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Hauptstadt : Muss man ganz Berlin-Mitte sprengen?

  • -Aktualisiert am

Wenigstens die Graffiti sind garantiert Einheimische: Street-Art-Künstler in Berlin-Mitte Bild: Picture-Alliance

Erst kamen die Schwaben, dann guatemaltekische Kaffeebohnen und zuletzt die Fashion Week. In Mitte war mal viel möglich. Aber wenn man es hasst, dann bitte aus den richtigen Gründen.

          Ich wohne in Mitte. Als ich noch neu war in Berlin, klang dieser Satz verkehrt für mich, da fehlte doch, fiel das denn niemandem auf, ganz deutlich ein Artikel. In der Zwischenzeit habe ich mich daran gewöhnt, war jetzt auch nicht so schwer, ob man dagegen im oder am oder vielleicht sogar, was ich nicht glaube, obwohl es am logischsten erscheint, auf dem Prenzlauer Berg wohnt, ist mir bis heute nicht klar, weshalb ich vorerst in Mitte bleibe.

          Ausgesucht habe ich mir den Stadtteil aus Not. Als ich 1999 aus München herzog, konnte ich mir nicht vorstellen, wo in Berlin man leben wollen würde, die Größe der Stadt überforderte mich, und Mitte schien wenigstens gut gelegen. Klang auf jeden Fall zentral. Von dort aus wäre man immerhin zügig woauchimmer anders. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Mitte zu dieser Zeit besonders gefragt war. Eigentlich wohnten alle, die ich kannte, in Kreuzberg. Friedrichshain, hieß es damals, werde gerade schick (kam das eigentlich schon, frage ich mich gerade?).

          Heimweh nach München

          Ich platzte mitten in die große Welle der Rundum-Sanierung. „Hier fängt Ihre Wohnung an, müssen Sie sich vorstellen“, wurde ich bei der Besichtigung begrüßt, mein direkter Nachbar war eine Betonmischmaschine, den Mietvertrag unterschrieb ich in einer Art Schock. Drei bis vier Jahre später hatte ich gelernt, das Knattern von Presslufthämmern plausibel in einen Traum einzubauen, und konnte morgens etwas länger schlafen als bis sechs. Die Menschen auf meiner Straße trugen blaue Latzhosen, berlinerten so stark, dass es an Sprachbehinderung grenzte, und machten durchgehend gerade Pause.

          Ich weiß noch, dass ich vollkommen fassungslos war, als ich in diesen Jahren irgendwann mal über die Erbauung des Empire State Building las: die hatten das ganze Ding, Gesamthöhe 381 Meter, in 18 Monaten hochgezogen; in einem besonders produktiven Monat, dem September 1930, hatte man vierzehn Stockwerke geschafft. Als meine Straße eines unwahrscheinlich schönen Tages doch endlich fertig war, wurde sie sofort wieder aufgerissen und noch mal gemacht. Ich vermisste München, bis München nahezu komplett nach Berlin gezogen war. Auch Memmingen und Kempten schienen von Mitte aus leer.

          Als es noch richtige Clubs gab

          Und dann änderte sich etwas, auf einmal galt mein Stadtteil als cool. Im Herbst 1999 zog die Politik aus Bonn hierher, daran kann es nicht gelegen haben, eher schon trug Diedrich Diederichsens Buch „Der lange Weg nach Mitte“ dazu bei, das im selben Jahr erschien, jedenfalls erinnere ich mich, dass über den Titel häufig geredet wurde, und zwar so, als hätte der Autor etwas Entscheidendes damit entdeckt. Mitte – das schien jetzt für etwas zu stehen. Und dieses Etwas hatte mit Subkultur zu tun und mit Nacht und mit Freiheit, mit allem also, was etwa genau in dieser Sekunde aus diesem Stadtteil verschwand, aber jetzt gab es einen Markennamen, der sich in alle Welt verkaufen ließ.

          Wenn es darum geht, den Charme oder die Dekadenz oder das Legendäre dieser Nächte im vergangenen Mitte heraufzubeschwören, wird heute oft der Club „Pogo“ im Hof der Kunstwerke in der Auguststraße erwähnt. Dabei stand man damals halt meistens nur in einem Hof herum, und es war Sommer, weshalb alle gute Laune hatten. (Mythos ist, wie jeder weiß, der schon mal in Griechenland war, nichts anderes als ein gutes Bier.) Klar, damals gab es sogar noch Clubs in Berlin-Mitte, richtige Clubs, in denen man tanzen konnte, weshalb der Stadtteil für Menschen, die morgens nicht pünktlich irgendwo sein mussten, interessant war. Es lebten auch Künstler hier, zum Teil dieselben wie heute noch, nur waren sie damals noch keine mittelalten Millionäre. Aber ganz ehrlich, mehr war es nicht. Und dann ist es immer weniger geworden.

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