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Wenn nur das Abitur zählt : Diese dummen Bildungsfatalisten

Eine neue Bildungshysterie ist ausgebrochen. Das Vorurteil lautet: Es gibt keine Alternative zum Gymnasium. Bild: Daniel Pilar

Außer dem Gymnasium kommt für die meisten Eltern gar keine andere Schule mehr für ihre Kinder in Frage. Dabei könnten die Realschulen eine wichtige Aufgabe erfüllen. Aber sie selbst haben ihre Stärke vergessen.

          Neuer Trend aus München: Ein Siebzehnjähriger hat dort gerade Abitur gemacht, seine Durchschnittsnote: 1,7. Die Gratulationen fallen überschwänglich aus. So ein guter Schnitt, nach nur acht Jahren, und das in Bayern! Die Mutter aber wiegelt ab: Der Schnitt sei nichts Besonderes. Im Abiturjahrgang des Jungen hätten 45 Prozent einen Einserschnitt gehabt. Viele seiner Mitschüler, auch die besonders guten, hätten an Ferienkursen teilgenommen („Wir machen Ihr Kind fit fürs Abitur“), einer Art Repetitorium, wie man es aus dem Jurastudium kennt. Durchschnittsnoten von 1,3 seien bei den Ferienschülern keine Seltenheit gewesen. Nach den Prüfungen seien diese Kinder samt ihren Eltern allerdings völlig entkräftet gewesen. Das Wettrennen geht jetzt an der Hochschule weiter. Die Laune bei selbstlernenden Abiturienten hat das nicht gehoben.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Hauptgrund für diesen Irrsinn führt die Mutter die Angst der aus anderen Bundesländern zugereisten Eltern vor dem bayerischen Bildungssystem an. Viele könnten sich zudem allein aus Imagegründen keine schlechte Abiturnote im Haus leisten. Ein schöner Nebeneffekt bei den erwähnten Kursen ist, dass sie sich mit einer Ferienbetreuung koppeln lassen. Das ist gut für die Karriere der Eltern, während die jungen Menschen sich gleich ans lebenslange Lernen gewöhnen können. Und einen institutionellen Anstrich haben diese Kurse auch, sie finden zum Teil sogar in Schulräumlichkeiten statt - eine kleine Bankrotterklärung des G8-Systems.

          Am Rande des Abgrunds

          Schlimmer als diese Auswüchse bei immerhin fast erwachsenen Jugendlichen ist, dass der beschriebene Ehrgeiz bei seelenverwandten Eltern heute schon viel früher einsetzt. Jede Wette, dass es bald heißen wird: Wir machen Ihr Kind fit fürs Gymnasium. Der schulische Hauptkampfplatz hat sich längst auf den Übergang zur weiterführenden Schule verlagert. Spätentwickler oder Kinder, die gern praktisch lernen, haben bei Eltern mit Ambitionen heute schlechte Karten. Eine neue Hysterie ist ausgebrochen, die dem ursprünglich auf bildungsferne Schichten gemünzten Begriff des Bildungsfatalismus („Gymnasium passt nicht zu uns“) in Akademikerkreisen eine neue Bedeutung verleiht: „Es gibt für uns keine Alternative zum Abitur.“ Wobei die zweite Ausprägung wie die erste überraschend schnell auf die Kinder übergreift. Viele von ihnen wollen mit allen Mitteln nicht mehr in Real- oder Hauptschulklassen hinein.

          Zu greifen war die allgemeine Hysterie in den absurden Schulbesuchs-Karawanen, die kürzlich vor allem in jene Bundesländer zogen, die keine verbindliche Lehrerempfehlung für weiterführende Schulen kennen und in denen die Eltern den Schultyp für ihre Kinder festlegen. In Zeiten eines neuen Bildungsfatalismus ist eben auch eine bindende Schulempfehlung nicht mehr als höhere Instanz vermittelbar. Bei diesen Elternwanderungen zeigte sich ein Phänomen: Obwohl aus Vorgesprächen klargeworden war, dass viele Eltern alles andere als eine Gymnasialanmeldung als Fehlstart ins Berufsleben ihres Kindes betrachten würden, nahmen fast alle Erziehungsberechtigten einer vierten Klasse geschlossen am Tag der offenen Tür einer „Realschule plus“ teil (so heißt in Rheinland-Pfalz die Zusammenlegung von früherer Haupt- und Realschule). Der Tag der offenen Tür war dabei, um es auf einen bösartigen Punkt zu bringen, für viele wohl eine Sightseeing-Tour an den Krater eines Abgrunds, von dem man sich nach einem Blick in die Tiefe bestätigt und schaudernd abwendet.

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