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Veröffentlicht: 10.11.2013, 18:07 Uhr

Big Data Warum man das Silicon Valley hassen darf

Die Kritik am Silicon Valley muss politisch sein: Wie die Internetkonzerne den Diskurs steuern und uns Enteignung und Manipulation als den Fortschritt verkaufen.

von Evgeny Morozov
© Google Earth Die Welt ist, was Google ist: So sieht Google Earth aufs Silicon Valley

Wenn Ronald Reagan der erste Teflon-Präsident war, dann ist Silicon Valley die erste Teflon-Industrie. Man kann sie mit noch so viel Schmutz bewerfen, nichts bleibt haften. Während „Big Pharma“, „Big Food“ und „Big Oil“ abwertende Ausdrücke sind, mit denen man die in diesen Branchen herrschende Gier beschreibt, gilt das für „Big Data“ nicht. Dieser unschuldige Ausdruck wird nie zur Kennzeichnung der gemeinsamen Ziele von Technologieunternehmen verwendet. Welcher gemeinsamen Ziele? Haben diese Leute denn nicht nur das eine Ziel, die Welt zu verbessern, Programmzeile für Programmzeile?

(English Version: Why We Are Allowed to Hate Silicon Valley)

Etwas Merkwürdiges geht hier vor. Uns ist klar, dass die Interessen von Unternehmen der Pharma-, Lebensmittel- und Ölindustrie selbstverständlich von unseren Interessen abweichen; aber Silicon Valley begegnen wir nur selten mit dem nötigen Misstrauen. Stattdessen behandeln wir Daten weiterhin so, als wären sie ein besonderes, geradezu magisches Gut, das sich ganz allein gegen jeden bösen Geist verteidigen könnte, der es auszubeuten droht.

Ein winziger Krater auf der rhetorischen Teflonschicht

Dieses Jahr zeigte sich ein winziger Kratzer auf der rhetorischen Teflonschicht von Silicon Valley. Die Snowden-Affäre hatte ihren Anteil daran, aber auch andere Ereignisse trugen dazu bei. Die Welt scheint endlich erkannt zu haben, dass der Ausdruck „Störung“ – das Lieblingswort der digitalen Eliten – ein ziemlich hässliches, schmerzhaftes Phänomen beschreibt. So klagen inzwischen Hochschullehrer über die „Störung“, die von den MOOCs (Massive Open Online Courses) ausgeht; Bewohner von San Francisco beklagen die „Störung“ der Mietpreise in einer Stadt, die sich plötzlich mit einer Invasion von Millionären konfrontiert sieht.

26628693 © Google Earth Vergrößern Blick auf die Stanford University mit Google Earth

Und dann sind da noch die verrückten, jämmerlichen Ideen, die direkt aus dem Silicon Valley kommen. Der jüngste, von einem technischen Direktor kürzlich auf einer Konferenz unterbreitete Vorschlag besagt, Silicon Valley solle sich von seinem Land trennen und „eine auf freiwilligem Beitritt beruhende, technologisch gelenkte, letztlich außerhalb der Vereinigten Staaten stehende Gesellschaft aufbauen“. Teilen wir seinen Schmerz: Ein Land, das ein Kongress-Hearing benötigt, um eine Website zu reparieren, ist eine Schande für Silicon Valley.

Jeder Jubel wäre verfrüht

Die Unzufriedenheit ist ermutigend. Sie könnte sogar dabei helfen, einige der um Silicon Valley gesponnenen Mythen zu begraben. Wäre es nicht schön, wenn wir eines Tages bei dem Satz, mit dem Google seine „Mission“ beschreibt, nämlich „alle Informationen der Welt zu organisieren und sie weltweit zugänglich und nutzbar zu machen“, endlich zwischen den Zeilen lesen und dessen wahre Bedeutung erkennen könnten, nämlich: „alle Informationen der Welt in Geld zu verwandeln und sie weltweit unzugänglich und profitabel zu machen“?

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