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Entwicklung der Gymnasien : Abiturienten, bis es kracht!

Rotten sich an den Gymnasien tatsächlich nur die Unternehmerkinder zusammen? Wohl kaum! Bild: AFP

Noch nie war der Ansturm aufs Gymnasium so massiv wie heute. Die Folgen für Eltern, Schüler und Lehrer sind zermürbend – und die Politik weiß es besser.

          Am Montag hatte die Bundeskanzlerin in Berlin zum Dialog eingeladen. Aufgefordert, ihre Wünsche und Meinungen vorzutragen waren sechzig Bürger, zufällig ausgewählt aus den Teilnehmern des „Sozio-ökonomischen Panels“, einer wissenschaftlichen Langzeitbefragung. Repräsentativer ging es also gar nicht.

          Und was bewegte nun die statistischen Abgeordneten der Bevölkerung? Vielleicht trug der Titel der Veranstaltung, „Gut leben in Deutschland“, mit dazu bei, dass sie sich vor allem für eines interessierten: ihre und der Ihren Wohlfahrt. Was verdiene ich? Ist die Rente sicher? Wie viel kostet, wie viel bringt Zuwanderung? Sollten nicht alle zu den Sozialversicherungen beitragen müssen? Wer finanziert unserer Gemeinde ein neues Feuerwehrauto? Wie bekommt man mehr Mediziner aufs Land? Warum muss ich dafür bezahlen, wenn ich Ergotherapeutin werden will oder wenn mir der Arzt den Augeninnendruck misst?

          Irgendwann erinnerte der Moderator, man habe noch eine Viertelstunde, und vielleicht solle man zu Bildungsfragen übergehen. Denn auf der Liste dringlicher Themen, die von den Bürgern zuvor im Gespräch untereinander erstellt worden war, standen oben: soziale Sicherheit, Gesundheit, Bildung. Vor der Bildung kam dann aber erst noch der Naturschutz zur Sprache, und von der Viertelstunde gingen auch noch zwei Fragen zur Zukunft Europas ab.

          Das Schulsystem wird von unten aufgerollt

          Es waren am Ende in mehr als anderthalb Stunden Bürgerdialog ganze zwei Fragen, die den Zustand der Bildung hierzulande betrafen. Ein Handwerker auf dem zweiten Bildungsweg brachte vor, dass er mehr als vier Jahre auf einen Platz an einer staatlichen Schule hätte warten müssen, um sein Abitur nachzuholen. Und eine Lehrerin mahnte, Bildung müsse Priorität haben. Das fand Angela Merkel auch, hinzusetzend, Schulpolitik sei natürlich Ländersache, aber sie wolle damit nicht ausweichen.

          Ist es zu kritisch, wenn man das Ergebnis dieses Bürgerdialogs so zusammenfasst: Zu Bildung fällt uns nicht viel ein? Genauer: Wir finden sie irgendwie sehr wichtig, gleich nach Gesundheit, wir finden überdies, dass sie irgendwie noch viel wichtiger genommen werden müsste, aber wenn wir sagen sollen, was das denn hieße, dann sagen wir, was wir sowieso immer sagen, dass nämlich irgendwie mehr Geld hermüsste? Und dass Bildung natürlich leider Ländersache ist, dass also gerade dort über sie entschieden wird, wo das Geld fehlt.

          Was in Berlin nicht zur Sprache kam, ist beispielsweise, dass das Schulsystem in Deutschland derzeit von unten aufgerollt wird. Erst, so ist die Tendenz, der inzwischen so gut wie alle Parteien folgen und jedenfalls kaum ein Bildungspolitiker scharf entgegentritt, legt man Haupt- und Realschulen zusammen, dann schafft man die Förderschulen ab und nimmt das Gymnasium ins Visier, um schließlich die integrierte Gesamtschule für eine Schulform zu halten, die alle anderen Schulformen ersetzen könne. In Niedersachsen steht es so schon im Gesetz, über analoge Absichten der nordrhein-westfälischen Schulpolitik sollte sich niemand hinwegtäuschen, von Berlin wollen wir besser schweigen, und in Schleswig-Holstein verfolgt man seit einiger Zeit ohnehin eine Lehrerausbildung, die keinen Unterschied mehr zwischen den Schulformen machen will.

          Es wird nichts verlangt, was Mühe macht

          Das alles ist getragen von einem entschiedenen Willen, die alte Forderung „Bildung für alle“ auf dem Wege einer einheitlichen Verteilung der Abschlüsse zu verwirklichen. Der kürzlich gefallene Satz der grünen Fraktionsvorsitzenden im Niedersächsischen Landtag, an den Gymnasien rotteten sich die Unternehmerkinder zusammen, ist nicht nur besonders drastisch. In seiner Dummheit – dreißig Prozent aller Schüler gehen auf ein Gymnasium – ist er aber durchaus informativ.

          Nimmt man ihn mit der Wendung des Frankfurter Oberbürgermeisters, Peter Feldmann (SPD), zusammen, der bei einem Gymnasialzugang von 56 Prozent in seiner Stadt findet, man müsse die Abiturientenquote weiter steigern, „bis es kracht“, hat man ein gutes Bild davon, welches Ziel die Schulpolitik hierzulande gern um jeden Preis verfolgen möchte. Um jeden Preis, das heißt vielerorts: um den Preis des Unterrichtsniveaus.

          Lange schon versuchen endlose Kataloge von „Kompetenzen“, die angeblich erworben und jedenfalls gefordert werden, darüber hinwegzutäuschen, was alles nicht mehr verlangt wird, von der Schreibschrift über die Rechtschreibung bis zur Kenntnis ganzer Bücher (stattdessen: Auszüge) oder älterer Vokabulare (stattdessen: Übersetzung von Droste-Hülshoff ins Tagesschau-Deutsch). Und warum wird es nicht mehr verlangt? Nicht weil es unsinnig wäre, sondern weil es Mühe macht und vermeintlich exklusive Folgen hat. Nicht alle sollen alles gleich gut können? Da sei die Schulpolitik vor.

          Hauptsache, man kann ein Zertifikat vorweisen

          Darum richtet man Englischstunden für Sechsjährige ein, auch wenn die Forschung hundertmal nachgewiesen hat, wie unsinnig es ist, weil nichts davon hängenbleibt, solange in den Familien selbst kein Englisch gesprochen wird. Oder man plädiert für mehr Wirtschaftskunde in der Schule, weil die Wirtschaft angeblich das Schicksal ist. Schulpolitik erfolgt nicht, weil sich nachweisen ließe, dass sie den Unterricht verbessert, sondern insofern sie wertvoll aussieht.

          Die Werte heißen dabei wahlweise: Globalisierung, Chancengleichheit, Wissensgesellschaft, sozialer Zusammenhalt, Standortsicherung, Inklusivität. Eine ganze Weiterbildungsindustrie für Lehrer übt unter Inkaufnahme – oder soll man sagen: unter Genuss von? – Unterrichtsausfall die entsprechenden Mantras ein. Der Erfolg wird über Bildungsstatistiken und nur über sie nachgewiesen: X Prozent aller deutschen Schüler haben Frühenglisch, werden gerade medienkompetent gemacht oder lernen Präsentiertechniken, erwerben die Hochschulreife – auch wenn völlig unklar ist, ob das im Einzelfall etwas Bestimmtes bedeutet.

          Das gilt auch am unteren Ende der Bildung. Die Zahl derjenigen, die bei den Pisa-Tests das niedrigste Leistungsniveau nicht erreichte, ist deutlich höher als diejenige der Schüler ohne Abschluss. Zu Bildung fällt uns also vielleicht auch deswegen so wenig ein, weil ihr Sinn sich inzwischen oft ganz darin erschöpft, dass jemand ein Zertifikat vorweisen kann. Die Stimmen aus den Unternehmen, Verwaltungen und Hochschulen, die mitteilen, dass man dort immer weniger auf Abschlusszeugnisse gibt, bleiben unbeachtet.

          Die abstrakte Gottheit fordert Opfergaben

          Bei Teilen der politischen Kundschaft erzeugt das Panik. Eltern, denen man eingeredet hat, die Schule entscheide über den Lebenserfolg samt der Schichtplazierung, drehen verständlicherweise schier durch, wenn das Kind keine Gymnasialempfehlung erhält. Oder wenn, wie gerade in Frankfurt geschehen, fünfhundert Schüler keinen Platz an einem wohnortnahen Gymnasium erhalten haben, weil die Schulpolitik die Bewerberzahlen angeblich nicht voraussehen konnte. Tatsächlich will es aber eine bestimmte Schulpolitik einfach nicht wahrhaben, dass sie selbst die Gymnasien für viele Eltern zur alternativlosen Schulform gemacht hat.

          Möchte die Abiturentenquote von 56 Prozent weiter steigern: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, hier inteviewt von einer Schulklasse..
          Möchte die Abiturentenquote von 56 Prozent weiter steigern: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, hier inteviewt von einer Schulklasse.. : Bild: Helmut Fricke

          Zu diesen Irritationen kommen in vielen Familien selbsterzeugte hinzu. Die Schule soll alles richten, das Familienleben selbst soll von Hausaufgaben und anderen Bildungsfragen weitgehend entlastet sein. Oder es sollen sich andere Organisationen damit beschäftigen, von der Nachhilfe über Vereine bis zu Kursanbietern aller Arten. Oder es kann nicht genug Bildung „investiert“ werden: Ballett, Selbstverteidigung, Cello, Malschule, Sprachurlaub und so weiter. „Das gehetzte Kind“, das der amerikanische Psychologe David Elkind schon vor dreißig Jahren in den Blick nahm („The Hurried Child. Growing Up Too Fast To Soon“, Cambridge Mass., 1981), wird nicht nur von der Schule pressiert.

          Auf diese Weise ist Bildung zu einer abstrakten Gottheit geworden, die viele Opfergaben fordert. Am Ende werden es auch hohe monetäre sein, wenn nämlich die Versuche, die unternehmerischen Zusammenrottungen an den staatlichen Gymnasien aufzulösen, nur noch den Weg in die Privatschulen offenlassen. Dann würde wieder einmal Amerika die Zukunft Europas gewesen sein, in Gestalt eines Bildungssystems, in dem der Besuch der High School in puncto Berufskarriere fast gar nichts bedeutet und die Eingangsprüfungen der unfassbar teuren Universitäten samt der nicht minder teuren Vorbereitungskurse darauf und privaten „Präparationsschulen“ fast alles.

          Womöglich ist es gerade eine von Gerechtigkeitsidealen und Aufstiegsphrasen beherrschte Schulpolitik, die den Übergang zu mehr sozialer Ungleichheit und rücksichtsloser Konkurrenz im Streben nach Abschlüssen herbeiführen wird, als sie sich albträumen lässt. Und vieles davon wird dann nur geschehen sein, weil ironischerweise ausgerechnet die Bildungspolitik meistens auf eine Weise vorgeht, die dem Begriff der Bildung widerspricht: undurchdacht.

          „Zur Lage der Bildung“ wird das Feuilleton in loser Folge Texte veröffentlichen. Den Anfang macht Herausgeber Jürgen Kaube mit diesem Artikel.

          Quelle: F.A.Z.

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