22.02.2010 · Der letzte gescheiterte Masterplan liegt gerade einmal fünf Jahre zurück. Jetzt ist die Debatte ums Berliner Kulturforum neu entbrannt: Am besten wäre eine temporäre Bespielung des Ortes.
Von Andres LepikBerlin hat zurzeit zahlreiche Kulturbaustellen. Zum unendlichen Schlosstheater und der neuen Debatte um eine Kunsthalle (siehe auch: Kunst in Berlin: Fort mit dem weißen Karton) kommt das verschärfte öffentliche Klagen über den unwirtlichen Zustand des Kulturforums. Diese Klage gehört seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil des kulturpolitischen Smalltalks in der Bundeshauptstadt. Mitten ins Sommerloch 2009 hinein verkündete Staatssekretär André Schmitz, dass vor dem Hintergrund des anstehenden Umzugs der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel eine Neugestaltung des Kulturforums notwendig sei. Aber welcher Umzug? Unter dem waltenden Realismusprinzip des neuen Generaldirektors der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer, wird dieser in absehbarer Zeit nicht stattfinden.
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher kündigte nun am vergangenen Donnerstag einen Stufenplan an, nach dem zunächst ein großer Platz an der Philharmonie landschaftlich aufgewertet und für Events nutzbar gemacht werden soll. Am 23. Februar will sie die neuen Vorschläge gemeinsam mit verantwortlichen Architekten und Planern bei einem Bürgertreffen zur Diskussion stellen.
Wie soll es nun weitergehen? Der letzte gescheiterte Masterplan liegt gerade einmal fünf Jahre zurück. Der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann hatte ihn noch vor seiner Pensionierung bis 2004 eilig durchgeboxt. Er basierte auf der wahnwitzigen Idee, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einige ihrer besten Grundstücke am Kulturforum an private Entwickler übertragen würde. Diese hätten bestimmte schönheitschirurgische Maßnahmen wie die Neugestaltung des Eingangs der Gemäldegalerie durchführen müssen und im Gegenzug das Recht erhalten, hier kommerzielle Nutzungen anzusiedeln.
Inhaltlich bot dieser Masterplan wenig mehr als die Ergebnisse einer Planungswerkstatt des Senats von 1999, enthielt aber einige neue Bausteine, um das Gesamtkonzept von Scharoun mit den Stimmannschen Prinzipien aufzubrechen. Die Idee etwa, um die in der Nachkriegszeit rekonstruierte Matthäikirche herum wieder einen baulichen Rahmen zu legen, der an den städtebaulichen Kontext der Vorkriegszeit anknüpft, war ganz unverhohlener Revisionismus. Der damalige Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann fegte diesen absurden Plan kurzerhand vom Tisch, weil die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den dazu notwendigen Immobiliengeschäften unwägbare Risiken erkannte.
Aus allem Gleichgewicht
Und jetzt? Das eigentliche Drama des Kulturforums liegt darin, dass mit jeder neuen Planungs- und Expertenrunde der Öffentlichkeit gegenüber die Lösungsmöglichkeit eines Problems suggeriert wird, das sich den herkömmlichen Planungsstrategien seit Jahrzehnten widersetzt. Eine der Ursachen dafür scheint nicht zuletzt in der noch immer ungehobenen geschichtlichen Signifikanz des Ortes selbst zu liegen. Auf den Grundstücken des heutigen Kulturforums, bis hin zur südlichen Tiergartenstraße, standen bis vor dem Zweiten Weltkrieg großbürgerliche Wohnhäuser, in denen viele jüdische Familien lebten. Mit Albert Speers Planungen für die Nord-Süd-Achse wurden die Bewohner aus den Häusern verdrängt, viele enteignet und in Konzentrationslager verbracht.
Schon Speer konnte seinen Masterplan nicht vollenden. An der Stelle der Neuen Nationalgalerie stand noch bis in die sechziger Jahre Speers „Haus des Fremdenverkehrs“ als einziges Relikt dieser Mega-Planung. Scharouns Plan von 1964 für das Kulturforum verfolgte, analog zu den Ideen der ersten IBA von 1957, die Herstellung einer komplett entpolitisierten und enthistorisierten Stadtlandschaft. Aber schon dieser Plan wurde nicht wortgetreu ausgeführt, denn der vom Scharoun-Adepten Edgar Wisniewski überdimensioniert ausgeführte Kammermusiksaal brachte 1988 die Gegenüberstellung von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie aus dem Gleichgewicht. Rolf Gutbrods Plan von 1968 für den Komplex von Gemäldegalerie, Kunstbibliothek, Kupferstichkabinett und Kunstgewerbemuseum an der Westseite geriet schon vor der Ausführung in die Kritik und wurde während seines Baus zum Fragment. Damit kam die weitere Planung immer mehr in eine Schieflage.
Das 1983 durchgeführte „Internationale Gutachterverfahren Kulturforum“ beschloss die Vollendung des Kulturforums nach den neuen Plänen Hans Holleins, aber auch dieser Plan verschwand schon bald zusammen mit durchaus bemerkenswerten Alternativen von Alvaro Siza und Oswald Matthias Ungers in den Schubladen. Seit dem Fall der Mauer und dem neu entstandenen Potsdamer Platz ist es nicht mehr gelungen, die weitere Bauplanung am Kulturforum in eine konzeptionell einheitliche Richtung zu bringen. Dies scheint vor dem Hintergrund seiner hochkomplexen Baugeschichte und einer völlig veränderten urbanen und kulturpolitischen Gesamtsituation auch gar nicht mehr notwendig.
Die gebaute Versammlung
Es ist Zeit, sich endlich der Erkenntnis zu stellen, dass man einen solchen Masterplan nicht mehr erzwingen muss. Man kann das Kulturforum heute als die gebaute Versammlung von individuellen Einzelinstitutionen begreifen, die sich mit großem Erfolg den unterschiedlichen Aufgaben der Kulturproduktion und -vermittlung sowie der Wissenschaft widmen. Nach den Vorgaben des Scharounplans haben sie sich als eine Art Wagenburg um die leere Mitte angesiedelt.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre es also das Beste, man ließe die Staatlichen Museen einmal ohne die Senatshilfe neuer Masterpläne selbst über die erforderliche Verbesserung des Zugangs der Gemäldegalerie nachdenken - und das sollte möglichst unter Einbeziehung der beteiligten Architekten Hilmer und Sattler geschehen. Vielleicht könnte sich auch die Staatsbibliothek entschließen, den öffentlichen Durchgang zum Potsdamer Platz zu öffnen, wie es Renzo Piano in seiner Planung vorgesehen hatte. Damit wäre auch an dieser Seite eine kleine, aber in der öffentlichen Wirkung enorm wichtige Änderung geschaffen. Würde man dann endlich auch der Neuen Nationalgalerie einmal jene grundlegende Sanierung gewähren, könnten auch im Rahmen dieser Maßnahme wesentliche Akzente in Richtung Kulturforum gesetzt werden. All dies könnten richtungweisende Beiträge zu einer Gesamtverbesserung werden.
Die allumfassende, heilsversprechende Idee eines neuen „Masterplans“ sollte nach all den gescheiterten Anläufen von Albert Speer bis zu Hans Stimmann zugunsten der Strategie invasiver Maßnahmen und temporärer Interventionen aufgegeben werden. Warum nicht etwa in der Mitte des Kulturforums alljährlich einen Pavillon nach dem Vorbild des Serpentine Pavillons oder des Young Architects Program (YAP) am PS 1 in New York aufstellen und hier eine experimentelle Plattform für die jüngere Generation von Architekten in Berlin schaffen?
Berlin hat seinen immer noch legendären Ruf als Stadt der Architektur im Ausland nicht durch historische Rekonstruktionen, sondern durch den Mut zu kreativen Experimenten erlangt, den es mit den Bauten von Erich Mendelsohn über Daniel Libeskind bis hin zu Rem Koolhaas bewiesen hat.
„Das Abenteuer der Ideen“, die legendäre Ausstellung, die 1984 in der Neuen Nationalgalerie zur zweiten Internationalen Bauausstellung stattfand, setzte genau an der richtigen Stelle an: Das Kulturforum war und ist ein zentraler Ort des architektonischen Diskurses. Es ist Zeit, die gewachsenen Widersprüche dieses Ortes, seine unvollendete und zugleich auch unvollendbare Geschichte endlich als Chance anzunehmen und sich hier auf weitere Abenteuer einzulassen.