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Beschneidungsdebatte : Ein Rechenfehler

„Mein Sohn ist nicht nur seines Vaters Sohn, wie ich nicht nur meines Vaters Sohn war. Wir sind die Söhne eines Volkes“, schrieb Leon Wieseltier 2009 Bild: picture alliance / dpa

Wie in der Islamkritik bricht in der Beschneidungsdebatte ein rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist durch. Aber das Grundgesetz macht den Menschen nicht neu, sondern findet ihn vor, wie er ist.

          Wer über seiner Steuererklärung sitzt und in aller Gründlichkeit Abschreibungen und Zuwendungen addiert, bis er am Ende herausbekommt, dass er mit einer Rückzahlung in Höhe des Bundeshaushalts rechnen kann, der sieht sofort, dass das Ergebnis nicht stimmen kann. Diese Evidenz der Absurdität gibt es auch im Tätigkeitsbereich der praktischen Vernunft. Ein Urteil eines deutschen Strafgerichts, dessen Befolgung dazu führen würde, dass sämtliche Juden das Land verlassen müssten, kann nicht richtig sein. Das sagt der gesunde Menschenverstand, manchmal lieber Common sense genannt. Und das erklärt die ebenso raschen wie entschiedenen Reaktionen der maßgeblichen Politiker auf das Kölner Beschneidungsurteil. Ihre Intuitionen sind intakt. Das beruhigt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Verteidiger des Kölner Urteils meinen, die unerquickliche Folge, dass Juden vor die Entscheidung gestellt werden, entweder den Beschneidungsritus zu verwerfen oder aus Deutschland auszuwandern, könne die Deduktionen des Landgerichts nicht erschüttern. Es walte Gerechtigkeit nach den Begriffen des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, so lautet die jüngste Aktualisierung des Wahlspruchs Kaiser Ferdinands I., auch wenn die jüdische Welt deshalb untergehe. Die Herstellung gerechter Verhältnisse verlangt in dieser Sicht die Beseitigung aller historisch gewachsenen Gestalten der Sittlichkeit, die sich in rechtlicher Betrachtung als vernunftwidrig darstellen. Ironischerweise stammt diese Vorstellung aus der Sphäre der Religion, deren Einrichtungen doch gerade der Prozess gemacht werden soll: Das reinigende Feuer ist die apokalyptische Idee der Gerechtigkeit.

          Es geht immer um das Wohl des einzelnen Kindes

          Der Rechtspositivismus wird sich untreu, wenn er seine Setzungen als absolute moralische Größen durchsetzen will. Dass alles Recht gemacht ist, sollte eigentlich die Konkurrenz von Lebensentwürfen stimulieren. Das Grundgesetz, recht verstanden als veränderliches Menschenwerk aus den Jahren 1949 ff., macht die Welt nicht neu. Es findet die Menschen vor, wie sie sind, mitsamt ihren Idealen, Vorurteilen und Bräuchen. Eine Religion, deren Gemeinden an Rhein und Main bis ins 4. Jahrhundert nach Christus zurückgehen, ist auf deutschem Boden nicht unter dem Vorbehalt ihrer Übereinstimmung mit dem Grundgesetz heimisch. Umgekehrt ist die geschriebene Verfassung zwanglos im Lichte der moralischen Überlieferungen auszulegen, die unter Deutschen anzutreffen sind.

          Das Grundgesetz hat den Zweck, dass die Deutschen ungeachtet aller Unterschiede ihrer Überzeugungen und Gewohnheiten in Frieden miteinander leben. Es ist undenkbar, ihm die Absicht zu unterstellen, jüdisches Weiterleben in Deutschland unmöglich zu machen. Die Kölner Richter müssen sich verrechnet haben. Und tatsächlich ist der Fehler bei Lektüre der Urteilsgründe unschwer zu finden. Das Landgericht behauptet einen Verstoß gegen das Kindeswohl, ohne in Rechnung zu stellen, um welches Kind es in dem zu entscheidenden Fall geht: um den vierjährigen leiblichen Sohn zweier Eltern muslimischen Glaubens. Es liegt auf der Hand, dass ein abrahamitischer Fundamentalist mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden müsste, der einen Jungen kidnappen würde, um ihm die Wohltat der Beschneidung zukommen zu lassen, so wie im 19. Jahrhundert katholische Dienstmädchen heimlich jüdische Kinder tauften. Das Gericht zieht aber gar nicht erst in Betracht, dass die Abwägung zwischen Nutzen und Schaden des Eingriffs bei Kindern aus verschiedenen Familien verschieden ausfallen könnte. Dabei muss das Wohl des Kindes doch immer das Wohl des einzelnen Kindes sein.

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