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Leben auf dem Wasser : Der Kanal ist voll

Annette Dittert an Bord ihres Hausboots „Emilia“ Bild: Micha Theiner

London wird unbezahlbar für seine Bewohner. Die Immobilienpreise steigen und steigen. Wohin also? Ein Ausweg führt aufs Wasser, ins Hausboot. So hat es die Fernsehjournalistin Annette Dittert gemacht.

          Wenigstens der Wahnsinn mit den Eisberghäusern scheint erst mal gestoppt zu sein in London. Iceberg Homes, so nennt man dort jene Häuser, die von ihren wohlhabenden Besitzern unterkellert werden, teils mehrere Geschosse tief, für Schwimmbad und Ankleidezimmer (eins für den Sommer, eins für den Winter), für Tennisplatz, Kino, Wellness, Weinkeller und Garage: oben das schönste London, unten eine Art Bösewicht-von-James-Bond-Welt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Unterkellerungen hatten zuletzt solche Ausmaße angenommen, dass sich Anwohner massiv beschwerten: Baulärm, Dreck, Vibrationen, Risse in den Wänden, absackende Fundamente. Als sich ein Manager von Goldman Sachs den Keller seines Hauses in Kensington ausbauen ließ, kam eine seiner Nachbarinnen eines Tages gar nicht mehr aus ihrer Wohnungstür heraus, so stark hatte die Wand sich verzogen. Die Behörden haben das also jetzt beschränkt, wenn auch bislang nur in Kensington und in Chelsea, dort, wo London besonders besonders besonders exklusiv und unbezahlbar teuer ist, wenn man kein Scheich oder russischer Oligarch oder Hedgefond-Manager ist: Bei denkmalgeschützten Häusern ist es grundsätzlich nicht mehr erlaubt, ansonsten meist nur noch eingeschossig.

          Aber wer will denn bloß in seinem Keller wohnen? Vor allem, wenn obendrüber schon so ein herrliches Haus steht?

          Nachbarn zu Land und zu Wasser

          „Sie vergessen, dass niemand in diesen Häusern wohnt“, antwortet Annette Dittert, und sie klingt fast etwas streng dabei, sie hatte das schon einmal gesagt, und sie weiß es aus eigener Anschauung. Wenn Annette Dittert, bis eben die Korrespondentin der ARD in London, ab demnächst Fernsehautorin für den NDR, abends ihre Vorhänge zuzieht, sieht sie nämlich bei ihren Nachbarn die Lichter angehen, immer zur gleichen Stunde: per Zeitschaltuhr, nicht per Hand.

          Das dritte Boot in der zweiten Reihe auf der linken Seite des Kanals ist „Emilia“.
          Das dritte Boot in der zweiten Reihe auf der linken Seite des Kanals ist „Emilia“. : Bild: Micha Theiner

          Robbie Williams, der Schlagzeuger von U2 und andere, die nie da sind, einer davon unterkellert übrigens grade auch: Das sind Annette Ditterts Nachbarn auf dem Festland. Sie wohnen - wenn man das so nennen kann - in herrlichen Häusern an der baum- und geländewagengesäumten Blomfield Road von Maida Vale, oberhalb vom Bahnhof Paddington, im Westen Londons.

          Annette Ditterts Nachbarn auf dem Wasser sind: ein Richter, eine Krankenschwester, ein Polier, eine emeritierte Oxford-Professorin, ein pensioniertes Beamtenpaar.

          Frisch gestrichen und leicht schwankend

          Annette Dittert lebt nämlich seit März auf einem Hausboot. Es heißt „Emilia“. Die schmalen Boote ihrer Nachbarn heißen „Quail“ oder „Isis“, „Pembroke“ oder „Barton Mead“. Den ganzen Kanal entlang liegen sie, eines neben und hinter dem anderen. Dazwischen fahren andere „Narrowboats“ mit Touristen darauf, um sich diese herrliche kleine Wasserwelt, Little Venice genannt, anzusehen.

          Es ist Ende Mai, keine Wolke am Himmel, die Karamellschicht auf dem Shortbread, das ich zum Tee mitgebracht hatte, schmilzt an Deck von „Emilia“, die frisch gestrichen und leicht schwankend daliegt, der ganze Stolz ihrer Besitzerin. London in der frühsommerlichen Sonne: Man will hier sofort für immer bleiben. Aber genau das ist das Problem.

          Der Kampf gegen die Verdrängung

          Die Geschichte von Annette Dittert und ihrem Hausboot ist die Geschichte einer Stadt, die unbezahlbar für ihre Bewohner geworden ist. Für Annette Dittert hat diese Geschichte ein Happy End: auf ein Hausboot zu ziehen, das sie selbst entworfen und gebaut hat, ist für die Fernsehjournalistin ein wahrgewordener Aussteigertraum nach vierzehn Jahren als ARD-Korrespondentin: Warschau, New York, London und niemals das Handy aus. Sie wollte das mit „Emilia“ so, ab September, wenn sie nach ihrer Auszeit wieder voll einsteigt in die Arbeit, nimmt sie sich noch eine kleine Zweitwohnung in Hamburg.

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