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Berliner Schloss Lesehilfe für ein Ding ohne Namen

04.05.2010 ·  Das Berliner Schloss befindet sich in der Krise: Der Bundesbauminister will die Barockfassaden nicht finanzieren, der Schlossverein kann es nicht. Wird hier ein steinernes Zeichen des Scheiterns gesetzt?

Von Andreas Kilb
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Stellen wir uns einen englischen Touristen vor, der im Jahr 2020 mit seinem deutschen Begleiter Unter den Linden entlang zum Schlossplatz läuft. Zwischen Zeughaus und Neuer Kommandantur tritt ein breiter, vierstöckiger Rechteckbau aus sandgelb gestrichenem Stahlbeton in sein Blickfeld. Ein portalartiger Vorsprung in der westlichen Gebäudefront ist mit grauen Betonplatten verblendet, in denen zahlreiche Bohrlöcher bizarre Muster bilden. Auch über den Fenstern der unteren drei Stockwerke sind Bohrlöcher zu sehen.

„Was ist das?“, fragt der Brite. „Das Berliner Schloss“, antwortet sein Gastgeber. „Und warum ist es nackt?“, will der Tourist wissen. „Weil das Geld für die Fassade nicht gereicht hat“, erklärt der Deutsche. – „Ist sie denn so teuer?“ – „Sie kostet achtzig Millionen Euro. Das sind nur zehn Kilometer Autobahn. Aber das Bundesbauministerium hat die Kosten an einen privaten Förderverein weitergereicht, und der konnte nicht genügend Spenden sammeln.“ – „Warum hat die Regierung den Betrag nicht vorgestreckt?“ – „Das ist eine Frage des Prinzips.“

Es geht in der Tat um Prinzipielles beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses, nicht nur, was die Fassade betrifft. Es geht zum Beispiel darum, ob ein Bundesbauminister die Kosten für eine Kuppel, die den Schlossbau zum dritten Wahrzeichen Berlins nach dem Reichstag und dem Brandenburger Tor machen würde, in Autobahnkilometer umrechnen darf. Würde man diesen Maßstab an sämtliche Bauprojekte des Bundes anlegen, dann könnte man etwa mit den eineinhalb Milliarden für den hauptstädtischen Neubau und den Umzug des Bundesnachrichtendienstes die halbe Strecke von Berlin nach München bauen. Aber Peter Ramsauer wollte gar nicht ernsthaft die Rekonstruktion der Schlosskuppel Friedrich August Stülers gegen die anstehende Asphaltierung des Südharzes abwägen. Er wollte zeigen, dass ihm die Kuppel gleichgültig ist.

Die Abgeordneten haben nicht für ein Stahlgerippe votiert

Das ist ihm gelungen. Der Schlag sitzt tief, besonders in seinem eigenen Ressort. Inzwischen wagt im Bundesbauministerium und der von ihm abhängigen „Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum“ niemand mehr, öffentlich von einer Verpflichtung des Bundes zum Bau der Kuppel und der barocken Fassaden zu sprechen. Doch noch immer wirbt die Stiftung, die als Bauherr des Projekts auftritt, auf ihrer Website mit dem überarbeiteten Modell von Franco Stella samt Barockfassaden, Schlüterhof und Stülerkuppel, als könnte das Bild das fertige Schloss herbeizwingen.

Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Ägide das Weltkulturenmuseum alias Humboldt-Forum in dem Bau Gestalt annehmen soll, verkauft ihr Konzept der Agora im Eosanderhof mit einer Ansicht jenes Innenrisalits vom westlichen Schlossportal, der selbst bei einer allmählichen Vervollständigung der Fassade erst zuallerletzt gebaut würde. Man könnte diesen hartnäckigen Illusionismus als Verteidigung der Schlossvision in Schutz nehmen. Aber seit dem Ende des Architektenwettbewerbs im November 2008 ist das Schloss keine Vision mehr, sondern ein vollständig durchgeplantes Gebilde, das nur noch Realität werden muss. Dafür, und nicht nur für ein Stahlbetongerippe, haben die Abgeordneten des Bundestags im Juli 2002 mit Dreiviertelmehrheit gestimmt. Es sieht nicht so aus, als ob sie es bald bekämen.

Dass der Förderverein Berliner Schloss, der die Spenden für die Barockfassaden und den Schlüterhof einwerben soll, die veranschlagten achtzig Millionen nicht bis zum Baubeginn im kommenden Jahr würde aufbringen können, war jedermann klar, seit der damalige Bundesbauminister Tiefensee im Januar 2007 seinen „konzentrierten Entwurf“ vorgestellt hatte. Um die Haushalter des Bundestags für seine Pläne zu gewinnen, hatte Tiefensee aus der bis dahin gehandelten Bausumme von knapp siebenhundert Millionen Euro drei teure Posten herausgerechnet: keine Tiefgarage, kein Hotel – und die Fassade als „Bürgerprojekt“. Ähnlich war auch der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche durch Spenden finanziert worden.

Symbole wachsen nur an symbolischen Orten

Dass das Berliner Schloss, anders als die Frauenkirche, kein Stadtsymbol, sondern immer ein Staatsbauwerk gewesen sei und auch wieder sein würde, war der Denkfehler in Tiefensees Entwurf. Sein Nachfolger spitzt ihn jetzt noch zu, indem er die Fassade von dem übrigen Bauvorhaben abkoppelt. Wenn Peter Ramsauer seinen Staatssekretär Ferlemann öffentlich erklären lässt, das Gebäude sei auch ohne Barockfassaden „machbar“, gibt er damit zu erkennen, dass er die Dialektik von architektonischer Form und staatlicher Funktion noch nicht begriffen hat. Ohne Fassade bliebe das Schloss ein Ding ohne Namen. Es wäre ein Zeichen, aber eines der Unfähigkeit der deutschen Politik, geschichtliche Zeichen zu setzen.

Dass die Berliner Stadtpolitik sich auf solche Zeichensetzung kaum besser versteht, hat das fruchtlose Geschacher um die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie hinlänglich bewiesen. Dennoch hat Klaus Wowereit recht, wenn er bei Ramsauer den Geist des Schlossbaus gegen den Buchstaben des Budgets einklagt. War der Bundesbauminister ähnlich zugeknöpft, als es um die Mehrkosten der neuen BND-Zentrale ging? Dabei würde niemand auf die Idee kommen, das steinerne Heerlager des Bundesnachrichtendienstes an der Invalidenstraße als geschichtspolitisches Hauptprojekt der Berliner Republik zu bezeichnen. Symbole wachsen nur an symbolischen Orten. Ein solcher Ort ist der Berliner Schlossplatz. Auch als leerer Platz, als Brache oder Betonwüste wird er gelesen und verstanden werden, ob man es will oder nicht.

Im „konzentrierten Entwurf“ wurde die Kuppel zunächst beiseitegeschoben. Doch der Ausschreibungstext des Architektenwettbewerbs gab 2008 eine eindeutige Anweisung: „Eine Kuppel ist vorzusehen.“ Dass die Stülerkuppel Franco Stellas und kein stählerner Eierwärmer den Wettbewerb gewonnen hat, dürfte nicht zuletzt dem unter oberbayerischen Barockkirchtürmen aufgewachsenen neuen Bundesbauminister einleuchten. Seine erste und vornehmste politische Aufgabe hätte deshalb darin bestanden, sich ohne Einschränkungen zu dem Stella-Entwurf zu bekennen. Stattdessen hat Peter Ramsauer selbst bei seinem Besuch in Stellas Architektenbüro litaneiartig seine Vorbehalte wiederholt (siehe Ramsauer trifft Stella: Ach, wäre er doch einer wie Schinkel).

Zeit für ein Machtwort

Die Spender in München, Kiel, New York oder Buenos Aires, durch deren Überweisungen oder Zusagen bereits ein Gutteil der Schlossfassade vorfinanziert ist, dürften mit Befremden vernommen haben, dass der Minister ihren Traum nicht teilt. Man könne eben nicht alles, was man wolle, erklärte Ramsauer resigniert bei seinem Stella-Besuch. Darin liegt die Krux seiner Haltung zum Schloss: Der Unwille, den er in der Fassaden- und Kuppelfrage demonstriert hat, beschädigt das Projekt stärker als Wolfgang Tiefensees fröhliche Schönrechnerei. Das Scheitern der Schlossidee wird zur self-fulfilling prophecy.

Zu den Querelen um die Finanzierung des Gebäudes kommt die Ungewissheit über seinen Inhalt. Die mit großen Erwartungen befrachtete Werkstattausstellung „Anders zur Welt kommen“ im Alten Museum hat eigentlich nur deutlich gemacht, was man im Humboldt-Forum alles nicht sehen will: Krabbelkisten, Schilderwälder, Schiffesammlungen, Zusammengewürfeltes und um die Ecke Gedachtes. Der überzeugendste Teil der Ausstellung war gerade der von dem Kunstgeschichtler Horst Bredekamp kuratierte historische, jener also, der nach den Vorstellungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im künftigen Weltkulturenmuseum das geringste Gewicht haben soll.

Im vergangenen Januar bestellte dann der Kulturstaatsminister, dem die konzeptionelle Misere der Preußenstiftung nicht gleichgültig sein kann, eine Expertenrunde ins Kanzleramt, um die Möglichkeit zu diskutieren, vorab einen künstlerischen Intendanten für das Gesamtprojekt zu berufen. Das Treffen blieb ohne Ergebnis. Die Preußenstiftung will sich vorerst weder in die Einrichtung des Humboldt-Forums hineinreden lassen noch ein neues, verbessertes Konzept vorlegen. So bleibt auch bei der Innengestaltung des Schlosses alles in der alten, lähmenden Schwebe.

Ein verstaubtes Völkerkundemuseum darf das Humboldt-Forum nicht werden, ein Palast der Weltkulturen kann es mit den vorhandenen Mitteln nicht werden, und ein Schatzhaus der Künste mit Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Kunstgewerbesammlung soll es nach dem Willen seiner Hüter nicht werden. Bisher ist die Bundeskulturpolitik unter Bernd Neumann ganz gut ohne ein Machtwort der Kanzlerin ausgekommen. Beim Humboldt-Forum und beim Schlossbau wäre es jetzt an der Zeit.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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