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Bildungspolitik Der Mythos Ostschule

16.08.2010 ·  Im Schulsystem der DDR sehen manche bis heute ein Stück Sozialismus, das funktionierte und wert gewesen wäre, übernommen zu werden. Doch der Schein trügt: Das System war weder gerecht noch sozial durchlässig - als Vorbild taugt es nicht.

Von Ralf Schuler
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Die DDR-Schule ist ein Mythos. Viele haben daran mitgewirkt, dass sich dieses Stück DDR-Inventar mit so vermeintlich passablem Ruf über die Zeiten gerettet hat.

Bildungsreformer West finden in der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR (POS) eine Projektionsfläche für möglichst langes gemeinsames Lernen, und wenn nach den Sommerferien in Berlin die neue Sekundarschule die Hauptschulen ersetzt, wenn in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg übers Gymnasium gestritten wird, dann glitzert immer auch die Fata Morgana der Ostschule am Horizont. Bei Gegnern wie Befürwortern differenzierter Bildungswege - und erst recht, wenn die Linkspartei mit von der Partie ist.

Gerechte Bildung auf hohem Niveau für alle?

Denn die Bewahrer von Ost-Biographien in den neuen Ländern (“Es war nicht alles schlecht“) und jene des DDR-Angedenkens in den alten Ländern halten die POS heute ebenfalls hoch als Symbol dafür, dass nicht nur Grüner Pfeil und Ampelmännchen in die Einheit hätten „eingebracht“ werden können, sondern auch die gerechte Bildung auf hohem Niveau für alle. Ein Stück Sozialismus, das funktionierte und wert gewesen wäre, übernommen zu werden. Doch der Schein trügt.

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Selbst wenn man die durchgreifende Indoktrinierung der Honeckerschen Schule - Margot Honecker war von 1963 bis 1989 (!) Bildungsministerin der DDR - beiseite lässt, taugt die Ostschule nicht als Vorbild, ja sie ist nicht einmal Indiz dafür, dass gemeinsames Lernen fruchtbarer ist als frühe „Selektion“ - ein Begriff, der gerade wegen seines diskreditierenden Untertons in die heftig geführte Bildungsdebatte eingeführt worden sein dürfte.

Niedrigere Abiturquote als in der Bundesrepublik

Auch ein heilsamer Effekt sozialer Durchlässigkeit ist der Ostschule schwer zu bescheinigen. Und die Abiturquote in der DDR - zwischen fünf und fünfzehn Prozent - lag zu allen Zeiten deutlich unter jener der Bundesrepublik.

Um als Vorbild zu dienen, müsste sich das DDR-Bildungssystem wenigstens einmal einem vergleichbaren Test unterzogen haben, wie die bundesdeutschen Schulen. Etwas Ähnliches wie Pisa hat es in der DDR allerdings nie gegeben. Schon diese Tatsache macht den unbefangenen Vergleich schwer.

Wer die DDR-Schule durchlaufen hat und mit nüchternem Blick zurücksieht, wird aber auch empirische Zweifel an der Überlegenheit hegen. Wenn man sich vor Augen führt, dass alle Schüler von der fünften Klasse an Russisch lernen mussten und dass dennoch kaum jemand die Sprache einigermaßen alltagstauglich beherrschte, dann kann die Vermittlung des Stoffes nicht sonderlich effektiv gewesen sein.

Kein individuelles Fördern, Fordern und Betreuen

Ansonsten pflegte die Pädagogik in der DDR einen eher „schnörkellosen“ bis autoritären Stil der frontalen Ansage von Formeln und Inhalten, der heute keine Akzeptanz mehr finden würde und auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten der Schüler kaum Rücksicht nahm.

Zur nachträglichen Adelung des DDR-Bildungssystems wird immer wieder angeführt, dass sogar Pisa-Primus Finnland das Modell der Ostschule übernommen habe. Das stimmt bestenfalls zur Hälfte und eigentlich nicht. Finnland hat die zehnjährige Gemeinschaftsschule übernommen und um ein ausgeklügeltes System an Stütz- und Hilfslehrern ergänzt, die sehr individuelles Fördern, Fordern und Betreuen im Klassenverband ermöglichen. Das gab es in der DDR nicht.

Ohne höheren Anspruch

Wer die Ostschule durchlaufen hat, wird in aller Regel die Erfahrung bestätigen, dass die schlechten Schüler der ersten Jahre auch als „Loser“ die zehnte Klasse verließen oder schon nach der achten in eine Lehre wechselten. Wer nicht mitkam, musste sich halt mehr anstrengen, wer sich nicht mehr anstrengte, blieb sitzen und hatte Pech.

Einen höheren Anspruch hatte die Ostschule nicht. Vorwerfen kann man ihr das nur bedingt, schließlich gab es keine vergleichbaren Bildungsdebatten in der DDR, und das straff geführte, zentralistische Bildungssystem hatte in erster Linie der Wissensvermittlung und der weltanschaulichen Prägung des sozialistischen Nachwuchses zu dienen.

Selektion durch „Elite“-Schulen

„Selektiert“ wurde in der DDR-Schule übrigens auch: Wer Schulen mit verstärkter Leistungsförderung für Sport, Russisch, Musik oder Mathematik besuchen wollte, wechselte - so er denn die Chance dazu erhielt - bereits nach der zweiten Klasse an diese Sonder-, man könnte auch sagen „Elite“-Schulen.

Was die soziale Durchlässigkeit betrifft, widerlegt das DDR-Bildungssystem eher die These, dass gemeinsames Lernen als Fetisch-Formel genügt, um den Aufstieg bildungsferner Schichten zu fördern.

Das lässt sich sogar recht einfach belegen, weil die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht von Anfang an im Klassenbuch vermerkt war. Trotz vielfältiger Bemühungen zur Förderung von Arbeitern, Bauern und deren Kindern, die ja die „herrschenden Klassen“ sein sollten, waren auf ostdeutschen Universitäten zum Leidwesen der SED-Funktionäre Intelligenzler-Abkömmlinge nahezu unter sich.

Aufstieg der „kleinen Leute“

In meiner Abiturklasse gab es eine einzige Schülerin, bei deren Vater „Arbeiter“ in der entsprechenden Spalte verzeichnet war. Sie verließ die „Erweiterte Oberschule“, das DDR-Pendant zum Gymnasium, vorzeitig nach der zehnten Klasse, weil ihre Leistungen nicht ausreichten. In der gesamten Abiturstufe aus sechs Klassen sah es nicht viel anders aus, obwohl zum Aufbessern der Statistik schon die „bewaffneten Organe“ Polizei und Nationale Volksarmee sowie Mitarbeiter des Staatsapparates zur „Arbeiterklasse“ gezählt wurden.

Dass in der Erinnerung vieler DDR-Bürger heute der Eindruck entsteht, sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet zu haben, liegt auch daran, dass es in der DDR im Grunde nur „kleine Verhältnisse“ und „kleine Leute“ gab.

Die SED, deren Funktionäre in der Vorkriegszeit noch die hermetische Verschlossenheit bürgerlich-elitärer Bildungseinrichtungen kennengelernt hatten, mühte sich in der Tat redlich, alle materiellen Schranken für den Zugang zu hohen und höchsten Abschlüssen zu beseitigen.

Am Ende zeigte sich, was auch heute noch durch jeden neuen Bildungstest bestätigt wird: Das Elternhaus ist für die Förderung kindlicher Anlagen von Wissbegierde und Lernfreude weitgehend unersetzbar. Die nahezu flächendeckende frühkindliche und vorschulische Betreuung in der DDR hat daran nichts ändern können.

Vorteil: Effiziente Lehrpläne durch Zentralisierung

Einen entscheidenden Vorzug hatte das DDR-Bildungssystem allerdings: So verhängnisvoll und quälend die zentrale Kontrolle auf dem Feld der ideologischen Indoktrination und bei der (Ver-)Formung junger Menschen war, so sinnvoll und effektiv war die Zentralisierung bei der interdisziplinären Erarbeitung effizienter Lehrpläne.

Wenn in der Ostschule im Physikunterricht Schwingungen und Wellen durchgenommen wurden, waren in Mathe Winkelfunktionen (Sinus, Kosinus, Tangens etc.) dran, so dass die natürliche Herleitung der abstrakten Funktionen mit dem Berechnen von Wellen in beiden Fächern einherging.

Die Photosynthese kam in Biologie an die Reihe, wenn zuvor kettenförmige Kohlenwasserstoffe in Chemie erklärt worden waren. Erst Atommodell und elementare Bindungsformen im Chemieunterricht, dann Kernspaltung in Physik und so fort.

Nahezu flächendeckende Ungleichzeitigkeit

Was wie pädagogische Kleinklauberei erscheinen mag, ist bei näherem Hinsehen entscheidend für die effiziente Wissensvermittlung. Lernen und Erkennen sind im besten Falle eine spannende Geschichte, die sich ständig fortschreibt, deren Handlung sich in verschiedenen Strängen verlängert.

Heute werden aber selbst innerhalb einer Schule von Jahrgang zu Jahrgang von unterschiedlichen Lehrern unterschiedliche Bücher und Arbeitshefte verwendet, die, jedes für sich genommen, unbestritten beeindruckende didaktische Ansätze haben. Die nahezu flächendeckende Ungleichzeitigkeit, die ich im Schulalltag meiner drei Kinder erlebe, führt aber dazu, dass weniger hängenbleibt und durch die nötigen Wiederholungen weniger Stoff in die zur Verfügung stehende Zeit hineinpasst.

Da darf man sich am Ende nicht wundern, wenn vom „Schwarzbrot-Wissen“ zu wenig hängenbleibt und Ausbilder ebenso wie Universitäten über mangelnde Grundkenntnisse klagen. Die „Defragmentierung“ der Lehrpläne bleibt eine ungelöste Aufgabe im Bildungssystem.

Wer Schule in der DDR erlebt hat, dem wird die gegenwärtige Debatte über Schulformen als vertane Zeit erscheinen. Jahrgangsübergreifendes Lernen in der Grundschule und zwischen siebter und zehnter Klasse löst die Schüler-Gemeinschaften ohnehin teilweise auf. Gemeinschaftliches Lernen ohne differenzierte Begleitung für Begabte und Lernschwache ist sinnlos, und die Hauptschule versagt vor allem deshalb, weil vor lauter Form-Diskussion in all den Jahren niemand darangegangen ist, sie so zu ertüchtigen, dass sie ihrer Klientel gerecht wird.

Schule steht und fällt mit den Lehrern, nicht mit den Namen der Schule. Und ohne die Eltern wird es auch in Zukunft nicht gehen. Das wäre allerdings auch nicht wünschenswert. Wenn immer mehr Autos kaputt vom Band laufen, kann man nicht einfach die Zahl der Werkstätten erhöhen.

Ralf Schuler ist Politikchef der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam.

Quelle: F.A.S.
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