http://www.faz.net/-gqz-7l0bt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.01.2014, 07:47 Uhr

Beruf und Familie Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen

Die tollste Sache der Welt ist in unserer Gesellschaft für viele zu einem Albtraum geworden. Wie könnte man das wieder ändern?

von
© picture alliance / JOKER Immer und überall überfordert. Nie genügt man irgendeinem Anspruch. Am wenigsten dem des Kindes

Kinder sind so etwa das Tollste, was es gibt, aber ich habe wahnsinnige Angst davor, welche zu haben, und habe bislang also keine, obwohl ich wirklich will, habe ich keine, denn alles, was ich über das Kinderhaben höre und lese, ist so furchteinflößend, dass ich manchmal denke: Man muss ja total wahnsinnig sein, auf die Idee zu kommen, wirklich ein Kind zu kriegen. Mir ist das zu gefährlich, ich traue mich das einfach nicht. Warum sich diese Katastrophe ins Haus holen? Das hört sich jetzt ebenfalls wahnsinnig an, ist es aber überhaupt nicht, wenn man sich umsieht: Deutschland und seine Zeitungen sind voll von gestressten Müttern und Vätern, die bei dem Versuch scheitern, „Beruf und Familie“ oder gar „Karriere und Familie“ zu „vereinbaren“ - eine stehende, eine schreckliche Wendung, von der doch eigentlich niemand so genau weiß, was sie bedeutet, wahrscheinlich, weil sie für alle etwas anderes bedeutet, was vermutlich der Kern des Problems ist.

Antonia Baum Folgen:

Vor kurzem erschien im „Spiegel“ dazu ein Text mit dem Titel „Die große Erschöpfung“, welcher von dem Gefühl der Eltern erzählt, ständig an jenem Vereinbarkeitsversuch zu scheitern. Der Job, die Kinder, der Haushalt. Den Haushalt übernähmen immer noch mehrheitlich die Frauen, was diese noch erschöpfter und unzufriedener machte (absolutely!). Das Familienleben sei leider eine Frage der Organisation, was aber, so räumt die Autorin Claudia Voigt ein, dann schwierig werde, wenn es darum gehe, nahe Gefühlsmomente mit den Kindern zu haben, die sich eben nicht auf „Knopfdruck“ bestellen ließen. Die Politik sei mit ihrer großen Unentschlossenheit in Familienfragen keine Hilfe. Ein möglicher Ansatz zur Lösung des Problems wäre, wenn Mütter und Väter nur noch achtzig Prozent arbeiteten.

Diktatur des Glücks

Weiter: in dem Magazin „The Germans“ war der bemerkenswerte Text „Ich liebe mein Kind. Ich hasse mein Leben“ zu lesen, verfasst von der feministischen Autorin Stefanie Lohaus, die noch deutlicher wird: Kinder machten schlicht unglücklich, das gelte für Männer wie für Frauen, auch wenn einem das vorher niemand sage. Zwar herrsche offiziell Gleichberechtigung, aber: „Es hat sich viel weniger verändert, als es uns auf der Oberfläche erscheint. Und das offenbart sich besonders stark, wenn ein Kind geboren wird. Mütter stehen in Wirklichkeit nach wie vor am Herd - obwohl sie gut ausgebildet sind.“ Und dabei bleibe es auch, wenn sie wieder anfingen zu arbeiten.

Die Männer seien unglücklich, weil sie sich als Familienväter für die Beschaffung des Geldes zuständig fühlten und glaubten, es sei zu wenig, was die Autorin auch auf die verschärfte ökonomische Situation zurückführt: befristete Verträge, gar keine Verträge. Es ist eben nicht mehr so, dass man irgendwo anfängt und dort für immer bleibt. Außerdem leide die Beziehung, weil für romantische Liebe nicht mehr so viel Zeit ist. Die Autorin fordert also: Ausbau der Kindertagesplätze, die Abschaffung der Präsenzkultur in Unternehmen und die „flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen“ (erinnert dem Sprachduktus nach irgendwie an Diktatur. Das Kinder-Kapital muss verstaut werden. Neuesten Berichten zufolge sind die Franzosen mit der umfassenden staatlichen Betreuung ihrer Kinder aber auch nicht besonders glücklich). Wie viele Texte, die sich mit dem Wir-sind-Eltern-und-erschöpft-Thema befassen, endet auch jener Artikel versöhnlich: „Eltern können noch so unzufrieden sein - diese Momente des Glücks kann ihnen niemand nehmen.“ Das klingt ein wenig hoffnungsvoll, das klingt wie, das Gute im Schlechten sehen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Karrierehemmnis Kinderkriegen? Viele würden im Nachhinein anders entscheiden

Viele Eltern trauern vermeintlich verpassten Karrierechancen hinterher. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie. Wirklich überraschend aber ist, wie viele deshalb das Kinderkriegen bereuen. Mehr

28.07.2016, 14:12 Uhr | Beruf-Chance
Vier Zubereitungsarten im Test So gelingen die perfekten Spätzle

Frische Spätzle sind schnell gemacht. Man braucht nur das richtige Werkzeug. Wir haben den Teig mit vier Methoden zubereitet. Jede hat ihre Vorteile. Mehr Von Marco Dettweiler

29.07.2016, 16:50 Uhr | Technik-Motor
Model Irina Shayk Früher nannte man mich Stock

Irina Shayk ist gerade als Model sehr angesagt – kein Wunder, gilt sie doch als eine der schönsten Frauen der Welt. Im Interview spricht sie über ihre russische Seite – und Bodyshaming. Mehr Von Isabelle Braun

25.07.2016, 22:57 Uhr | Stil
Wahlen in Amerika Clinton muss sich an die Kandidatur erst gewöhnen

In Philadelphia soll Hillary Clinton offiziell zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gekürt werden. Bei einem Treffen mit Veteranen sagte sie, daran müsse auch sie sich erst mal gewöhnen. Mehr

26.07.2016, 15:57 Uhr | Politik
Gang verwechselt 86-jährige kracht mit Auto in Kindergarten

Zum Glück haben die Kinder draußen gespielt und nicht in ihrem Gruppenraum: Eine alte Frau ist in Marburg mit ihrem Auto in eine Kindertagesstätte gefahren. Es blieb bei Schäden an Bau und Auto. Mehr

26.07.2016, 13:04 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Merkels Trotz

Von Christian Geyer

Dass die Kanzlerin ihre Pressekonferenz dazu nutzte, sich als Rechthaberin zu inszenieren, war unsouverän, instinktlos und in der Sache falsch. Mehr 1726

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“