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Berliner Schloss Denkpause für Prestigeobjekt

24.06.2010 ·  Die Sparanstrengungen gehen an der Kulturpolitik nicht vorbei. Der Baustopp, der jetzt auch das Berliner Schloss trifft, schafft Zeit zum Denken. Vielleicht auch die Einsicht, dass das Prestigeprojekt „Humboldt-Forum“ von Beginn an großsprecherisch und weltfremd angelegt war.

Von Patrick Bahners
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Auch in der Kulturpolitik ist die Blase geplatzt. Wieder ist eine Gründerzeit Geschichte, das Geld, mit vollen Händen ausgegeben, ist erst einmal fort. Einer der kleineren Posten im Sparpaket der Bundesregierung ist der Aufschub des Baubeginns beim Berliner Stadtschloss.

Die Zauberformel der jüngsten fetten Jahre war der Bilbao-Effekt. Das Guggenheim-Museum, das der amerikanische Architekt Frank Gehry wie ein Raumschiff im Hafen der baskischen Stadt plazierte, zieht Massen von Besuchern an, die gar nicht wissen, welche Ausstellungen oder gar Sammlungen sie erwarten. Die spektakuläre Hülle ersetzt den Inhalt. Das wollten die Bürgermeister überall nachmachen - und die Konzernchefs, die sich bei Grundsteinlegungen von Kulturtempeln in den großen Spendierhosen mit roten Streifen fotografieren lassen.

Jetzt werden landauf, landab die großen Projekte storniert. Die vereinigten Postkonzerne werden Bonn das Festspielhaus nicht schenken, dem die Stadt die Beethovenhalle opfern wollte, ein Wahrzeichen der alten Bundeshauptstadt. Dass der bestehende Saal keinen Anlass zur Klage gibt und in Köln schon ein modernes Konzerthaus steht, hatte die Planer nicht beirren können. Ihnen kam es nur auf die städtebauliche Geste mit Signatur eines Stararchitekten an, auf die Pracht am Rhein. In Hamburg ist die nach Bilbao-Logik geplante Elbphilharmonie schon so weit gediehen, dass sie wohl oder übel weitergebaut werden muss.

Ein neuer Geist in alter Umhüllung

Auch das Konsortium der Kulturmanager, die im wiederzuerrichtenden Hohenzollernschloss ein „Humboldt-Forum“ betreiben wollen, ist auf die Bilbao-Lehre eingeschworen. Allerdings versprechen sie den Bilbao-Effekt in der Variante der idealistischen Umkehrung: Nichts darf auf die Hülle ankommen, dafür wird der Inhalt kühn und aufsehenerregend sein, eine Welt der Wunder. Wie Gehrys Bauten den Eindruck erwecken, ein zu Scherzen aufgelegter Weltbaumeister habe sich Aluminiumspielzeug zurechtgebogen, so schiebt das „Humboldt-Forum“ Institutionen ineinander, die keine gemeinsame Sache verbindet: die ethnologischen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die wissenschaftshistorische Sammlung der Humboldt-Universität und die Landesbibliothek.

Als für die Schlossidee noch geworben werden musste, gingen die Mietinteressenten ein Zweckbündnis ein. Der prosaische Sinn der Wohngemeinschaft wird verdeckt, indem man dem Publikum vorgaukelt, hier könne etwas Unerhörtes und nie Dagewesenes entstehen. Neue Methoden der Wissensproduktion verheißen die Begriffsalchimisten, neue Formen des Dialogs, den Morgen einer neuen Aufklärung: Billiger macht man's wohl nicht. Dass das Schloss in seiner alten Gestalt wiederersteht, soll dadurch kompensiert werden, dass im Innern nur Neues gemacht wird.

Das Reden über Kultur als deren Inbegriff

Diesem Denken, das für Kunstfestivals oder Marketingkampagnen charakteristisch ist, sollen sich bedenklicherweise auch die Sammlungen von Weltruf fügen, die die Preußenstiftung einbringen kann. Natürlich soll das Museum neu erfunden werden. Die Museen, die schon erfunden worden sind und in Berlin die Sammeltätigkeit der brandenburgischen Kurfürsten fortsetzen, werden für tot erklärt. Gezeigt werden soll im Schloss aus den Dahlemer Völkerkundesammlungen nur das, was in heutige Debatten über die Globalisierung passt.

Hermann Parzinger, der Stiftungspräsident, hat verkündet, schon heute beneide die Welt die Deutschen um das „Humboldt-Forum“, ein „Kunst- und Kulturzentrum gänzlich neuen Zuschnitts“. Das dürfte nicht einmal für die kleine Welt der Kulturbürokraten stimmen. Die Öffentlichkeit bringt keine Begeisterung für das Zentrum auf, in dessen „Agora“ sie an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr zum Palaver über die Zukunft der Welt aufmarschieren soll. Schwärmerische Anhänger hat das „Humboldt-Forum“ dort, wo man sich von Berufs wegen einredet, dass der Inbegriff von Kultur das Reden über Kultur sei: im Kulturausschuss des Bundestages.

Zeit zum Denken

Das „Humboldt-Forum“ war eine Idee von Klaus-Dieter Lehmann, dem Vorgänger Parzingers. Unklugerweise hat Parzinger, ein weltweit angesehener Fachmann für das Nomadenvolk der Skythen, dieses Erbe zu seiner persönlichen Sache gemacht. Er hat sich darauf festgelegt, dass ein Abschied vom Humboldt-Etikett ein Akt des Provinzialismus wäre, ein Verrat Berlins an den Völkern der Welt. Der Einsicht, dass ein Prestigeprojekt großsprecherisch und weltfremd war, steht unter Managern die Angst vor dem Gesichtsverlust im Weg. Oft hilft nur die Zeit.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sucht einen neuen Ort für ihre Gemäldegalerie. Fürstliche Auftraggeber und Kulturtouristen aus aller Welt haben in der europäischen Malerei einen höchsten Ausdruck der Möglichkeiten des Menschen bewundert. Dass die Stiftung das Königsschloss gegenüber der Museumsinsel als Tagungszirkuszelt nutzen will, passt nicht in eine Zeit, die wiederentdeckt, dass die erste Aufgabe der Kulturpolitik die Bewahrung der Bestände ist. Das Neue geschieht schon von selbst. Der Baustopp schafft Zeit zum Denken. Was soll ins Berliner Schloss? Das ist eine Frage der Verteilung der preußischen Sammlungen in der Mitte Berlins.

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