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Beihilfe zum Suizid Das Kuckucksei im Ärzte-Nest

Die Mehrheit der Ärzteorganisationen, einschließlich des Weltärztebundes, ist gegen die Beihilfe zum Suizid. Ob dieser Konsens in Deutschland aufgekündigt werden soll, muss der Ärztetag in Kiel entscheiden. Lockerungstendenzen gibt es schon.

© dpa Vergrößern Suizidhilfe als Kann-Leistung? Ärzteverbände stehen vor einer grundsätzlichen Diskussion

Die Bundesärztekammer hat bei der Überarbeitung ihrer Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung vom Januar dieses Jahres den Prozess der Auflösung ihrer Prinzipien angestoßen (siehe Sterbehilfe: Soll es noch ein ärztliches Ethos geben?). Der Versuch einer Rechtfertigung durch den Präsidenten der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe und zweier Mitglieder der Ethikkommission der Bundesärztekammer, Volker Lipp und Alfred Simon, ändert daran nicht (siehe Sterbehilfe: Das ärztliche Ethos bleibt intakt). Ihre Ansicht, die neue Version lasse das ärztliche Ethos intakt, kann nicht überzeugen.

Worum geht es? Bislang galt die Assistenz bei der Selbsttötung von Patienten als nicht vereinbar mit der ärztlichen Ethik. Angesichts einer immer wieder aufflammenden Diskussion um die Beihilfe zur Selbsttötung kündigte Hoppe schon vor Jahresfrist an, die Grundsätze seien zu revidieren. Doch habe man nach eingehender Prüfung bei der Überarbeitung bisher gültige Positionen nicht angetastet. Das gelte insbesondere für die Abgrenzung ärztlicher Pflichten bei der Sterbebegleitung von der Tötung auf Verlangen und der Beihilfe zum Suizid.

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Beiläufige Verkehrung in das Gegenteil

Nur steht es so nicht mehr in den Grundsätzen drin. Dort kann man lesen: Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe. Bislang hatte es geheißen, die Beihilfe zum Suizid widerspreche dem ärztlichen Ethos. Dem unbedarften Leser mag der Unterschied nicht gleich ins Auge springen. Der wird leicht einsichtig, wenn man an die Ärzten geläufige Unterscheidung von unabdingbaren Behandlungspflichten und darüber hinausgehenden Gesundheitsleistungen erinnert. Ärzte sind verpflichtet, ihren Patienten Hilfeleistungen entsprechend ihrer Kunst und den Regeln des Sozialgesetzbuches anzubieten. Diese Dienste werden von den Kostenträgern erstattet. Darüber hinaus dürfen sie individuelle Gesundheitsleistungen (IgeL) gegen Barzahlung anbieten. Die fallen unter die Kategorie: muss man nicht, kann man aber machen. Wie eben jetzt auch die Suizidhilfe.

Längst regt sich Widerstand gegen die verordnete Änderung des ärztlichen Selbstverständnisses. Einige Landesärztekammern wollen die Formulierung in den Grundsätzen rückgängig machen. Der wichtigste Zusammenschluss von Krebsmedizinern, die Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie unter Leitung von Ulrich Kleeberg, hat sich in einem offenen Brief gegen den Versuch ausgesprochen, die ärztliche Ethik beiläufig in ihr Gegenteil zu verkehren. Dem nächste Woche in Kiel stattfindenden Ärztetag wird ein Vorschlag zur Änderung der Musterberufsordnung vorgelegt werden, die Ärzten die Suizidbeihilfe untersagen soll.

Die Betroffenen brauchen Hilfe zum Leben, nicht zum Sterben

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Veröffentlicht: 26.05.2011, 08:20 Uhr

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Von Helmut Mayer

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