Home
http://www.faz.net/-gqz-74gk5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bernard-Henri Lévy im Gespräch Reformen reichen nicht aus, um Europa zu retten

Nie klang Bernard-Henri Lévy, der umtriebige, optimistische französische Philosoph, sorgenvoller als heute. Ein Gespräch über die Krise Europas und das deutsch-französische Verhältnis.

© Roudeix/Le Figaro Magazine/laif Vergrößern Bernard-Henri Lévy in den Räumen der Pariser Ecole Normale Supérieure, wo er in den sechziger Jahren studierte

Seit seinem Amtsantritt hat François Hollande noch keine große außenpolitische Initiative gestartet. Kritiker sagen, Frankreichs Stimme sei kaum noch zu hören.

Das sehe ich nicht so. Zweifellos muss man Hollande die nötige Zeit lassen, sich zu orientieren. Er ist ein ausgesprochen redlicher Mensch. Mir scheint, er äußert sich erst, wenn er die Dinge sorgfältig analysiert, Akten studiert und die Folgen bedacht hat. Es ist allerdings wahr, langsam hat man das Gefühl, dass er sich recht viel Zeit nimmt...

Wie würden Sie die stilistischen Unterschiede zwischen ihm und seinem Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy beschreiben?

Die beiden sind in ihrem Temperament vollkommen gegensätzlich. Es gibt Details, die nicht trügen. Zum Beispiel die Salonecke im großen Arbeitszimmer des Präsidenten. Dort stand ein ziemlich majestätisches Sofa, das noch von Giscard und Mitterrand stammte, auch unter Chirac und Sarkozy dort blieb und eine physische Distanz zwischen dem Präsidenten und seinen Besuchern schuf. Hollande hat es entfernen lassen. An seiner Stelle stehen dort nun völlig gleichartige Bürosessel. Jetzt ähnelt das Arbeitszimmer dem von Schröder in Bonn - prosaisch, banal, eher wie ein Konferenz- oder Beratungsraum.

Dort wird er dieser Tage ja vor allem ein Thema zu besprechen haben, den Euro. Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Der Euro ist zum Untergang verdammt, wenn das politische Europa sich nicht zusammennimmt. In dieser Frage hat Merkel gegen Hollande recht. Entweder Europa erfindet die politischen Institutionen, die eine gemeinsame Währung möglich machen, oder die gemeinsame Währung wird sterben.

Warum?

Gemeinsame Währungen haben funktioniert, wenn man sich bemühte, die politische Praxis zu vereinheitlichen, auf die sie sich stützen. Sehen Sie sich dagegen die Bemühungen um eine lateinische Münzunion oder um eine gemeinsame skandinavische Währung an. Sie waren interessant. Sie waren auch nicht so viel schlechter durchdacht als die Mark, die Lira oder heute der Euro. Aber sie zerschellten letztlich an der Mauer der nationalen Unterschiede.

Welche politische Praxis wäre in unserer Lage die beste? Eine europäische Föderation?

Man müsste sich die Geschichte des amerikanischen Dollars einmal genauer ansehen. Mehr als ein Jahrhundert lang stand er auf des Messers Schneide. Mehr als ein Jahrhundert lang gab es immer wieder Augenblicke, da schien er lokalen Währungen weichen zu müssen. Erst dank des Bürgerkriegs und der gewaltsam herbeigeführten politischen Vereinigung und dann auch tatsächlich dank des Triumphs des Föderalismus konnte er sich durchsetzen. Das eherne Gesetz lautet: Eine gemeinsame Währung bedarf eines Minimums an Gemeinsamkeiten in der Haushalts- und Finanzpolitik und in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sonst...

Geschieht genau, was jetzt geschieht: Die Märkte bestimmen den Gang der Dinge. Schockiert Sie das?

Ja und nein. Natürlich müssen die Märkte reformiert werden. Natürlich muss man ihnen Regeln auferlegen. Die Erfindung eines weniger irren, weniger deregulierten, maßvolleren Kapitalismusmodells gehört sogar zu den großen Baustellen für Merkels, Hollandes und Montis Europa. Denn klar ist: die Chinesen werden es nicht tun. Die Amerikaner auch nicht. Also werden wir Europäer es tun müssen. Und da sollten wir uns nicht täuschen, das ist eine Baustelle, die über den Finanzsektor hinausreicht und das erfordert, was Renan eine geistige und moralische Reform nannte. Aber müssen wir deshalb die Märkte verteufeln? Das wäre zu einfach. Die Märkte sagen sehr deutlich, was die Politiker nicht zu sagen und erst recht nicht zu tun wagen. Die „spreads“ werden erst dann wirklich interessant, wenn die politische Sprache sich als schwach, ängstlich und leer erweist.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
EU-Ratspräsident Tusk Russland geht destruktiv, aggressiv, einschüchternd vor

Mit deutlichen Worten gegenüber Russland hat in Riga der Osteuropagipfel der EU begonnen. Während die Bundeskanzlerin den Russen vorwirft, die Unterschiedlichkeit der Länder nicht zu akzeptieren, wird der EU-Ratspräsident deutlicher. Am späten Abend wollten Merkel und der franzöische Präsident noch Griechenlands Tsipras treffen. Mehr

21.05.2015, 21:44 Uhr | Politik
Ukraine-Gipfel Merkel: Einigung ist Hoffnungsschimmer

Nach dem Ukraine-Krisengipfel in Minsk hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit Frankreichs Präsident Francois Hollande optimistisch gezeigt: Die Einigung sei ein Hoffnungsschimmer. Dennoch betonte sie, dass die Krise noch nicht ausgestanden sei. Mehr

12.02.2015, 15:11 Uhr | Politik
Griechenlands Krise Eine saubere Lösung im Schuldenstreit ist nun undenkbar

Wie geht der Streit zwischen Griechenland und seinen Geldgebern aus? Eine zentrale Frage kreist um die Rolle des Internationalen Währungsfonds. Zugleich wächst der Druck auf den größten Euro-Retter. Mehr Von Werner Mussler, Brüssel

22.05.2015, 19:36 Uhr | Wirtschaft
Reformen nicht ausreichend Keine Einigung auf weitere Kredite für Griechenland

Die Finanzminister der Euroländer konnten sich in Brüssel nicht einigen, ob Griechenland weitere Kredite bekommt. Mehr

10.03.2015, 09:27 Uhr | Wirtschaft
Parallelwährung Kommt in Griechenland jetzt der Geuro?

Unser Kolumnist Thomas Mayer war bei Finanzminister Varoufakis. Der wollte wissen, ob sein Land eine Parallelwährung einführen kann – und war für alle Überlegungen offen. Mehr Von Christian Siedenbiedel

19.05.2015, 14:11 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.11.2012, 14:01 Uhr

Phrasenherzen

Von Andreas Rossmann

Hasenherziges Philosophiefest: Die phil.Cologne hat den umstrittenen Philosophen Peter Singer erst ein- und kurzfristig wieder ausgeladen. Die Begründungen wirken fadenscheinig. Mehr 3