25.09.2008 · Vier Wochen sind wenig Zeit, um ein Buch zu überarbeiten und zu drucken. Jetzt wird Kurt Becks Autobiographie sogar noch zwei Wochen früher veröffentlicht als angekündigt. Die Hast hat Spuren der Bearbeitungsstufen hinterlassen: fast das Interessanteste an diesem Buch.
Von Andreas PlatthausHochachtung könnte man einem Verlag wohl nicht versagen, dem vier Wochen vor dem geplanten ersten Verkaufstag der Autobiographie eines Spitzenpolitikers das Schicksal den Streich spielt, dieses Leben in völlig neue Bahnen zu lenken, und dem es trotzdem gelänge, das Buch pünktlich (und aktualisiert!) in den Handel zu bringen. Aber was soll man erst dazu sagen, wenn es dann sogar noch schneller (und aktualisiert!) erscheint? So geschehen im Falle der ursprünglich für den 6. Oktober angekündigten Autobiographie von Kurt Beck, der bis zum 7. September noch SPD-Vorsitzender war. „Ein Sozialdemokrat“ erscheint an diesem Donnerstag, und man mag sich schon fragen, ob Beck seit seinem bitteren Rückzug noch andere Dinge gemacht haben kann, als an diesem Buch zu redigieren.
Nun hat er es nicht selbst geschrieben. Das tat auf der Grundlage intensiver Gespräche mit Beck die „Cicero“-Parlamentskorrespondentin Martina Fietz. Deren journalistische Kompetenz ist der Überarbeitung zugute gekommen: Nur einmal ist von Beck als SPD-Chef noch im Präsens die Rede („Für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen ist mein Ziel als Parteivorsitzender“). Schon auf der ersten Seite wird das ursprüngliche Motiv, „meine Handlungsweise und meine Überzeugungen, die in der Hauptstadt offenbar schwer vermittelbar sind“, dadurch besser verständlich zu machen, dass im Buch der Weg zum SPD-Vorsitz geschildert wird, um den Satz ergänzt: „Inzwischen handelt es sich auch um einen Weg aus dem Amt hinaus.“ Über den allerdings erfährt man nichts, was man nicht schon gewusst hätte. Nur wie sehr Beck Frank-Walter Steinmeier schätzt, das ist überraschend. Und auch, wie heikel das Verhältnis zu Franz Müntefering sein muss, dessen Äußerung, man solle, wenn schon, in Hessen gleich eine Koalition mit der Linkspartei eingehen, hier genüsslich kolportiert wird.
Das Motto des Maurers
Wie in Politiker-Autobiographien üblich, wird die Bodenständigkeit betont und eine wichtige Erfahrung geschildert, die dann prägend für den Lebensweg geblieben sein soll. Im Falle des mit seinem Vater, einem Maurer, auf dem Bau malochenden jungen Beck ist das die Einsicht: „Was man anfängt, bringt man mit Anstand zu Ende.“ Es ist leicht vorstellbar, dass der Abgang vom 7. September diesem Ideal nicht ganz entsprochen haben kann.
Dicker ist das Buch durch die aktuellen Entwicklungen nicht geworden: Die nun publizierten, großzügig gesetzten 205 Seiten liegen sogar noch etwas unter der früheren Ankündigung, und am Ende ist der Ausblick aufs Wahljahr 2009 mit seinem Überblick zu den denkbaren Koalitionspartnern offenbar unverändert stehengeblieben. Da erst merkt man, dass dieses Buch von Kurt Beck doch noch im Gefühl begonnen worden sein muss, die Kanzlerkandidatur sicher zu haben, und gleichzeitig kann man in den Respektbezeigungen für Steinmeier wohl Bearbeitungsstufen erkennen, die parallel zum Loslösungsprozess von dieser Erwartung entstanden sind. Das Kapitel „Ein schlagkräftiges Team“ über Becks Stellvertreter im SPD-Vorsitz steht ähnlich anachronistisch da. Das jüngste Geschehen findet sich dagegen nur in der Einleitung wiedergegeben, und viel weiter werden die meisten Käufer deshalb wohl auch nicht lesen. Machen wir uns nichts vor: Es ist eben das Buch eines Abstiegs.
Ursache und Wirkung
carsten jung (cjung)
- 25.09.2008, 15:46 Uhr
Autobiographie?
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 25.09.2008, 16:21 Uhr
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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