07.12.2006 · Er könne jeden verstehen, wird Klaus Wowereit zitiert, der seine Kinder anderswo zur Schule schicke als in Kreuzberg und ähnlichen Problemkiezen. In Berlin hat sich daran jetzt eine groteske Scheindebatte entzündet.
Von Regina MönchKlaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, ist bekannt dafür, daß er unbekümmert sagt, was er denkt oder gerade fühlt. Das ist nicht immer zum Besten der Stadt, man erinnere sich nur an die hemdsärmeligen Statements nach dem Urteil des Verfassungsgerichts zu vermeintlicher versus tatsächlicher Finanznot der Hauptstadt.
Jetzt hat er in einem Fernsehinterview unmißverständlich über Schulen in Kreuzberg geredet und über Eltern, die um das Fortkommen ihrer Kinder bangen. Er könne jeden verstehen, wird der SPD-Politiker zitiert, der seine Kinder anderswo zur Schule schicke. Also zum Beispiel nicht im Wrangelkiez, wo Randalierer die Polizei schon mal in die Flucht schlagen und Messerattacken im Schulhaus am hellen Tag für Schlagzeilen sorgen.
Groteske Scheindebatte
So jüngst geschehen und seitdem bienenfleißig mit dem Mantel des Vergessens umhüllt. Zuverlässig empört sind darum jetzt die Reaktionen der professionellen Beschwichtiger auf Wowereits Worte. Die einen verlangen die unverzügliche Herstellung sozialer Gerechtigkeit, die anderen rufen nach „gleichermaßen guter Qualität in allen Schulen der Stadt“, die Wowereit gefälligst zu sichern habe. Berlins Innensenator Körting muß sagen, er würde seine Kinder durchaus nach Kreuzberg schicken. Was er natürlich nicht tut, wozu auch.
Anlaß dieser grotesken Scheindebatte waren sehr junge Tunichtgute, die sich kürzlich, auf frischer Untat ertappt, ihrer Verhaftung widersetzten, unterstützt vom hocherregten Volk auf der Straße. Hintergrund aber ist das wirkliche Leben, das Lehrern das Unterrichten erschwert und eben, genau wie der Bürgermeister sagt, Eltern dazu bringt, die Umzugskisten zu packen und in ruhigere Gegenden der Stadt zu ziehen.
Es fehlt ein offenes Wort
Darüber soll gefälligst geschwiegen werden, weil die Ursachen zu benennen als äußerst unkorrekt gilt. Denn die jungen Gewalttäter stammen, egal, wer das Gegenteil immer wieder behauptet, überwiegend aus türkischen und arabischen Migrantenfamilien. Viele sind nicht strafmündig, was bedeutet, daß sie spätestens am nächsten Tag wieder in der Schule sind. Dort, wohin auch die anderen, die braven, ganz normalen Kinder gehen. Die sich dann noch mehr fürchten als bisher, wenn ihre gewalttätigen Mitschüler damit prahlen, wen sie gerade wieder fertiggemacht haben, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.
In nicht nur einem Fall durften sie auf dem Schulhof mit einer Zeitung angeben, die ihren Krawall mit großem Bild und dicken Lettern aufgemacht hatte. Von den Opfern aber hört man selten. Eines, das immer wieder Erpressungen und Schlägen ausgesetzt war, zieht nun mit seiner Familie weg, aus einem anderen Katastrophenkiez dorthin, wo Leute wie der Innensenator tatsächlich ihre Kinder zur Schule schicken. Die direkt betroffene Lehrerschaft warnt davor schon lange, doch zu leise, weil man sie immer wieder diszipliniert. Und solange darüber nicht offen und unmißverständlich geredet wird, bleibt Eltern tatsächlich nur der Ausweg, den Klaus Wowereit formuliert hat.
So ist es.
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zerplatzende Multikultiträume
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