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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Beruf und Familie Was ist nur mit den Frauen los?

 ·  Es ist eine Frechheit. Wie kann es sein, daß 2006 das Kinderkriegen zur alleinigen Frauensache erklärt wird? Warum ist so wenig von den Männern die Rede? Was geschehen muß, um die Deutschen vor dem Aussterben zu bewahren.

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Auf dem Titel der „Bild“-Zeitung prangten am Freitag die Köpfe von einflußreichen Medienfrauen, Sabine Christiansen ist darunter, Sandra Maischberger, dazu die Überschrift: „Deutschlands Superfrauen - ohne Kinder mehr Erfolg?“. Die Zeitungsseite sieht aus, als würden hier Schwerverbrecherinnen gezeigt, die Gesichter sind vor einen schwarzen Hintergrund montiert, bei jeder Frau steht in Klammern ihr Alter dabei - kalte weibliche Profis zwischen 35 und 49 Jahren, keine von ihnen Mutter.

Es ist eine Frechheit. Wie kann es sein, daß 2006 das Kinderkriegen zur alleinigen Frauensache erklärt wird? Wo sind die potentiellen Väter dazu, wenn man denn überhaupt mit dem Finger auf andere Leute zeigen muß? Da läuft gerade einiges falsch in diesem Land, und so schön es ist, daß das nun offenbar offiziell als Gefahr erkannt ist, so grotesk ist der öffentliche Umgang mit einem Thema, das eigentlich das natürlichste der Welt sein sollte: Kinder.

Es bedeutet ja nichts mehr etwas

Was bisher geschah: Seit sich in den sechziger Jahren die Antibabypille durchsetzte und Frauen nicht mehr automatisch schwanger werden, ist das Gleichgewicht aus den Fugen. Zuerst sah alles nach Fortschritt aus. Frauen konnten auf einmal, genau wie Männer, über ihr Leben selbst bestimmen, konnten Berufe erlernen, in diesen Berufen arbeiten, es schien etwas mit Freiheit zu tun zu haben. Langsam setzt die Erkenntnis ein, daß das Gegenteil der Fall ist. Beziehungsweise, daß die Pille Freiheit vor allem für Männer bedeutet. Die können seither folgenlosen Sex haben, der sie jeglicher Verantwortung enthebt. Für die Kinderplanung sind seit Einführung der Pille alleine die Frauen zuständig. Früher hingen beide mit drin, wenn ein Baby entstand - heute entsteht überhaupt nur noch eins, wenn die Frau das entscheidet. Und Männer können kommen und gehen, wie sie wollen.

Es bedeutet ja nichts mehr etwas. Die Vorteile sind bekannt. Die Nachteile allerdings gravierend: Denn Frauen haben sich damit freiwillig alles aufgebürdet, und alles allein, Beruf und Familie. Das ist sehr praktisch für den Rest der Gesellschaft, der auch mit Kindern weiterleben kann wie zuvor. Aber für Frauen stellt die Situation, wie sie jetzt in unserem Land herrscht, eine riesige Belastung dar: Alles sein zu sollen, nichts richtig machen zu können, nach der Babypause wieder in den Beruf zu finden, halbtags zu arbeiten, um die Tagesmutter zu bezahlen, die man beschäftigt, um sich nicht wie ein minderer Mensch zu fühlen, der nicht mehr arbeitet und statt dessen zu Hause bleibt und mit dem Kind spielt, wo man doch aber gelernt hat, sich über seinen Beruf zu definieren; später nicht zur Arbeit zu können, wenn das Kind die Windpocken hat oder im Kindergarten alle Läuse haben. Das ist alles zu organisieren und sogar noch viel mehr, wie im eben erschienenen Buch „Die Unmöglichen - Mütter, die Karriere machen“ (Diana-Verlag) zu lesen ist.

Das ganze Ausmaß des Wahnsinns

Als ich gebeten wurde, ein Kapitel beizusteuern, eine Elite-Studentin mit zwei Kindern zu portraitieren, wurde mir erst das ganze Ausmaß des Wahnsinns bewußt. Unglaubliche Geschichten werden da erzählt, von Frauen, die das alles schaffen, erfolgreichen Frauen, die Firmen leiten, Landeskirchen vorstehen und nebenher bis zu sechs Kinder großziehen - aber die einzelnen Geschichten lesen sich wie Berichte aus dem Krieg. Was für Planspiele nötig sind, damit diese Frauen morgens pünktlich zur Arbeit erscheinen. Und ständig sind sie von einem schlechten Gewissen begleitet. Zu Hause, weil sie nicht an dieser spannenden Konferenz teilnehmen, die doch so wichtig wäre; in der Arbeit, weil die Kleine am Morgen so geweint hat beim Abschied.

Wer das liest, versteht jede Frau, die nicht hurra schreit und auf der Stelle ein Kind bekommt. Welcher Mann würde es auf sich nehmen? Nach jahrelanger Ausbildung, nach Studium und Berufserfahrung aussetzen, für Monate, schlimmstenfalls für immer, wenn seine Arbeitsstelle betriebsbedingt, wie es in diesen Zeiten oft passiert, nicht mehr zu vergeben ist. Welcher Mann würde sich gerne dem Druck der Gesellschaft aussetzen, ein schlechter Vater zu sein, wenn es ihn irgendwann zurück in seinen Beruf zöge. Wenn er zugeben müßte, daß das Basteln von Figuren aus Kastanien und Zahnstochern zwar lustig, aber nicht die Erfüllung ist?

Dreißig Prozent (manche Statistik sagt vierzig) aller Akademikerinnen bleiben heute kinderlos, durch alle Schichten ist mindestens jede vierte Frau ohne Kind. Und wer kann es ihnen verdenken? Ernsthaft verdenken? In einem Land, in dem kleine Kinder im Zug in Extra-Abteile gesperrt werden, damit die Geschäftsleute in Ruhe in ihre Handys schreien können.

Mehr kinderlose Männer als Frauen

Warum aber ist so wenig von den Männern die Rede? In Deutschland findet sich in allen Altersgruppen unter den Männern ein höherer Anteil an Kinderlosen als bei den Frauen. Noch einmal: Es gibt in Deutschland mehr kinderlose Männer als Frauen. Wer ist also das Problem? Vergangenes Jahr erschien das aufschlußreiche Buch der Journalistin Meike Dinklage, „Der Zeugungsstreik“, das belegte, daß es oft an den Männern liegt, daß eine Frau kein Kind bekommt. Daß sich viele Männer nicht als Väter vorstellen können, während, siehe „Bild“-Zeitung, in unserem Land jede Frau eine potentielle Mutter ist.

Die Entwicklung läßt sich nicht zurückdrehen, was manch einer sicher bedauern mag. Frauen arbeiten. Und sie kriegen Kinder, und je nachdem, wie sehr der Rest der Welt sie dabei unterstützt, eben mehr oder weniger. Es ist also nicht Sache der Frauen, sich jetzt auf ihre biologische Besonderheit zurückzubesinnen und sich zum Wohl des Staates und der Rentenabsicherung als Gebärmaschinen zur Verfügung zu stellen. In erster Linie ist jetzt der Staat gefragt, Bedingungen zu schaffen, in denen Kinderkriegen wieder etwas Selbstverständliches ist.

Eine völlig kostenlose Kinderbetreuung muß her

Um die Deutschen vor dem Aussterben zu bewahren, so das denn gewollt ist, muß so schnell wie möglich eine staatlich finanzierte und für Eltern völlig kostenlose Kinderbetreuung her. Das ist bekannt, das wird immer wieder gefordert, und es wird ja aber nicht weniger wahr dadurch. Mit exzellent ausgebildetem Betreuungspersonal, das in vielen Fällen bestimmt weniger neurotisch ist, als es leibliche Eltern sind (siehe „Supernanny“). Diese Einrichtungen sollten Kinder ab einem Alter von drei Monaten aufnehmen und am besten rund um die Uhr geöffnet haben, für Notfälle. In allen Ländern, in denen es solche Einrichtungen gibt, hat sich gezeigt, daß die Geburtenrate schnell steigt. Und bestimmt nicht nur, weil dadurch alles organisatorisch leichter wird. Es geht um die Haltung, die dahintersteht. Und die nichts anderes aussagt als: Daß Frauen arbeiten und Kinder haben, ist normal. Länder wie das vielzitierte Frankreich, in denen es schon lange als selbstverständlich erachtet wird, daß Frauen arbeiten (und das ja nicht aus purer Nettigkeit, sondern weil der Arbeitsmarkt es erfordert) und genauso selbstverständlich Kinder bekommen (wer denn sonst), haben erkannt, daß man ihnen also entgegenkommen muß.

Wenn den Frauen schon kein Dank dafür entgegengebracht wird, daß sie durch neunmonatige Schwangerschaft, schmerzvolle Geburt und nerviges Stillen den Fortbestand der Menschheit gewährleisten, dann sollte ihnen doch wenigstens alles Weitere so sehr erleichtert und bequem gemacht werden, wie es nur irgend geht. Alles andere ist absurd. Siehe aktuelle Bevölkerungsentwicklung in Deutschland.
Dazu weitere Steuererleichterungen, und es wäre viel erreicht.

Und Schluß mal mit dem reaktionären Quatsch!

Momentan ist es absurderweise so, daß Paare mit Kindern dafür draufzahlen, daß sie die Renten von morgen sichern. Kindergeld dagegen, das zeigt der Vergleich mit dem Ausland, wo meistens weniger gezahlt wird, scheint eher nebensächlich zu sein. Und Schluß mal mit dem reaktionären Quatsch! „Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen. Das ist gar nicht so roh und unmodern, wie es sich anhört, die Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet für ihn die Eier aus“, das schrieb Goebbels in sein Tagebuch. Und irgendwie scheint sich dieses Mutter-Ideal in (west-)deutschen Köpfen festgesetzt zu haben. Wie oft soll denn noch durch Studien belegt werden, daß es egal ist, von wem ein Kind liebevoll aufgezogen wird?

Natürlich ist es vollkommen in Ordnung, wenn eine Frau sich entscheidet, nur Mutter sein zu wollen. Aber es ist eben genauso in Ordnung, wenn sie so schnell wie möglich wieder arbeiten will. Ob aus Lust oder aus Angst, sonst keine Arbeit mehr zu haben. Diese ewige Pervertierung des Mutterseins muß endlich aufhören: Eine Frau kann es heutzutage in Deutschland nur falsch machen. Beruf und kein Kind: egoistische Karrieristin; Kind und kein Beruf: rückständiges Muttchen; Kind und Beruf: Rabenmutter. Während Männer dagegen ... Ist ja alles bekannt. Aber warum ändert sich denn dann nichts?

Das ist eigentlich alles. Ach so, na ja, und natürlich die Kleinigkeit, Männer zu finden, die Lust haben, Vater zu sein, und sich dazu eventuell sogar durchringen könnten, solange es für die Frauen an ihrer Seite nicht zu spät ist. Ausdrücklich: Es geht nicht darum, Betreuungsstätten zu schaffen, um Kinder gleich wegzusperren, abzuschieben, loszusein. Es geht darum, Kinder in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer arbeiten, zur Normalität zu machen. Deutschland schuldet seinen Frauen Normalität. Mehr nicht.

Daß heute, zu den Bedingungen, wie sie in diesem Land gerade herrschen, überhaupt Frauen bereit sind, Kinder zu kriegen, ist ein Wunder. Das ist die gute Nachricht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. März 2006
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Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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