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Bibliotheksprogramm Kapituliert Frankreich vor Google?

20.08.2009 ·  Die Pläne der französischen Nationalbibliothek, sich dem Bibliotheksprogramm des Suchmaschinen-Giganten Google anzuschließen, schlagen in Frankreich hohe Wellen. Kriegsvokabular wird bemüht, aber der Abwehrkampf gilt schon als verloren.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Die Pariser Bibliothèque Nationale de France (BNF) flirtet mit Google - und Frankreichs neuer Kulturminister, nach dessen Onkel François Mitterand das Haus benannt ist, schaut sprachlos zu. Die Ministerin für Digitale Ökonomie will die Sache im Kabinett besprechen - nach den Ferien. Der Schriftsteller und Kolumnist Pierre Assouline ist entsetzt - „nach dem Widerstand die Kollaboration.“ Das Vokabular des Weltkriegs wird bemüht - tatsächlich scheint Paris vor Google zu kapitulieren. Jetzt gilt: das Projekt Europeana, als Internet-Platform europäischer Bibliotheken, Archive und Museen erst 2008 gestartet, muss gerettet werden.

Es geht um Geld, Geist, Zeit und Macht. Den Widerstand gegen die Digitalisierung der Bibliotheken dieser Welt durch Google und den Kampf gegen die Raubkopierer im Internet führt Frankreich auch im Namen des transatlantischen Kulturkriegs. Als Résistance gegen die Coca-Kolonialisierung der Köpfe. Als Verteidigung der Autorenrechte, als deren Heimat und Anwalt sich Frankreich nicht zu Unrecht fühlt. Denn sein Kampf, den man als ideologische Abwehrschlacht von ewiggestrigen Hinterwäldern belächelte, ist auch ein Engagement für die kulturelle Vielfalt. Der Antiamerikanismus war ganz gewiss ein Motor dieser Bestrebungen - zum Beispiel innerhalb der Unesco. Doch längst geht es nicht nur um den kulturellen Einfluss von Hollywood und die Hegemonie der Filmindustrie, gegen die der tapfere Asterix nicht ganz erfolglos mit einem ausgeklügelten Förderungssystem, Quoten und guten Filmen ankämpft.

Die Bibliotheken fühlen sich im Stich gelassen

Inzwischen geht es um das Monopol über die Bücher und um den Zugang und die Vermittlung von Wissen. Im Namen ihres kulturpolitischen Engagements hatten sich die französischen Bibliotheken, Verleger und Kulturpolitiker gegen die Digitalisierung durch die amerikanische Suchmaschine gewehrt. Doch jetzt knicken sie ein. Aus Geldmangel und weil sie sich von den nationalen und europäischen Kulturpolitikern im Stich gelassen fühlen. Ohne großes Echo in den Medien hatte sich bereits die Bibliothek von Lyon ausgerechnet mit dem Segen des sozialistischen Bürgermeisters zum Deal mit Google bereit erklärt. Es war offensichtlich ein Probegalopp mit dem Einverständnis BNF. Ohne deren Zustimmung hätte es Lyon nicht gewagt, in die Anti-Google-Front eine Bresche zu schlagen.

Mit fatalen Folgen: Nun verhandelt auch die BNF mit den Amerikanern. Noch sei nichts unterschrieben, beschwichtigen die BNF-Verantwortlichen. Aber sie rechnen vor: Das Scannen der Bücher allein aus der Zeit der Dritten Republik koste achtzig Millionen Euro. Dem französischen Projekt Gallica stehen aber jährlich nur fünf Millionen zur Verfügung. Die Rechnung - in Jahren und Millionen - ist schnell gemacht. Google verfügt über schier grenzenlose Mittel. Dagegen sind auch jene der Europeana schlicht lächerlich. Immerhin kann man bei Europeana, deren Start ein Fiasko war (Die Online-Bibliothek Europeana erinnert an das alte, verlorene Traum-Europa), inzwischen vier Millionen Dokumente einsehen. Das heißt: der Vorsprung von Google ist aufholbar - wenn jetzt nicht alle nach dem Vorbild der BNF zu Google überlaufen.

In Deutschland hatte die Bayerische Staatsbibliothek (Die Bayerische Staatsbibliothek „googelt“ ihre Bücher), in der Schweiz die Universität Lausanne die Rolle des Vorreiters als Partner von Google übernommen. Sie wurden des Verrats bezichtigt. Wenn die BNF einsteigt, sind fortan dreißig der größten Bibliotheken der Welt im Boot mit Google. Zehn Millionen Bände sind bereits in das Bibliotheksprogramm aufgenommen worden - und gegenwärtig umsonst zugänglich. Das muss nicht immer so bleiben. Google ist auch eine Geldmaschine.

Hat Frankreich den Kulturkrieg verloren?

Just in dem Moment, in dem das Sommerloch am tiefsten ist, hat die Meldung von den Gesprächen zwischen Google und der BNF einen Schock ausgelöst. Angesichts des ideologischen und historischen Hintergrunds sprechen Beobachter von einer verloren Schlacht gegen den Feldzug Googles. Der „Kulturkrieg gegen die amerikanische Vorherrschaft“ sei verloren. Tatsächlich hat man Eindruck, dass nach einer Phase des lautstarken rhetorischen Widerstands jetzt die Kollaborationsbereitschaft um sich greift.

Den innenpolitisch als Überläufer und Wendehals von der Regierung hochgespielten Kulturminister Frédéric Mitterrand hat der Deal auf dem falschen Fuß erwischt. Er war offenbar nicht informiert. Bezüglich des Internetgesetzes Hadopi, das er als heißeste Kartoffel von der entlassenen, weil gescheiterten Vorgängerin übernehmen musste, hat er bislang eine gute Figur gemacht. Auf die Nachricht aus der von seinem Onkel gebauten Bibliothek hat er mit einem flammenden Bekenntnis zur Digitalisierung reagiert. Und auf die Einhaltung der Autorenrechte gepocht. Für die BNF sei „keine Entscheidung“ gefallen - und als Minister sei er sich bewusst, dass „viel Geld“ mobilisiert werden müsse.

Die Ministerin für die Digitale Ökonomie, Nathalie Kosciusko-Morizet, nahm ebenfalls Stellung: „Es herrscht eine gewisse Verwirrung bezüglich der Digitalisierung der Werke und der Verwertung des gescannten Bücher“, die weiß Gott nicht geklärt ist. Es sei richtig, mit Google zu diskutieren, meint auch sie: „Die ganze Netzökonomie wird neu gestaltet.“ Problematisch wäre es für die Ministerin, wenn „die französischen Akteure und Marktteilnehmer“ von dieser Verhandlung ausgeschlossen und fremdbestimmt würden.

Die Verleger sind uneins, aber kämpferisch

Google ist freilich keine NGO, der es um die idealistische Erhaltung und Verbreitung von bedrohten Kulturgütern ginge. Wenn Google zahlt, will Google dafür auch Rechte - Verwertungs- und Vermarktungsmöglichkeiten. Auch wenn man der Suchmaschine keine totalitären Absichten unterstellt, bleibt der Umstand, dass durch Googles gesammelte Datenmengen ein Wissensmonopol von Orwellschen Ausmaßen verwirklicht werden kann. Und für die Skrupellosigkeit von Google gibt es schon jetzt viele Beweise.

Die ungefragte Digitalisierung urheberrechtlich geschützter Werke - die Rede ist von mindestens einer Million Büchern - ist auch in Frankreich ein Delikt. Dagegen haben zuerst 2006 die französischen Verlage der Martinière-Gruppe, schließlich der Verlegerverband und die Autorengewerkschaft geklagt. Sie warten jetzt darauf, dass die amerikanische Justiz Anfang Oktober über das Google Book Settlement entscheidet. Sie sind sich in ihrem Vorgehen nicht sehr sicher und nicht einig - aber diverse Klagen gegen den Vergleich sind angelaufen.

Das sich abzeichnende Abkommen zwischen Google und der BNF wird auf Verlegerseite als Dolchstoß in den Rücken empfunden, als Verrat der Kulturpolitiker. Der frühere BNF-Direktor Jean-Noël Jeanneney gehört zu den heftigsten Kritikern der Google-Digitalisierung - und zu den treibenden Kräften von Europeana. Dass es letztlich um das Geld gehen würde, hatte Jenneney schon 2005 geschrieben. Aber auch, dass es „um das Bild der Welt gehe, das sich die kommenden Generationen machen werden“. Jeanneney befürchtete eine „haushohe amerikanische Dominanz“. In der Pariser Debatte ist seine kompetente Stimme verstummt: Jean-Noël Jeanneney wäre gerne Leiter der BNF geblieben. Doch nach Sarkozys Amtsantritt musste er seinen Hut nehmen.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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