19.05.2010 · Die Politik streitet über die Kosten des Schulsystems. Die Nerven der Eltern liegen blank: Sie pumpen immer mehr Geld in den Nachhilfeunterricht ihrer Kinder.
Von Christian GeyerSchon mal von „Tutor Watch“ gehört? Tutor Watch nennt sich selbst einen „Nachhilfe-TÜV“, eine Art Nachhilfe für Nachhilfelehrer. Tutor Watch zeigt besser als jede Bildungsdebatte, wie es um die Bildungspolitik steht. Denn in Bildungsfragen geht es inzwischen mehr um Nachhilfelehrer als um Lehrer. Letztere werden ja - wie in Hessen - auch durch pädagogisch unerfahrene Nothelfer von der Straße ersetzt, wenn am pädagogischen Personal gespart werden soll. Die Folge ist Tutor Watch. Eine Initiative, die mit einem Zertifikat, der „Tutor Watch Card“, lockt, deren Erwerb den Nachhilfelehrer berechtigt, sich „Geprüfter Nachhilfelehrer“ zu nennen.
Per E-Learning absolviert man einen halbstündigen Test im Multiple-Choice-Verfahren. „Je nach Auffassungsgabe und Vorbildung kann die Ausbildungsdauer variieren. Bei optimalen Voraussetzungen benötigen Sie ca. zwei Wochenenden“, heißt es auf der Website von Turbo Tutor Watch. Die ganze Farce kostet 79 Euro, aber „bitte beachten Sie“, so steht es im Kleingedruckten: „Wir können keine Garantie dafür übernehmen, dass der Inhaber die Prüfung auch wirklich persönlich absolviert hat.“ Wie viele Eltern, die ihre Sprösslinge mit Nachhilfe versorgen, mögen auf die Inhaber der Watch Card schon hereinfallen sein?
Opfer von Behandlungsfehlern im Bildungssystem
Das Geschäft mit der Nachhilfe boomt und bringt eigene Subkulturen wie Tutor Watch hervor. Während die Bundeskanzlerin und Roland Koch die große Bildungsdebatte von oben führen, hören Eltern nicht mehr hin. Sie führen auf eigene Rechnung die Bildungsdebatte von unten - und buchen Nachhilfe. Sie fühlen sich damit wie Patienten, die Opfer von Behandlungsfehlern wurden. Der medizinische Diskurs geht über sie hinweg, ihre schwache Stellung in der Auseinandersetzung mit Gerichten, Haftpflichtversicherungen und ärztlichem Standesdünkel hat sie die Hoffnung aufgeben lassen, Schadenersatz zu erhalten. Als mutmaßliche Opfer von Behandlungsfehlern im Bildungssystem setzen die Enttäuschten auf die Expertise der Tutor Watch Card und wollen mit Nachhilfe ergänzen, was am Leiden des Bildungssystems noch fehlt.
Der Nachhilfemarkt ist das am besten beschwiegene Forum der Schulpolitik. Immer mehr Eltern buchen die Nachhilfe prophylaktisch, wie eine kürzlich von der Bertelsmann-Stiftung erstellte Studie ergab. Das bedeutet, es geht bei der Inanspruchnahme von Nachhilfe nicht länger nur darum, von einer fünf herunterzukommen oder die gefährdete Versetzung zu schaffen. Es geht vielmehr immer öfter darum, noch besser zu werden, obwohl man schon gut ist. Anders gesagt: Mit der Investition in Nachhilfe tragen immer mehr Eltern, die es sich leisten können, vorsorglich ihren eigenen schwachen Nerven Rechnung (jährlich 1,5 Milliarden Euro beträgt dieses private Rettungspaket).
Das System der Nachhilfe verselbständigt sich
Wie an der Börse ist auch im Bildungssystem Psychologie keine weiche, sondern eine harte Währung. Wenn die Nerven der Eltern flattern, dann stürzen die Kurse der Bildungspolitik. Weil alle Grundschüler ins Gymnasium stürzen? So einfach kann es sich die Sparpolitik nicht machen. In Zeiten eines überstürzt ins Werk gesetzten „Turbo-Abiturs“ (G 8) wird man die Konjunktur der Nachhilfe kaum auf die Hysterie elterlicher Ehrgeizlinge beschränken können.
Warum wirkt auch die jüngste Bildungsdebatte Merkel contra Koch wie eine Gespensterdebatte? Weil sie die Nachhilfemärkte ignoriert, von denen sie getrieben wird. Vor aller Augen vollzieht sich eine bildungspolitische Revolution, ohne dass die Bildungspolitik sie zur Kenntnis nimmt. Zur Kenntnis zu nehmen wäre in der Tat eine Neuerung: Das System der Nachhilfe, sei es von Privatlehrern oder Instituten, ist im Begriff, sich als Schulsystem im Schulsystem zu verselbständigen. Als eine Art Schwarzmarkt der Bildung, der sich in Deutschland „zu einem etablierten privaten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt hat“, wie es in der Bertelsmann-Untersuchung heißt.
Wir sind die Nachhilfegesellschaft
Die Politik hat Jahrzehnte gebraucht, bevor sie die Gesellschaft als das bezeichnete, was sie ist: eine Einwanderungsgesellschaft. Wie lange will sie warten, um der Nachhilfegesellschaft ins Auge zu sehen? Als Rettungspaket könnte sie ein Beschäftigungsprogramm für pensionierte Lehrer auflegen, ihnen eine Watch Card in die Hand drücken und sie als Personal auf dem Nachhilfemarkt einsetzen. Alles besser, als uns Eltern - Augen zu und durch - mit weiteren Sparmaßnahmen den Scharlatanen von Tutor Watch auszuliefern.
Gesetz der Vermehrung
Immo Sennewald (immediator)
- 19.05.2010, 17:31 Uhr
Was heißt Nachhilfegesellschaft?
Erwin Steinhauer (hauer2)
- 19.05.2010, 18:07 Uhr
Nachhilfe lenkt davon ab, dass unsere Pädagogik alles andere als eine Hilfe ist.
Franz Josef Neffe (F.J.Neffe)
- 19.05.2010, 18:28 Uhr
Spezifikation!
Martin Buchwald (Denken)
- 19.05.2010, 18:35 Uhr
Manchmal sehr sehr sinnvoll, ein bischen Nachhilfe!
Jörg de Joop (Staffelberg)
- 19.05.2010, 18:43 Uhr