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Bahn-Chef Mehdorn : Wir Bahner brauchen keine neue Ausstellung, wir haben eine

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Diese Gleise führten in den Tod: Ausschwitz am Holocaust-Gedenktag 2005 Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In Frankreich war sie auf Bahnhöfen zu sehen, doch der deutsche Bahn-Chef will die Ausstellung „11.000 jüdische Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod“ nur im Museum zeigen. Hartmut Mehdorn über die Erinnerungspolitik seines Unternehmens.

          In Frankreich war sie auf Bahnhöfen zu sehen, doch der deutsche Bahn-Chef will die Ausstellung „11.000 jüdische Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod“ nur im Museum zeigen. Hartmut Mehdorn über die Erinnerungspolitik seines Unternehmens.

          Herr Mehdorn, warum wollen Sie keine Ausstellung über die Deportation der europäischen Juden auf deutschen Bahnhöfen zulassen?

          Auf Bahnhöfen herrscht Hast und Eile. Es sind keine Orte für ein derart ernstes Thema wie den Holocaust. Es kann dort keine seriöse, tiefgehende Befassung mit solch einem Thema geben. Wir kennen unsere Verkehrsstationen und die Menschen, die sich dort aufhalten. Ich bin sogar geneigt zu sagen, wenn man es doch täte, wäre das kontraproduktiv. „Shock and go“ funktioniert nicht mehr.

          Bahn-Chef Mehdorn: „'Shock and go' funktioniert nicht mehr”

          Gehört der Holocaust ausschließlich ins Museum?

          Nein, das zu behaupten wäre falsch. Ich sage nur, eine Ausstellung zum Thema Holocaust gehört nicht auf eine Verkehrsstation, wo es laut, hektisch und eng ist.

          Nun hat Ihnen Bundesverkehrsminister Tiefensee entgegengehalten, die Bahn habe ja auch eine Ausstellung von Pressefotos aus Kriegsgebieten auf den Bahnhöfen zugelassen.

          Diese Ausstellung war ein Fehler. Aber das haben wir schon lange vor der derzeitigen Diskussion erkannt, und die Schau mit den Pressebildern findet nicht mehr statt. Allzu ernste Themen werden auf dem Bahnhof nicht die Resonanz finden, die sie verdienen.

          Warum soll deutschen Bahnreisenden nicht zuzumuten sein, was in Frankreich funktioniert hat, wo die Ausstellung „11.000 jüdische Kinder - Mit der Reichsbahn in den Tod“ von Beate Klarsfeld auf achtzehn Bahnhöfen der SNCF zu sehen war?

          Ich bestreite, daß es in Frankreich so überzeugend funktioniert hat. Auch da sind die Leute eher passiv an der Ausstellung vorbeigelaufen, ohne Vertiefung, ohne didaktische Anleitung. Ich halte das für nicht gelungen. Aber ich will gar nicht über Frankreich reden, dort gibt es eine ganz andere Geschichte des Umgangs mit der Erinnerung an den Holocaust.

          Wegen Ihrer ablehnenden Haltung ist Ihnen vorgeworfen worden, Sie scheuten die Auseinandersetzung mit der Verstrickung der Reichsbahn in den Völkermord.

          Wir haben nichts zu verstecken. Wir haben uns, im Vergleich mit anderen großen Unternehmen, geradezu vorbildlich mit unserer Vergangenheit beschäftigt. Wir haben eine Verantwortung und nehmen die auch sehr offensiv an. Da muß uns niemand belehren. Das machen wir aus innerer Überzeugung. Deshalb fördern wir die Initiative unserer Auszubildenden „Bahn-Azubis gegen Haß und Gewalt“. Deshalb haben wir uns am Zwangsarbeiter-Fonds beteiligt. Deshalb haben wir ein eigenes Mahnmal in Berlin. Und deshalb haben wir die Produktion des Spielfilms „Der letzte Zug“ unterstützt, der morgen in die Kinos kommt.

          Der Verkehrsminister hat Gespräche mit Jan Philipp Reemtsma geführt, der bereit wäre, eine Ausstellung zu kuratieren, sofern sie nicht auf die Transporte französischer Juden beschränkt wird und sofern sie auf Bahnhöfen gezeigt werden kann. Reemtsma steht als Historiker nun gerade nicht für Ausstellungen nach dem Motto „shock and go“.

          Wir Bahner brauchen keine neue Ausstellung. Wir haben eine Ausstellung, im Bahnmuseum in Nürnberg. Die ist wirklich gut, erstellt von renommierten Wissenschaftlern. Zweihunderttausend Menschen sehen die jedes Jahr, dazu gibt es Kataloge und Dokumentationen. Das einfach abzutun, zu behaupten, da werde etwas in eine Museumsecke abgeschoben, das lasse ich nicht zu. Deshalb stört uns auch das Verfahren, das Frau Klarsfeld gewählt hat. Sie hat ja nie mit uns über ein gemeinsames Projekt gesprochen. Sie wollte uns ihre Ausstellung diktieren, und als wir das abgelehnt haben, mußten wir in der Zeitung lesen, wir versuchten, die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu verdrängen. So geht es nicht.

          Gleichwohl haben Sie jetzt eine Wanderausstellung zur Verstrickung der Bahn angekündigt.

          Ja, wenn nun verstärkt der Wunsch geäußert wird, unsere Nürnberger Ausstellung solle mobil sein, dann machen wir die mobil. Dann stellen wir Schilder in den Bahnhöfen auf, zweihundertfünfzig oder fünfhundert Meter von hier ist eine Ausstellung über die Beteiligung der Reichsbahn am Holocaust zu sehen.

          Die Nähe zum Bahnhof stört Sie nicht?

          Nein, überhaupt nicht. Wir wollen sie nur nicht auf der Verkehrsstation selbst haben. In unmittelbarer Nähe vieler Bahnhöfe aber gibt es geeignete Orte für eine Ausstellung, die werden wir nutzen, auch dafür werben und genau das tun, was wir auch in Nürnberg tun: Schulklassen einladen, Lehrer informieren und ihnen qualifizierte Führungen anbieten.ANTWORT: Das kann schon im nächsten Jahr losgehen. Derzeit lassen wir unser Konzept noch einmal von Fachleuten prüfen, mit denen wir seit langem zusammenarbeiten. Natürlich wollen wir, daß die Ausstellung noch besser wird. Und wer uns dabei hilft, ist willkommen. Auch Frau Klarsfeld. Auch Herr Reemtsma. Aber es bleibt unsere Ausstellung.

          Kann es sein, daß Sie unterschätzt haben, wie heikel Geschichtsdebatten in Deutschland unvermeidlich sind? War es nicht ein Irrtum zu glauben, Sie könnten als Bahnchef allein darüber entscheiden, ob eine Holocaust-Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen gezeigt werden soll?

          Überhaupt nicht. Es war mir von Anfang an klar, daß hier der Versuch unternommen wurde, einen Skandal herbeizureden. Aber das wird nicht gelingen. Die Deutsche Bahn behält sich das Recht vor, selbst zu entscheiden, wie wir mit der Vergangenheit verantwortlich umgehen.

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