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Berliner Museumsstreit Plädoyer für eine zweite Museumsinsel

 ·  Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz braucht dringend ein Museum für die klassische Moderne. Warum baut man es nicht dort, wo es am nötigsten wäre: am Kulturforum hinter dem Potsdamer Platz?

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Der Hinterhof Berlins beginnt am Potsdamer Platz. Wer den zugigen Glaspalast des Sony-Centers und die fliehenden Linien und senfgelben Kuben von Scharouns Philharmonie in seinem Rücken hat, kommt an einen Ort, der keiner ist. Links türmt sich die Staatsbibliothek wie ein am Landwehrkanal gestrandeter und langsam zerfallender Supertanker auf, rechts schiebt sich neben dem Bausparkassen-Imitat des Kunstgewerbemuseums eine Art Festungsvorwerk in den Blick, dem nur die Geschütze fehlen, mit Sperrwehren, Zickzackmauern, Beobachtungstürmen und spiegelglatten Treppen, eine schimmernde Bastion, deren vordringlicher Zweck darin zu bestehen scheint, möglichst viele Menschen vom Besuch der Gemäldegalerie abzuschrecken.

Nur die „Alibar“ sorgt für Leben an der Brache

Geradeaus aber, auf den gut hundert Metern, die man an der wieder aufgebauten Matthäuskirche vorbei zur Neuen Nationalgalerie zurücklegen muss, breitet sich die Leere aus. Eine Handvoll verkümmerter Bäumchen krallt sich mutlos in den kiesbestreuten Boden. Zwischen Glasscherben und Hundekot lagern Steinbrocken verschiedener Größen und Formen, denen man beim Näherkommen die künstlerische Absicht, wenn auch kein Gelingen ansieht. Zur Neuen Potsdamer Straße hin, auf der vierspurig der Autoverkehr vorbeidröhnt, öffnet bei schönem Wetter die „Alibar“ ihre Pforten, eine Imbissbretterbude, die müde Berlin-Wanderer mit Pommes und Bier versorgt.

Der Berliner Senat hat diesen Ort im Zentrum der Hauptstadt vor zwei Jahren aufgegeben. Im Herbst 2010 beschloss die Koalition aus SPD und Linkspartei, die „freie Sichtbeziehung über den Stadtlandschaftsraum von der Nationalgalerie zur Philharmonie“ müsse erhalten und der leere Platz zwischen ihnen deshalb leer bleiben. Das ist genau so absurd gedacht, wie es klingt: Damit man sich mit der Brache nicht weiter abgeben muss, wird sie zum Stadtlandschaftsraum geadelt.

Dabei wurzeln hier, in der Wüste der Berliner Stadtplanung, ein paar der edelsten Kulturstätten der Republik: die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, der schönste aller Museumspavillons; die Gemäldegalerie mit ihren Alten Meistern; die Philharmonie mit ihrem Orchester von internationalem Ruf; dazu das notorisch unterschätzte Kupferstichkabinett, das eine der weltgrößten Sammlungen von Zeichnungen, Drucken und Aquarellen aller Epochen besitzt; das Kunstgewerbemuseum mit seinen Gold- und Silberschätzen und die Kunstbibliothek.

Diese Umgebung, sollte man meinen, müsste die Berliner Politik zu mutigen Plänen und sinnvollen Taten herausfordern. Aber offenbar genügt es den Verantwortlichen, dass hier die „Alibar“ steht.

Vom Kulturkampf zur Machbarkeitsstudie

Und nun ist um das „Kulturforum“, wie sich das Ensemble in mutwilliger Beschönigung seines baulichen Zustands nennt, auch noch ein Museumsstreit entbrannt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will die Alten Meister aus der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel umsiedeln und an ihrer Stelle die Bestände der Neuen Nationalgalerie sowie die Sammlungen Marx und Pietzsch zu einem neuen Haus der klassischen Moderne vereinigen.

Die Empörung, die das Vorhaben seit seiner Bekanntgabe Anfang Juni bei Kunsthistorikern, Kritikern und Museumsbesuchern in aller Welt auslöste, hat die Stiftungsdirektoren zwar nicht zum Umdenken, aber doch zu größerer öffentlicher Zurückhaltung bewogen. Jetzt soll eine Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse im März kommenden Jahres vorliegen werden, die denkbaren Optionen prüfen (F.A.Z. vom 13. September). Zu ihnen gehört ein Neubau am Kulturforum, neben der Nationalgalerie und „unter Verzicht eines Umzugs der Alten Meister“, wie es in schönstem Bürokratendeutsch heißt.

Man sieht, wie sich hier zwei Notwendigkeiten, zwei Berliner Planungslücken aufeinander zubewegen: eine städtebauliche und eine museumspolitische. Aber die Verantwortlichen der Stiftung und die Kulturpolitiker der Stadt und des Bundes haben die Chance, die sich ihnen bietet, offenbar noch nicht vollständig begriffen. In der Pressemitteilung zum Start der Machbarkeitsstudie nämlich heißt es, die Bau-Option am Kulturforum werde nur „unbeschadet“ der Umzugspläne für die Alten Meister geprüft, welche die Stiftung „weiterhin für überzeugend“ halte. Und wenn man bedenkt, dass die Experten, die das mit der Erstellung der Studie beauftragte Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung befragt, zum größten Teil in der Direktions-Etage der Preußenstiftung sitzen, kann man sich vorstellen, wie schwer es für das Amt werden wird, eine Alternative zu der unseligen Rochade der Gemäldegalerie zu formulieren.

Stimmann träumt von einer Wohnbebauung

Auch zum Kulturforum selbst gibt es inzwischen neue Vorschläge. Vor drei Wochen stellte der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann in der Spielbank am Potsdamer Platz sein Buch „Zukunft des Kulturforums - Ein Abgesang auf die Insel der Objekte“ (DOM publishers, 48 Euro) vor, für das er sechs renommierte Architekten um Entwürfe zur Neugestaltung des Gebiets am südlichen Tiergarten gebeten hat. Stimmann, der den Vorkriegsjahren nachtrauert, in denen der Tiergarten zu den schönsten Villenvierteln Berlins zählte, will die Brache hinter der Philharmonie mit Wohnhäusern füllen.

Entsprechend fallen die Visionen seiner Architekten aus: Jan Kleihues entwirft ein Defilee aus trutzigen, durch Kolonnaden aufgelockerten Kuben, Christoph Sattler schlägt eine Mischung aus Apartment- und Hotelblöcken vor, Sergei Tchoban skizziert eine kleinteilige Wohnbebauung, wie sie auch schon für das Quartier zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus vorgeschlagen wurde.

Am Kulturforum hilft nur die Flucht nach vorn

Aber diese Pläne sind ebenso wirklichkeitsfremd wie die Stimmannsche Idee, die ihnen zugrunde liegt. Ein Wohnviertel zwischen Sony-Center und Neuer Nationalgalerie könnte nirgendwo anwachsen, weil ihm jeder Kontakt zu anderen Wohngebieten fehlte, es bliebe ein Spekulationsobjekt für Investoren, eine bloße Überkronung der Kulturbauten, die das Areal prägen. Die Zerstörungen der Bombennächte und die Tabula-rasa-Politik der Nachkriegszeit sind am Tiergarten nicht wiedergutzumachen, dort hilft nur die Flucht nach vorn.

Doch auch die umbaute Stadtlandschaft, von der Hans Scharoun träumte, hat keine Form angenommen, sie ist zur planierten Steppe degeneriert. Um sie zu beleben, müssten das auf halbem Weg steckengebliebene Museumsquartier vollendet und die Baulücke an der Neuen Potsdamer Straße geschlossen werden. Kein Projekt wäre dafür besser geeignet als ebenjener Neubau für die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus schwer nachvollziehbaren Gründen unbedingt vermeiden will.

Dabei hält die Stiftung selbst seit Anfang der achtziger Jahre direkt hinter der Nationalgalerie ein fünftausend Quadratmeter großes Grundstück für einen Erweiterungsbau bereit. Als der ehemalige Stiftungspräsident Wolf-Dieter Dube und sein früherer Generaldirektor Günter Schade im Juli in einem offenen Brief an diese Fläche erinnerten, hieß es, das Gelände komme nicht in Frage, es sei für ein Museum der Moderne zu klein.

Das ist nicht wahr; viele Kunstmuseen in Europa kommen mit noch weniger Grundfläche aus. Aber hinter der Nationalgalerie läge die Moderne am falschen Ort, im toten Winkel zwischen Kupferstichkabinett und Landwehrkanal. Wer die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts ins Schaufenster stellen will, muss sie an die Straßenfront rücken, ins Licht der Metropole.

Deshalb spricht alles für einen Museumsbau an der Neuen Potsdamer Straße, in der Lücke zwischen Kammermusiksaal und Neuer Nationalgalerie. Nicht nur wäre hier deutlich mehr Platz für die moderne Kunst als auf dem bisherigen Erweiterungsgelände. Das Kulturforum, dieses unförmige, schlecht erschlossene Museumsquartier, das drei der wertvollsten Sammlungen europäischer Kunst beherbergt, bekäme durch den Neubau endlich eine Form, es würde zu der Einheit, die es längst sein könnte, wenn die Berliner Senatsbauverwaltung ihre Planungsfehler nicht zu kulturpolitischen Dogmen erhoben hätte. Die schreckliche „Piazzetta“, jenes Trassen-Bollwerk, das den Eingang zur Gemäldegalerie versperrt und in Wahrheit das Dach eines darunter liegenden Parkhauses ist, könnte verschwinden und einem zentralen Museumsplatz weichen, mit dem auch die einsam an Stülers Baukunst erinnernde Matthäuskirche einen würdigen Rahmen bekäme.

In Berlin liegt die Kulturhoheit insgeheim beim Bund

Von der Vorstellung, die Stadt Berlin, die etwa drei Viertel der Brache an der „Alibar“ besitzt - der Rest gehört der Matthäuskirchgemeinde und einer Hamburger Steakhauskette -, könne dabei eine kreative Rolle spielen, muss man sich verabschieden. Schon lange ist die Kulturhoheit in der Hauptstadt bei allen wichtigen Projekten an den Bund übergegangen. Aber auch die vom Bund und den Ländern gemeinsam getragene Preußenstiftung täte gut daran, ihre Sprachregelungen zum Kulturforum zu überdenken.

Erst am vergangenen Montag hat der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer, bei einer Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus erklärt, der Bau der Gemäldegalerie sei „aus heutiger Sicht“ ein „Fehler“ gewesen. Wie will die Stiftung die Politik dafür gewinnen, Geld in neue Museumsbauten zu stecken, wenn sie sich nicht einmal zu ihren existierenden Häusern bekennt?

Die Zeit drängt. Anfang 2015 schließt die sanierungsbedürftige Neue Nationalgalerie, dann wandern ihre schon jetzt nur in Bruchstücken sichtbaren Bestände für drei Jahre ins Depot. Die geplante Vertreibung der Gemäldegalerie aus dem Kulturforum würde ein Übel durch ein noch größeres ersetzen. Statt sich an die Rochade-Phantasien der späten neunziger Jahre und die Raumordnungen Wilhelm von Bodes von 1904 zu klammern, sollte sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz endlich von der fixen Idee verabschieden, alle ihre Platzprobleme auf der Museumsinsel lösen zu können.

Das Kulturforum, diese Ruine der Berliner Stadtplanung, könnte dabei zum Ausgangspunkt eines neuen Gesamtkonzepts werden. Nur muss man es rasch entwickeln. Die Machbarkeitsstudie des Bundes ist dafür eine gute, vielleicht die letzte Gelegenheit.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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