ermöglichen eines guten Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen, auf das alle islamischen Rechtsschulen seit jeher Wert gelegt haben. Natürlich haben Muslime in Deutschland selbst das Recht, zu definieren, auf welchen Quellen sie die Auslegung ihrer Religion aufbauen wollen und inwieweit sie dafür überkommene Texte und Ideen nur als hinderlich empfinden. Allerdings tun wir auch gut daran, unsere Augen nicht vor den konservativeren, leiseren und damit unter Umständen sogar kreativeren Reformbemühungen traditioneller Gelehrter zu verschließen. Dabei muss sich nicht zwangsläufig eine liberale Form des Islams herausbilden, aber auch für sperrigere, nicht gewalttätige Lesarten des Islams muss in Deutschland Platz sein. Laut danach zu rufen, dass der Islam nun endlich erwachsen werden und sich einer Reformation unterziehen müsse, erscheint vor diesem Hintergrund kontraproduktiv.

Glosse

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