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Berliner Mathematik-Professur : Männerdiskriminierung an der Humboldt-Universität

  • -Aktualisiert am

Man sieht es den Gleichungen oft gar nicht an, wer sie angeschrieben hat Bild: F1online

Bestenauslese oder Frauenförderung – das war die Frage bei der Besetzung einer Mathematik-Professur in Berlin. Jetzt kriegt keiner die Stelle, weil die Universität lieber verzichtet, als einen Mann zu berufen.

          Gegenwärtig studieren ungefähr so viel junge Frauen wie Männer, jeweils gut eine Million. Bei den Professoren ist das Gleichgewicht der Geschlechter aber längst nicht erreicht. Aufs Ganze gesehen, ist lediglich jeder fünfte Hochschullehrer weiblich. Aktuelle Zahlen von 2012 können das trübe Bild ein wenig aufhellen: Der Anteil von Frauen bei Habilitationen, also den traditionellen Hochschullehrerprüfungen, und Bewerbungen auf Professuren liegt bei rund einem Viertel, bei Berufungen bei knapp dreißig Prozent.

          Die Bildungspolitik will diesen Trend nachdrücklich verstärken. So ist die steigende Zahl von Forscherinnen ein Wettbewerbskriterium in den milliardenschweren „Exzellenzinitiativen“ des Bundes und der Länder. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere Wissenschaftsorganisationen haben sich verpflichtet, den Frauenanteil in den akademischen Hierarchien stufenweise zu erhöhen. Mit Unterstützung des Bundesbildungsministeriums fordert ein Netzwerk „Frauen in Wissenschaft und Forschung“ einen Stellenanteil für Professorinnen, der der Quote von Studentinnen im jeweiligen Fach entspricht.

          Ein Stellenstreit an der Berliner Humboldt-Universität (HU) zeigt indes, zu welchen Irrungen und Wirrungen das Ideal der Gleichstellung im real existierenden wissenschaftlichen Wettbewerb führen kann. Die HU hat vor anderthalb Jahren eine Professur für „Reine Mathematik“ ausgeschrieben, die sie jetzt aber offenbar gar nicht braucht. Denn trotz vierundvierzig männlichen und weiblichen Bewerbern aus dem In- und Ausland und einer fertigen Berufungsliste hat die Fakultät das Berufungsverfahren jüngst ergebnislos beendet.

          Prinzip der Wahscheinlichkeitsrechnung

          Das erstaunt umso mehr, weil die neue Stelle ausdrücklich der „Verbesserung der Studienbedingungen und der Lehre“, der Betreuung der Studierenden also, gewidmet war. Dafür gibt es einen besonderen Finanztopf des Bundes und der Länder. Konkret ging es an der HU um eine vorgezogene Neuberufung. Der bald ausscheidende Lehrstuhlinhaber und der oder die Neue sollten ab kommendem Wintersemester bis Frühjahr 2016 die wachsende Zahl von Studierenden im Doppel versorgen.

          Das Vorhaben war in der geschlechtsneutralen Stellenausschreibung für „Bewerber und Bewerberinnen“ allerdings mit dem „Ziel der Förderung der Chancengleichheit von Frauen“ verbunden. Dieser fast floskelhaft klingende Hinweis sollte laut Unileitung allerdings ein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Denn damit sei von vornherein „absehbar und rechtzeitig erkennbar“ gewesen, dass Männer keine Chance hätten, meint die Leiterin des Präsidialbüros im Nachhinein gegenüber einem verdutzten Beschwerdeführer. Also entweder eine Frau oder keiner.

          Diese An- oder Aussicht wurde auch gleich über weibliche Info-Kanäle verbreitet. „Ich hatte über Umwege gehört, dass auf einer Mailingliste für Frauen in der Mathematik stand, dass die Stelle nur für Frauen sei oder so was in der Art“, erklärt ein Bewerber aus England dieser Zeitung. Schließlich landete er auf dem dritten Listenplatz. Er habe einfach darauf vertraut, dass im Berufungsverfahren „rechtzeitig bemerkt wird, dass auch männliche Kandidaten laut Ausschreibung akzeptiert werden müssen.“

          Tatsächlich nahm die Auswahlkommission, die mit Professoren der HU und Auswärtigen besetzt war, „Andeutungen“ über eine hochschulamtliche Männerdiskriminierung, zur Kenntnis, „aber nicht zu Protokoll“, wie Teilnehmer berichten. Denn den meisten von ihnen erschien ein Abweichen von einer geschlechtsneutralen Bestenauslese „juristisch zu zweifelhaft“, wie der Freiburger Mathematiker Martin Ziegler dieser Zeitung erklärt. Er stellt klar: „An einem Verfahren, das männliche Bewerber benachteiligt, hätte ich mich nicht beteiligt.“ Dass am Ende jedenfalls ein Mann auf Platz eins kam, ist zumindest nach der Wahrscheinlichkeitsrechung kaum überraschend, weil sich ja viel weniger, nämlich nicht mehr als fünfzehn Frauen beworben hatten.

          Chancengleich heißt nicht vorrangig

          Dem Streit zwischen der Bestenauslese und Frauenförderung, zwischen der Auswahlkommission und der entscheidenden Fakultät liegt eine rein interne Anweisung der Universitätsleitung an alle Fachbereiche und Institutsdirektoren zugrunde. Danach sollen die Sondermittel für „vorgezogene Neuberufungen“ allein für erstplazierte Frauen zur Verfügung stehen. Im Ausschreibungstext für „Bewerber und Bewerberinnen“ steht das freilich nicht. Andernfalls wäre womöglich jemand direkt wegen Männerdiskriminierung vor Gericht gezogen. Denn das proklamierte „Ziel der Förderung der Chancengleichheit von Frauen“ ist keineswegs nur dann erreicht, wenn sie in jedem Falle den Vorrang vor Männern bekommen. Das Grundgesetz (Artikel 33) erklärt vielmehr „Eignung, Befähigung und fachliche Leistung“ zu den einzigen Wettbewerbskriterien beim Zugang in den öffentlichen Dienst.

          Viele Hochschullehrerinnen für Geschlechterstudien wollen diese Rechtslage auf Nachfrage lieber nicht kommentieren. Eine Ausnahme ist Susanne Ihsen, Professorin für „Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften“ an der Technischen Universität München. Sie erklärt klipp und klar: „Bei der Besetzung von Professuren steht immer die ,gleiche Qualifikation‘ im Vordergrund.“ Es könne mithin nur darum gehen, dass sich von Fall zu Fall „auch die besten Frauen bewerben“, nicht aber „um eine Förderung von Frauen zuungunsten einer ,Bestenauslese‘.“ Demnach kann allenfalls bei gleicher Eignung ein gutgemeinter Frauen-Bonus im Berufungsverfahren ausschlaggebend werden. Im konkreten Fall an der HU kamen vier Frauen und vier Männer in die engere Auswahl, ein Bewerber aus den Vereinigten Staaten wurde Erster, eine Kandidatin ebenfalls aus den Vereinigten Staaten Zweite.

          Der Pressesprecher der Humboldt-Universität, Hans-Christoph Keller, sucht die Nichtberufung des Besten und damit den Abbruch des Auswahlverfahrens mit dem Vorbild eines exklusiven „Professorinnenprogramms des Bundes und der Länder“ zu rechtfertigen. Diese Initiative unterstützt die „Gleichstellung“ der Geschlechter mit „bis zu drei Berufungen von Frauen“ je Hochschule, also in ganz engen Grenzen und nicht uferlos.

          Demgegenüber geriert sich die HU mit der Null-Toleranz für Männer auch beim ganz anderen Förderprogramm für eine verstärkte Lehre wie in einem Spiel ohne Regeln und Grenzen. „Das ist ein politisch gewolltes Prinzip“, bemerkt der HU-Sprecher. Mag sein, trotzdem ist es ein Foul, bei dem es für den Spielverderber, die Universitätsleitung, auch eine Rote Karte geben könnte. Statt dessen aber jetzt umgekehrt der Platzverweis für den Besten, die Zweitbeste und alle anderen männlichen und weiblichen Wettbewerber. Das war nichts anderes als eine bloße Tatsachenentscheidung, über die wie immer wenigstens gestritten werden darf.

          Quelle: F.A.Z.

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