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Bildung So ruiniert man eine Universität

30.06.2005 ·  Verwalteter Geist: Wer an den Universitäten versucht, Unsinn in Sinn zu verwandeln, bekommt die Macht der Ignoranz zu spüren. Ein Bericht über die Planung und anschließende Verhinderung eines Studienganges.

Von Jörg Baberowski
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Politiker sprechen von Eliteuniversitäten, von Exzellenzclustern und Innovationszentren, und sie wollen, daß Professoren Bachelor- und Masterstudiengänge ausarbeiten. Was kommt dabei heraus?

Der moderne Professor erfüllt Auflagen der Wissenschaftsverwaltung, er gründet fiktive Zentren, die niemanden interessieren, er erarbeitet Studienverlaufspläne und berät mit seinen Kollegen über die Streichung von Stellen. Dann gibt es noch den geschäftstüchtigen, pensionierten Professor. Er gründet eine Kommission zur Evaluation von Studiengängen. Denn alles, was Professoren sich im Auftrag der Staatsverwaltung ausdenken müssen, wird am Ende von einer Kommission bewertet. Sie entsendet Professoren, die dann beurteilen sollen, wie andere Professoren die Auflagen der Wissenschaftsverwaltung erfüllen. Sie erklären einem, was man schon wußte. Und für diese Expertisen muß die Universität Geld bezahlen, das sie besser für andere Zwecke verwendet hätte.

Die Macht der Ignoranz

Aber das ist noch nicht alles, was Professoren an deutschen Universitäten zugemutet wird. Universitäten haben Leitungs- und Verwaltungsbehörden. Sie schaffen sich Aufgaben, die sie unentbehrlich erscheinen lassen. Wer die Beschäftigungstherapien, die sich die Staatsverwaltung für die Professoren ausgedacht hat, dazu nutzt, Unsinn in Sinn zu verwandeln, bekommt die Macht der Ignoranz zu spüren. In Berlin ist sie, wie könnte es anders sein, größer als anderswo. Hier rufen die Verwalter den Lehrenden und Forschenden in Erinnerung, daß nicht sie es sind, die darüber entscheiden, wie gelehrt und geforscht wird.

Als ich im Oktober 2002 als Professor für Geschichte Osteuropas an die Humboldt-Universität berufen wurde, luden mich meine Fachkollegen von der Freien Universität dazu ein, mit ihnen an der Konstruktion eines gemeinsamen Studiengangs zu arbeiten. „Kultur und Geschichte Osteuropas“, so sollte er heißen, und er sollte in sechs Semestern zum Bachelor-Examen führen. Daß es im vereinten Europa keine Vielfalt geben darf, daß also alles aus dem Universitätsleben verschwinden müsse, was den Homogenisierungsphantasien der Eurokraten widerspricht, also auch der deutsche Magisterabschluß, damit hatte sich schon jeder abgefunden. Dann eben das Unvermeidliche akzeptieren und einen Studiengang einführen, der eine Antwort auf die Bedürfnisse von Studenten und die Strukturprobleme der Berliner Universitäten sein könnte, so dachten wir.

Wo, wenn nicht in Berlin?

Denn nirgendwo in Deutschland außer in Berlin können Studenten eine Erfahrung mit der Geschichte und Kultur aller Regionen Osteuropas machen. Sowohl an der Humboldt-Universität als auch an der Freien Universität werden Historiker ausgebildet, die sich mit der Geschichte Osteuropas befassen. Bisher erhielten Absolventen den akademischen Grad eines Magisters. Studenten beider Universitäten nutzen die Möglichkeiten, die sich ihnen in Berlin bieten, und seit es an der Freien Universität keine Professur für die Geschichte Rußlands mehr gibt, nehmen Studenten, die sich für dieses Land interessieren, auch die Lehr- und Prüfungsangebote an der Humboldt-Universität in Anspruch.

So entstand die Idee zu einem interuniversitären Studiengang, der aus den begrenzten Kapazitäten an beiden Universitäten die einzig richtige Konsequenz zog, nämlich zusammenzuführen, was ohnehin zusammengehört. Ich traf mich mit meinen Kollegen von der Freien Universität, um mit ihnen zu besprechen, wie weiter verfahren werden müsse. Wir erhielten grünes Licht von unseren Fachbereichen und Fakultäten, wir ließen uns von den Juristen und Fachleuten in den Verwaltungen beider Universitäten beraten und im Laufe eines Jahres hatten wir eine Studien- und eine Prüfungsordnung ausgearbeitet, die nichts mehr zu wünschen übrig ließ. So jedenfalls sahen es anfangs auch die Verwaltungsfachleute, die uns bei der Ausarbeitung der Ordnungen beraten hatten.

Studienordnungen verworfen

Dann aber geschah, womit man hätte rechnen müssen. Im Sommer 2004 wurden die Studienordnungen von den akademischen Gremien der Humboldt-Universität verworfen, mit dem Hinweis, die Sprachausbildung der zukünftigen Studenten sei nicht gewährleistet. Das Institut für Slawistik an der Humboldt-Universität sei nicht bereit, seine Polnisch-Kurse für Studenten anderer Fächer zu öffnen, die Sprachausbildung im Tschechischen und Bulgarischen sei den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen. Keine „Geschichte und Kultur“ ohne Sprache.

Aber ich hatte angenommen, daß Studenten sich in Sprachkurse einschreiben dürfen, wenn sie die Sprache eines Landes lernen wollen, dessen Geschichte sie studieren. Ganz falsch: Die Professoren der Geschichte müssen die Professoren der Slawistik um Erlaubnis bitten, damit sie ihnen Studenten für den Spracherwerb schicken können. Und die Slawisten müssen die Historiker darum bitten, daß sie Philologen in historischer Landeskunde unterweisen.

Die Botschaften sollten bezahlen

So war es auch hier: Ich versprach dem Kollegen aus der Slawistik, daß er seine Studenten zu mir und ich meine zu ihm schicken dürfe. Das haben wir dann schriftlich vereinbart und den Universitätsgremien zur abermaligen Überprüfung zugeleitet. Inzwischen hatten die Slawisten auch eine Antwort auf die Frage gefunden, wie der Unterricht im Tschechischen und Bulgarischen zu finanzieren sei. Sie überredeten die Botschaften Tschechiens und Bulgariens, die Sprachausbildung zu bezahlen. Weder in der Politik noch in der Universitätsleitung hat sich jemand dafür geschämt.

Noch bevor die Ordnungen dem Akademischen Senat erneut vorgelegt wurden, erhielt ich ein Schreiben aus der Studienabteilung der Humboldt-Universität. Es sei sinnlos, das Vorhaben weiter zu verfolgen, weil vier Professoren mit sechs Mitarbeitern nicht in der Lage seien, 30 Studenten im Jahr zu unterrichten und auszubilden. Aus diesen Gründen werde die Studienordnung dem Akademischen Senat nicht wieder zur Beschlußfassung vorgelegt. Meinen Vorlesungen hören gewöhnlich mehr als 100 Studenten zu, und jetzt wollte mir die Verwaltung mitteilen, die Anwesenheit von 30 Studenten, von denen ich allenfalls zehn zu Gesicht bekommen hätte, seien schädlich für meine Gesundheit? Ich wollte es nicht glauben.

Ich bekam keine Antwort

Also schrieb ich der zuständigen Sachbearbeiterin einen Brief: ich hoffe sehr für sie, daß ihr Schreiben ein Versehen sei, anderenfalls müsse ich mich bei der Universitätsleitung über die Obstruktion der Verwaltung beschweren. Ich bekam keine Antwort. Aber ich erfuhr alsbald, daß die Anmaßungen der Verwaltung kein Versehen gewesen waren. Von der Lehr- und Studienkommission des Akademischen Senats mußte ich mich darüber belehren lassen, daß die Ausbildung von Studenten in einem Studiengang „Geschichte und Kultur Osteuropas“ zu „eng“ sei. Weit ist die deutsche Geschichte, die Geschichte Osteuropas ist eng. Bis zu diesem Tag hatte ich die Existenzberechtigung meines Faches immer im Verweis auf Methoden und Erkenntnisse nachgewiesen. Jetzt erfuhr ich, daß die Geographie darüber entscheidet, welche Bedeutung einer Sache zukommt.

Aber es kam noch schlimmer: Die Verwaltung stellte ihre Arbeit in dieser Angelegenheit ein, vier Wochen später erhielt ich die Mitteilung, die Fristen zur Wiedervorlage der Ordnungen vor dem Akademischen Senat seien verstrichen. Es sei deshalb ausgeschlossen, mit der Eröffnung des Studienganges im Wintersemester 2005/06 zu beginnen.

Neue Chance zur Streichung von Stellen

Jetzt bat ich die Universitätsleitung um Hilfe. Der Vizepräsident für Lehre und Studium hatte zwar Bedenken gegen interuniversitäre Kooperationen, denn wo Professoren der Humboldt- und der Freien Universität miteinander arbeiteten, da wittere die Berliner Politik sofort eine neue Möglichkeit zur Streichung von Stellen. Am Ende aber gab es eine Zusage, daß der Studiengang zum Wintersemester 2005/06 an der Humboldt-Universität eingerichtet werden könne.

Die Freude darüber war aber nur von kurzer Dauer, denn jetzt setzte die Freie Universität ihre Destruktionsinstrumente ein. Man hätte ahnen können, worauf es hinauslief, als der Ordinarius für Slawistik am Osteuropa-Institut der Freien Universität verkündete, er werde jeden Studiengang verhindern, der den Begriff „Kultur“ im Titel führe. Für Kultur sei er allein zuständig, wir, die Historiker, müßten die Geschichte ohne Kultur verwalten. Es mußten Versprechen abgegeben werden: Es werde keinen Studiengang geben, in der auch die Kultur zum Thema werden könne, und am Ende mußte der Begriff „Kultur“ überhaupt aus dem Text verschwinden.

Kooperation nicht erwünscht

Kaum war der Kollege beschwichtigt und seine professorale Würde wieder hergestellt, erklärte nun der Vizepräsident für Lehre an der Freien Universität, daß er eine Kooperation zwischen beiden Hochschulen nicht wünsche. Jetzt hieß es, daß die Freie Universität Studenten in Zukunft nur noch in Masterstudiengängen ausbilden wolle. Woher das Grundwissen kommen soll, das man braucht, um einen solchen Aufbaustudiengang zu absolvieren, darauf gab es keine Antwort.

Statt dessen erhielt der Fachbereich Geschichtswissenschaften an der Freien Universität den Befehl, unverzüglich einen Beschluß herbeizuführen, der es den Osteuropa-Historikern untersagt, die Idee eines interuniversitären Studiengangs weiter zu verfolgen. So ist es dann auch geschehen. Die Mitglieder des Fachbereichs gehorchten und beugten sich dem Befehl ihrer Universitätsleitung. Ich habe gegenüber dem zuständigen Vizepräsidenten mein Befremden und meine Enttäuschung schriftlich zum Ausdruck gebracht. Ich erhielt auch eine Antwort. In ihr hieß es, ich solle in Zukunft jede Einmischung in die Strukturplanung der Freien Universität unterlassen.

Ich mische mich jetzt nicht mehr ein, schon gar nicht in Strukturplanungen, denen erwachsene Menschen überhaupt aus dem Weg gehen sollten. Statt dessen habe ich mich wieder den Fragen zugewandt, deretwegen ich einst Historiker geworden bin. Ansonsten gilt: Professoren können, wenn sie genug haben und sich ihnen eine Gelegenheit bietet, Stadt und Universität verlassen und dort hingehen, wo man sie in Ruhe forschen und lehren läßt. Studenten können es immer. In Bayern besteht seit einem Jahr ein Elitestudiengang für die Geschichte Osteuropas, an dem zwei Universitäten beteiligt sind.

Quelle: F.A.Z., 01.07.2005, Nr. 150 / Seite 42
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