27.01.2006 · Mut zum Abriß der Reformfassade: Drittmittel, Bachelor, Interdisziplinarität - das wichtigste Gutachten zur Lage der deutschen Geisteswissenschaften empfiehlt Abstand zu solchen Modewörtern der Hochschulpolitik.
Von Jürgen KaubeDer Wissenschaftsrat ist die wichtigste Instanz für forschungspolitische Empfehlungen in Deutschland. Soeben hat er seine Einschätzung zur Lage der deutschen Geisteswissenschaften abgegeben.
Oft sind solche Gutachten Dokumente jener Unentschiedenheit, auf die sich gegensätzliche Interessengruppen nach langen Diskussionen einigen können. Die Empfehlungen zur überflüssigen „Nationalen Wissenschaftsakademie“ waren so ein Beispiel. Oft behandelt der Wissenschaftsrat auch naturgemäß Fragen, die außerhalb des Fachpublikums niemanden umtreiben.
Nüchternheit und Distanz
Jetzt aber liegt der Öffentlichkeit ein Schriftsatz vor, der an Nüchternheit und Distanz gegenüber Illusionen wie Sprechblasen der Wissenschaftspolitik seinesgleichen sucht. Und er betrifft nicht irgendwelche Spezialitäten, auch wenn er zu den sogenannten „Geisteswissenschaftlichen Zentren“ Stellung nimmt und etwa von der Fortführung des „Forschungszentrums Europäische Aufklärung“ in Potsdam abrät. Der vorliegende Text betrifft vielmehr die Chancen dafür, eine der größten intellektuellen Traditionen dieses Landes, eben die geisteswissenschaftliche, nicht durch hochschul- und forschungspolitische Dummheiten zu verspielen.
Das Gutachten setzt mit dem Befund ein, „daß hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität und Leistungsfähigkeit von einer ,Krise' der Geisteswissenschaften in Deutschland nicht gesprochen werden kann“. Das zielt auf die weitverbreiteten Larmoyanz in den betreffenden Fächern. Eine Larmoyanz, die oft aufkommt, wenn - wie gerade im Exzellenzwettbewerb, aber auch bei den Leibniz-Preisen oder bei der Bewilligung von Sonderforschungsbereichen - die Ingenieure und Naturwissenschaftler den Löwenanteil einheimsen. Der Rat findet das Gefühl, hier gehe es ungerecht zu, deplaziert. Die geisteswissenschaftliche Forschung hänge nicht vorrangig an Drittmitteln, aber man solle sie dann auch nicht zunehmend zwingen, auf Drittmitteljagd zu gehen. Zeit, nicht Geld, wird als wichtigster Knappheitsfaktor unterstrichen.
Teils selbst-, teils fremdverschuldet
Das gesamte Gutachten durchzieht in diesem Sinne die Mahnung an beide Seiten, die Geisteswissenschaftler wie ihre Mittelgeber, endlich damit aufzuhören, nach Kriterien zu handeln und Zwecken zu folgen, die nur für Natur- und Technikwissenschaften sinnvoll sind. So gehörten Geisteswissenschaften primär an die Universität, eine Ausweitung der außeruniversitären Forschung wird ausdrücklich nicht empfohlen. Das bedeute aber im Umkehrschluß, daß in den Universitäten die Voraussetzungen für gute Geisteswissenschaften zu schaffen seien. Bemerkenswert an jener Formulierung über die inexistente Krise ist darum das Wort „hinsichtlich“. Denn der Wissenschaftsrat läßt keinen Zweifel, daß es in anderen Hinsichten als denen ihrer wissenschaftlicher Qualität durchaus Anzeichen für eine Krise der Geisteswissenschaften gibt: eine institutionelle nämlich, die teils selbst-, teils fremdverschuldet ist.
Immer mehr Studierende wurden den Geisteswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten zugemutet: Ein Zehntel des gesamten Wissenschaftspersonals (darunter etwa 5500 Professoren) unterrichtet ein Viertel der Studenten (etwa 350.000) und verfügt dafür nur über ein Zehntel der Hochschulausgaben. In den Kulturwissenschaften betreut ein Lehrstuhlinhaber inzwischen im Durchschnitt mehr als neunzig Studierende, was heißt: er betreut sie kaum.
45 Prozent Studienabbrecher
Eine weitere Eigenheit ist, daß zwar ein Viertel aller Studenten Geisteswissenschaften studiert, aber deutlich weniger dieses Studium auch abschließen. 45 Prozent brechen das Studium ab, der Durchschnitt aller Fächer liegt bei 26 Prozent. Umgekehrt verzeichnen die Geisteswissenschaften einen enormen Zuwachs an Promotionen, vor allem aber Habilitationen, die hier doppelt so schnell wachsen wie in anderen Disziplinen, obwohl es weder Lehrstühle noch einen außeruniversitären Arbeitsmarkt für die Betroffenen gibt: ein Fall von unverantwortlichem Verelendungswachstum. Der Rat fordert energisch, daß endlich dauerhafte Stellen unterhalb der Professur geschaffen werden müssen, wofür angelsächsische Vorbilder ja zur Verfügung stehen. Der Hinweis des Gutachtens, die Arbeitslosigkeit sei bei Geisteswissenschaftlern doppelt so hoch wie im akademischen Durchschnitt, ist für jene Politiker, die ihre Traumquoten der Studierbeteiligung am liebsten dadurch erreichen, daß sie billige Studiengänge wie Germanistik, Geschichte oder Medienwissenschaft überlaufen lassen.
Studiengänge, die einst für fünf Prozent eines Jahrganges konzipiert worden sind, werden heute von mehr als einem Drittel besucht. Nur ein sehr kleiner Teil der Studierenden strebt noch eine wissenschaftliche Laufbahn an. Darauf und auf die lange Studiendauer hat die Politik mit der Einführung von Bachelor und Master reagiert. Zügiger, endlicher und berufsorientierter, wurde versprochen, soll in diesen Formen studiert werden können. Dazu findet der Wissenschaftsrat bemerkenswerteWorte. Die Einführung der neuen Abschlüsse sei „mit großen Chancen, aber auch mit Herausforderungen verbunden“ und mit „Schwierigkeiten“. So formuliert sehr diplomatisch, wer einen Riesenunfug beobachtet, aber das Gespräch mit den Verursachern nicht abreißen lassen will.
Frühe Spezialisierung vermeiden
Denn das sind die Befunde: Die kürzeren Bachelorstudien zwingen oft zur Einschränkung des Stoffes, dabei bedeute Berufsbefähigung für Geisteswissenschaftler zumeist, vielfältige Fähigkeiten zu haben. Der Rat empfiehlt, frühe Spezialisierung zu vermeiden. Auch sei unklar, wann es zu Auslandsaufenthalten, die für Philologen und Kulturwissenschaftler zentral sind, im Bachelormodell kommen soll. Zuweilen sei sogar der Hochschulwechsel innerhalb Deutschlands erschwert worden. Die Einführung der gestuften Studiengänge könne, konträr zu den Zielen, zu einer sinkenden Mobilität führen. Geraten wird, Auslandssemester nicht auf die Regelstudienzeit anzurechnen. Außerdem bleibe offen, wann es eigentlich in philologischen oder regionalwissenschaftlichen Fächern zum Spracherwerb kommen soll. Der Rat bittet die Kultusminister, für das Erlernen notwendiger Fremdsprachen ein, zwei Zusatzsemester zu gewähren.
Das neue System führe überdies zum Anwachsen der Lehr- und Prüfungspflichten, ohne daß es dafür schon das Personal gebe. Und dann kommt noch ein Satz mit unsichtbaren Ausrufezeichen: „Die neue Studienstruktur darf nicht zur Diskriminierung von Spitzenbegabten und besonders leistungswilligen Studierenden führen.“ Mit anderen Worten empfiehlt der Wissenschaftsrat nichts weniger, als von den bisherigen Grundüberzeugungen der Studienreform abzugehen, daß Beschleunigung, Teilstudien, Abkehr von Standards, Erhöhung der Studierzahlen und Modularisierung der Lehre zu irgendeinem sinnvollem Ergebnis berufsqualifizierender oder wissenschaftlicher Art führen können.
Verlust an „Kernkompetenzen“
Doch nicht nur die Illusionen der Lehre, auch die der Forschung hat sich der Rat vorgenommen. Er beobachtet einen Verlust an „Kernkompetenzen“ vor allem in den Philologien - durch eine ständig vorangetriebene Spezialisierung. Der Nachwuchs wird früh mit einer Vielfalt an Ansätzen und Konzepten der Fächer bekannt gemacht - man darf an die berühmten „Paradigmen“ und die „turns“, vom kulturellen über den ikonischen bis zum performativen, denken - , wodurch die Erarbeitung disziplinär verankerten Könnens in den Hintergrund rückt. Die Phrase, es mangele an Interdisziplinarität, bekräftigt der Rat darum nicht.
Das Gutachten deutet an, daß Interdisziplinarität oft nur eine oberflächliche Kontaktaufnahme unter einer großzügig gewählten Überschrift ist und gemeinsame Probleme, die nach Lösungen rufen, durch gemeinsame Themen, zu denen alle etwas sagen könenn, ersetze. Deshalb wird die Stärkung des innerdisziplinären Austauschs darüber empfohlen, was im Fach der Stand der Forschung sei. So gebe es oft keine zentralen Zeitschriften. Die etablierten Wissenschaftler publizierten immer weniger in den Fachorganen; diese sind weitgehend Foren für den Nachwuchs zur Veröffentlichung seiner Bewerbunsgsschreiben. So mangele es an einer aktiven Pflege der Standards.
Im Ausland zu Recht bewundert
Müßte man all diese und auch die weiteren Empfehlungen des Wissenschaftsrats - etwa zur Lage der „kleinen“ Fächer oder zur Nachwuchsförderung - zusammenfassen, so könnte man von einer Hinwendung zum empirisch Vorbildlichen sprechen. Schon der Satz, von einer wissenschaftlichen Krise könne nicht gesprochen werden, enthält ja das Bewußtsein, Leistungen vorweisen zu können. Fächer wie die deutsche Kunstgeschichte, die Orientwissenschaften, die Rechtshistorie oder die Altertumskunde werden im Ausland zu Recht bewundert.
Man lernt andernorts Deutsch, kommt hierher, um an ihren Forschungen teilhaben zu können. Die entscheidende Frage ist insofern eigentlich nicht kompliziert: Auf welchen Voraussetzungen beruhen diese Leistungen, und wie erhält man solche Vorausetzungen unter den Umständen des universitären Größenwachstums? Jetzt liegt erstmals seit Jahrzehnten der wissenschaftspolitische Umriß einer Antwort hierauf vor.
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Reinhard Kösters (57490)
- 05.02.2006, 07:40 Uhr