19.01.2007 · Ausgerechnet Berlins neuer Hauptbahnhof hielt dem Sturm nicht stand: Ein tonnenschwerer Stahlträger brach aus der Fassade und stürzte auf eine Eingangstreppe - ein Debakel für den Architekten.
Von Andreas PlatthausJetzt sind wir endlich überzeugt: Dieser Bau ist ein Kunstwerk. Also musste die 16. Kammer des Berliner Landgerichts dem Architekten Meinhard von Gerkan recht geben, als er die Bahn verklagte, weil das Unternehmen sich bei der Errichtung des neuen Hauptbahnhofs von Berlin nicht an seine Baupläne gehalten hatte. Was haben wir von Gerkan nicht alles über die Brillanz seines Entwurfs gehört. Aber hätte die Bahn doch nur mehr geändert! Vor acht Monaten wurde das jüngste Prunkgebäude der Bundesrepublik eingeweiht, am Donnerstag wurde es geschlossen. Es hat den Sturmtest nicht bestanden. Wozu auch? Es ist ja ein Kunstwerk. Wen interessiert da eine etwaige Nutzung?
Im Orkan vom Donnerstag ist an der obersten Kante eines der beiden Querriegel des Hauptbahnhofs ein zwei Tonnen schweres Bauelement aus der Fassade gebrochen und auf eine der Eingangstreppen gestürzt. In weiser Voraussicht war das Gebäude zuvor geräumt worden, sodass es keine Toten und Verletzten gab. Wie man von Seiten der Bahn erfährt, diente der abgestürzte Stahlträger keinerlei statischen Zwecken, sondern sollte nur das ästhetische Gesamtbild abrunden.
Neubau unter Denkmalschutz
Seit Kant wissen wir, dass interesseloses Wohlgefallen Grundlage jeder Ästhetik ist. Doch der Besucher des Berliner Hauptbahnhofs hat es schwer. Der Zugbetrieb im Hauptbahnhof lenkt auf erschreckende Weise von der wirklichen Hauptsache ab: der Architektur. Das wird nun anders. Die Vergänglichkeit als ästhetische Kategorie feierte in der modernen Kunst ohnehin schon Triumphe; hier aber hat sie ihren Höhepunkt erreicht. Die Konsequenz ist klar: Man sollte den jahrzehntelang bewährten Bahnhof Zoo wieder öffnen und den bröckelnden Neubau stilllegen und unter Denkmalschutz stellen, auf dass er irgendwann spektakulär über den dann hoffentlich zuvor für zig Millionen gemäß den ursprünglichen Plänen neu gestalteten Gewölben und Glasdächern zusammenbrechen möge.
Bis dahin aber würden wir uns wünschen, dass Meinhard von Gerkan schweige. Hat etwa das ausgehöhlte Skelett des Palastes der Republik oder irgendein anderer DDR-Protzbau dem Berliner Sturm nachgegeben und uns damit wenigstens die Abrisskosten erspart? Nein. Hat irgendeine der zahllosen westdeutschen Betonsünden ihren Ungeist im Orkan ausgehaucht, zumal in Städten, die weitaus härter vom Wetter betroffen waren als Berlin? Leider nicht. Nur der Hauptbahnhof ist im Kampf mit den Elementen unterlegen. Für den Architekten ein Debakel.
Mit der Stärkung des Urheberrechts von Architekten ist aus dem Blick geraten, dass es auch ein legitimes Recht des Auftraggebers geben kann: auf Funktionalität, womöglich gar eine nach den Vorstellungen des Bauherrn. Die Bahn, so hört man, schließt nach dem Urteil zugunsten von Gerkans bereits keine gängigen Architektenverträge mehr ab, sondern behält sich nunmehr ausdrücklich jede Änderung vor. So wird eine ganze kreative Branche zu Handlangern degradiert, obwohl ihre Mitglieder sich gerne als Künstler gerieren. Was wir aber brauchen, sind geschickte Handwerker, die auch Kunst am Bau wetterfest planen können. Darüber sollte Meinhard von Gerkan doch noch ein Wort verlieren.
Vorverurteilung als Aufhänger
Ivo Huber (jimmycarter1)
- 19.01.2007, 18:12 Uhr
Häme ist kein Journalismus
Andreas Lehmann (alm)
- 19.01.2007, 18:28 Uhr
gerkan soll schweigen
Michael Gehlhaar (miggehlhaar)
- 19.01.2007, 18:34 Uhr
Gerkan soll schweigen
Joerg' S (joerg51)
- 19.01.2007, 18:36 Uhr
zerstörtes Kunstwerk
Martin Dirks (MartinDirks)
- 19.01.2007, 18:45 Uhr
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
Jüngste Beiträge