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Bernard-Henri Lévy im Gespräch : Reformen reichen nicht aus, um Europa zu retten

  • Aktualisiert am

Bernard-Henri Lévy in den Räumen der Pariser Ecole Normale Supérieure, wo er in den sechziger Jahren studierte Bild: Roudeix/Le Figaro Magazine/laif

Nie klang Bernard-Henri Lévy, der umtriebige, optimistische französische Philosoph, sorgenvoller als heute. Ein Gespräch über die Krise Europas und das deutsch-französische Verhältnis.

          Seit seinem Amtsantritt hat François Hollande noch keine große außenpolitische Initiative gestartet. Kritiker sagen, Frankreichs Stimme sei kaum noch zu hören.

          Das sehe ich nicht so. Zweifellos muss man Hollande die nötige Zeit lassen, sich zu orientieren. Er ist ein ausgesprochen redlicher Mensch. Mir scheint, er äußert sich erst, wenn er die Dinge sorgfältig analysiert, Akten studiert und die Folgen bedacht hat. Es ist allerdings wahr, langsam hat man das Gefühl, dass er sich recht viel Zeit nimmt...

          Wie würden Sie die stilistischen Unterschiede zwischen ihm und seinem Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy beschreiben?

          Die beiden sind in ihrem Temperament vollkommen gegensätzlich. Es gibt Details, die nicht trügen. Zum Beispiel die Salonecke im großen Arbeitszimmer des Präsidenten. Dort stand ein ziemlich majestätisches Sofa, das noch von Giscard und Mitterrand stammte, auch unter Chirac und Sarkozy dort blieb und eine physische Distanz zwischen dem Präsidenten und seinen Besuchern schuf. Hollande hat es entfernen lassen. An seiner Stelle stehen dort nun völlig gleichartige Bürosessel. Jetzt ähnelt das Arbeitszimmer dem von Schröder in Bonn - prosaisch, banal, eher wie ein Konferenz- oder Beratungsraum.

          Dort wird er dieser Tage ja vor allem ein Thema zu besprechen haben, den Euro. Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

          Der Euro ist zum Untergang verdammt, wenn das politische Europa sich nicht zusammennimmt. In dieser Frage hat Merkel gegen Hollande recht. Entweder Europa erfindet die politischen Institutionen, die eine gemeinsame Währung möglich machen, oder die gemeinsame Währung wird sterben.

          Warum?

          Gemeinsame Währungen haben funktioniert, wenn man sich bemühte, die politische Praxis zu vereinheitlichen, auf die sie sich stützen. Sehen Sie sich dagegen die Bemühungen um eine lateinische Münzunion oder um eine gemeinsame skandinavische Währung an. Sie waren interessant. Sie waren auch nicht so viel schlechter durchdacht als die Mark, die Lira oder heute der Euro. Aber sie zerschellten letztlich an der Mauer der nationalen Unterschiede.

          Welche politische Praxis wäre in unserer Lage die beste? Eine europäische Föderation?

          Man müsste sich die Geschichte des amerikanischen Dollars einmal genauer ansehen. Mehr als ein Jahrhundert lang stand er auf des Messers Schneide. Mehr als ein Jahrhundert lang gab es immer wieder Augenblicke, da schien er lokalen Währungen weichen zu müssen. Erst dank des Bürgerkriegs und der gewaltsam herbeigeführten politischen Vereinigung und dann auch tatsächlich dank des Triumphs des Föderalismus konnte er sich durchsetzen. Das eherne Gesetz lautet: Eine gemeinsame Währung bedarf eines Minimums an Gemeinsamkeiten in der Haushalts- und Finanzpolitik und in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sonst...

          Geschieht genau, was jetzt geschieht: Die Märkte bestimmen den Gang der Dinge. Schockiert Sie das?

          Ja und nein. Natürlich müssen die Märkte reformiert werden. Natürlich muss man ihnen Regeln auferlegen. Die Erfindung eines weniger irren, weniger deregulierten, maßvolleren Kapitalismusmodells gehört sogar zu den großen Baustellen für Merkels, Hollandes und Montis Europa. Denn klar ist: die Chinesen werden es nicht tun. Die Amerikaner auch nicht. Also werden wir Europäer es tun müssen. Und da sollten wir uns nicht täuschen, das ist eine Baustelle, die über den Finanzsektor hinausreicht und das erfordert, was Renan eine geistige und moralische Reform nannte. Aber müssen wir deshalb die Märkte verteufeln? Das wäre zu einfach. Die Märkte sagen sehr deutlich, was die Politiker nicht zu sagen und erst recht nicht zu tun wagen. Die „spreads“ werden erst dann wirklich interessant, wenn die politische Sprache sich als schwach, ängstlich und leer erweist.

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