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Bonn nach der Bombe Beamtenstadt im Terrorschatten

Nach dem missglückten Bombenattentat ist die Unruhe in Bonn mit Händen zu greifen. Die Mordmaschine, hinter der Islamisten vermutet werden, explodierte nicht, aber sie wurde gezündet. Und medialen Sprengstoff gibt es auch so.

© dpa Vergrößern Bombe in der „Terror-Hauptstadt Bonn“

Man spricht nicht laut darüber. Die Lage ist unklar. Die Bombe am Bonner Hauptbahnhof wurde gezündet, explodierte aber nicht. Es gibt Verdächtige, eindeutig ist nichts. Also abwarten, Ruhe bewahren. Der Bonner ist eine Beamtenseele, der es amtlich braucht. Er vertraut auf den Staat.

Hin und wieder aber, der Kuchen liegt auf dem Tisch, er dampft, und im Radio gibt es Weihnachtsmusik, kommt er im kleinen Kreis auf die „Zwei Welten“ in der Stadt zu sprechen, als gäbe es eine logische, ja fast programmierte Verbindung zwischen dem rapiden Zuzug muslimischer Zuwanderer, der einzelne Viertel seit dem Regierungsumzug verwandelte, und jenem Augenblick vor anderthalb Wochen, an dem im Hauptbahnhof die Bombe abgelegt wurde, aber nicht hochging.

Erst die Sache mit der König-Fahd-Akademie, einer saudi-arabischen Schule in Bad Godesberg, die mit islamistischen Unterrichtsinhalten auffiel, bis der Protest zu groß war. Später der Überfall auf Abiturienten, der das Theater zu einem vieldiskutierten Doku-Stück namens „Zwei Welten“ animierte. Schließlich der Wirbel um zwei Gymnasiasten aus Kessenich, die in den „Heiligen Krieg“ zogen; die „Hassprediger“ in einer Moschee in Beuel; die Razzien in der Innenstadt; die von rechten Provokateuren in Lannesdorf entfachte Straßenschlacht zwischen Salafisten und Polizisten; die Messerstiche, das Gerichtsverfahren im Oktober. Und nun das.

„Terror-Hauptstadt Bonn“

So laufen die Gespräche dieser Tage - in einer Stadt, deren internationales Milieu lange aus Botschaftsangehörigen, Akademikern der Uni, Mitarbeitern der UN und reichen Arabern auf den Operationstischen bestand.

Zwar lässt sich ein Teil der Sorgenfalten mit der zögerlichen Gewöhnung an eine neue, nicht länger von ständiger Polizeipräsenz zwischen Regierungs- und Diplomatenviertel geprägten Zeit erklären (den jüngeren, neu zugezogenen Bonnern scheint die Differenzierung zwischen muslimischen Migranten und Terroristen leichter zu fallen als den Alteingesessenen, und sie scheinen gelassener mit den Schlagzeilen umzugehen). Und klar, zugleich gibt es andere, die lieber auf erfolgreiche Integrationsprojekte schauen.

Doch fällt es eben schwer, aus der Abfolge der Schlagzeilen keine grundsätzliche Tendenz zum Bedrohlichen herauszulesen. Eine Liste des LKA, die dem „General-Anzeiger“ vor zwei Jahren zugespielt wurde, führte für Bonn 175 „potentielle Gefährder“ auf. Diese Zahl ist schnell zur Hand, wenn es um die Bombe am Bahnhof geht. Sie wird auch dann nicht besser, wenn der „harte Kern“ auf eine kleinere zweistellige Zahl reduziert wird. Und die Unruhe wird in dem Maße größer, in dem Zeitungen wie die „Bild“ von der „Terror-Hauptstadt Bonn“ schreiben. So hat man sich das mit der Rückkehr des Hauptstadttitels nicht vorgestellt.

„Tummelplatz für Salafisten“

Allerdings fühlten sich die Bonner schon zu Hauptstadtzeiten missverstanden, niedergeschrieben von Journalisten und Schriftstellern wie Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll, und mit der Diskussion um den Umzug der Ministerien wurde das nicht besser. Da steigt in dem Maß, in dem die Stadt als „Tummelplatz für Salafisten“ (NZZ) und „Brutstätte des Islamismus“ („Rheinische Post“) skizziert wird, auch wieder der Trotz hoch, bis sie mit demonstrativer Gelassenheit die Schultern zucken. Eine Frage der Ehre.

Diejenigen, die im Sommer bei den Demonstrationen vor der Fahd-Akademie ausrasteten, sagt eine Frau im Zentrum von Bad Godesberg, das durch eine private „City-Streife“ gesichert wird, waren doch wohl vor allem Zugereiste. Der Salafist etwa, der die Polizisten schwer verletzte und nun, das meldet der „Express“ auf dem Titel, von seinen Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis befreit werden soll? Der kam aus Hessen. Beide, die militanten Islamisten und die Antiislamisten, haben sich Bonn als Schauplatz ausgesucht - so wie vor Jahren die Theaterleute und die Reporter von RTL, die mit Blick auf junge entgleisende Migranten vom „Godesberg-Phänomen“ sprachen.

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Und dann ist es ja auch so, dass keinem außer den Extremisten mit einer Überreaktion gedient ist. Auch nicht mit einem Narrativ, das den Anschein eines eskalierenden Kulturkampfes verstärkt. Ob so auch die Presse denkt, die mit wenigen Ausnahmen auffällig nüchtern berichtet? Oder liegt die Zurückhaltung daran, dass die Bombe nicht explodierte, der Amoklauf von Newtown das Interesse überstrahlte? Dass man eher abwartet, sensibel geworden durch den Terror von rechts? Nicht von ungefähr erwähnte der Bonner „General-Anzeiger“, als er denkbare Szenarien zu Papier brachte, die Möglichkeit eines „(fingierten) Anschlags aus der rechten Szene der Islamhasser“.

Bei den Bonner Salafisten-Ausschreitungen im Sommer, meint der Politikwissenschaftler Dirk Bähr, der zum Thema forscht, seien selbst seriöse Medien noch dem Kalkül der Demonstranten auf den Leim gegangen: „Jetzt scheint man die Berichterstattung eher entdramatisieren zu wollen.“ Wobei Bähr noch immer auf Schlagworte stößt, die zu stark emotionalisierten „und den Muslimen im Land das Gefühl geben, man könne nicht zwischen ihnen und den Dschihadisten unterscheiden. Da muss man aufpassen, um nicht neue Radikalisierungen auszulösen.“

So oder so: In Bonn, war zu lesen, hat das Weihnachtsgeschäft nach einem kurzen Schreckmoment wieder Fahrt aufgenommen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.12.2012, 12:00 Uhr

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