http://www.faz.net/-gsf-85z7a

Zur Lage der Bildung : Die Schule probt den digitalen Hochsprung

Erhellender Einsatz von Tablets im Sportunterricht: Am Neuen Gymnasium in Rüsselsheim filmen sich Schüler beim Hochsprung und analysieren ihre Versuche in Zeitlupe. Bild: Helmut Fricke

Kreidestaub gegen Computerwahn: In der Debatte um digitale Bildung arbeiten sich beide Seiten an Karikaturen ihrer Gegenspieler ab. Und im Hintergrund lauert das große Geschäft.

          Sarah Marturano ist begeistert: Endlich hat die Mutter aus Minnesota eine Website gefunden, die ihre eigenen Ansprüche mit den Bedürfnissen ihrer vier Kinder perfekt verbindet. „Kids N Bids“ mache ihre Kinder spielerisch mit dem Computer vertraut, lasse sie etwas Sinnvolles lernen und erlöse sie noch dazu aus der Verlegenheit, die Eltern um neues Spielzeug bitten zu müssen, schwärmt die Bloggerin auf der Seite musthavemom.com. Für andere Eltern ist das ein perfektes Beispiel der schrecklichsten Ausprägung von E-Learning.

          Das Schlagwort spukt gegenwärtig durch die Diskussionen um zeitgemäße Frühförderung und digitale Bildung. Für richtige Antworten in mehr als hundert Spielen, die bei „Kids N Bids“ etwas großspurig den Wissensbereichen Sprachen und Künste, Natur- und Sozialwissenschaften sowie Mathematik zugeordnet sind, werden die Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren mit „Goodles“ belohnt, virtuellen Münzen, mit denen sie anschließend bei Spielzeugauktionen auf der Website mitbieten können. Eine Schar vergnügter Bauernhoftiere führt durch die Spiele, ein Ferkel heißt Gates, der monatliche Zugang kostet elf Dollar pro Kind, und für später im Jahr hat der Anbieter aus Missouri eine Version für den Schulunterricht angekündigt.

          Entwicklungspsychologische Grundlagengefechte

          Die Alarmglocken schrillen. Sie schrillen auf allen Seiten bei der Debatte um die digitale Bildung, die eigentlich differenzierter eine Debatte über digitale Medien als Mittel und Gegenstand der Bildung genannt werden müsste. Aber was ist in dieser Debatte schon differenziert? Wie auch immer über die vermeintlichen Königs- und die Holzwege der Bildung gestritten wird: Nirgends ergeben Sorgen, Klagen und Visionen ein explosiveres Durcheinander als in der Diskussion um den Einzug der Digitalisierung in den Unterricht.

          Hier trifft die allgemeine Angst der Eltern, selbst bei all den Auswüchsen des Internets den Anschluss zu verlieren, auf die zunehmende Bildungspanik. Auf der einen Seite steht die Befürchtung, die Schule könne in ihrer Schwerfälligkeit verpassen, die Kinder ausgerechnet auf diesen Aspekt des Lebens vorzubereiten. Sie trifft auf eine Industrie, die voller guter Ideen, mit großer Begeisterung und nicht minder ausgeprägtem Geschäftssinn bereitsteht, einen allein in Deutschland einige Milliarden schweren Bereich mit der nötigen Hard- und Software zu beliefern. Hier liefern sich Experten pädagogische und entwicklungspsychologische Grundlagengefechte darüber, welchen Nutzen Kinder welchen Alters aus dem Spielen und dem Lernen mit elektronischem Gerät ziehen - oder welchen Schaden sie davontragen.

          Armer Arbeitsspeicher

          Auch auf Seiten derer, die sich mehr Elektronik im Unterricht wünschen, weiß man Schreckgespenster zu zeichnen: Der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos hat im November seine Eindrücke einer internationalen Vergleichsstudie computer- und informationsbezogener Kompetenzen von zwölf und dreizehn Jahre alten Kindern so zusammengefasst: „Hierzulande lernen Schüler den Umgang mit Computern trotz Schule.“ Die Schulforscherin Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn, mit Bos zusammen Leiterin der nationalen Erhebung besagter ICILS-Studie, stellte im Gespräch mit dieser Zeitung fest, „dass wir in Deutschland gerade ein Drittel der Schüler auf dem Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft vollkommen verlieren und dass wir uns den Luxus erlauben, das Potential einer ganzen Schülergeneration zu vergeuden“. Diejenigen Lehrer, die gern neue Technologien nutzen wollten, fänden im Moment nicht die geeigneten Rahmenbedingungen vor, die modernes Lehren und Lernen überhaupt ermöglichten. Und annähernd dreißig Prozent der in Deutschland befragten Lehrer fänden der Studie zufolge gar, ihre Schüler würden durch den Einsatz digitaler Medien vom Lernen abgelenkt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Maybrit Illner : Rette sich, wer kann!

          Die Groko-Debatte bei Maybrit Illner offenbart eine dramatische Lage: Die SPD-Führung wirkt kopflos. Den Jusos sind die Folgen ihres Neins egal. Ratschläge der Union tragen nicht dazu bei, die Lage zu stabilisieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.