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Veröffentlicht: 18.05.2012, 13:37 Uhr

Automatisierungsdividende für alle Roboter müssen unsere Rente sichern


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Gelähmte steuern Roboter-Arm kraft ihrer Gedanken © dpa Vergrößern Künstliche Intteligenz im Alltag: Ein Roboterarm greift nach einer Flasche. Der Arm kann durch ein im Gehirn eingesetztes Implantat - und zwar allein mit der Kraft der Gedanken - gesteuert werden

Ein extremes Beispiel für die kommenden Hochgeschwindigkeitsveränderungen ist die automatische Erstellung von journalistischen Texten aus strukturierten Daten. Eine kleine Handvoll Startups - am bekanntesten ist die Firma Narrative Sciences - hat eine Marktlücke erkannt, die durch Fortschritte bei der algorithmischen Textverarbeitung in Kombination mit der immer weitergehenden Verfügbarkeit von digitalen Rohdaten entstand. Sportreportagen etwa lassen sich aus den von spezialisierten Dienstleistern bereitgestellten, in standardisierten Formaten verfügbaren Daten über Spielverlauf, beteiligte Spieler, Statistiken, Schiedsrichterentscheidungen bestens durch schöne neue Verfahren generieren.

Algorithmen schreiben für Algorithmen

Dabei ist das Ergebnis nicht schlechter als das eines durchschnittlichen menschlichen Sportredakteurs, der den Spielbericht aus den gleichen Rohdaten erstellt. Aus Millionen archivierter Sportreportagen mit den dazugehörigen computerlesbaren Spielverlauf-Daten entstand eine Datenbank von Formulierungen und sprachlichen Wendungen zu den jeweiligen Geschehnissen, die zu einem kohärenten Narrativ zusammengefügt werden - entlang des jeweiligen Spielverlaufes. Dabei sorgen Qualitätssicherungsalgorithmen dafür, dass sich Formulierungen nicht zu häufig wiederholen, formelhafter Stil vermieden wird und immer grammatisch und sprachlich einwandfreie Sätze entstehen. Die Methoden lassen sich auch auf andere Journalismusbereiche anwenden, die im Wesentlichen auf standardisierten Daten beruhen, etwa Börsenberichte und Unternehmensnachrichten.

Ein bizarrer Seiteneffekt: Die von den Textsynthese-Algorithmen erstellten Meldungen über Unternehmen und den Handelsverlauf an der Börse werden wiederum von automatischen Börsenhandelssystemen erfasst und analysiert, die daraus eigentlich Indikatoren über die Stimmung am Markt ableiten sollen. Die aus den automatisch erstellten Börsenmeldungen extrahierten Daten fließen so wiederum in die algorithmischen Handelsaktivitäten ein: Algorithmen schreiben für ein Publikum der Algorithmen.

Machtübernahme der künstlichen Intelligenz

In seinem aktuellen Roman „Fear Index“ (der Titel der deutschen Ausgabe lautet, indexlos: „Angst“) reflektiert der in der Wissenschaft gut informierte Robert Harris darüber, wie die durchgehende Digitalisierung, die Vernetzung, das Effizienzdenken, das Streamlining und Outsourcing die Voraussetzungen für den nächsten großen Schritt, die vollständige Automatisierung schaffen. Das Motto der Börsenfirma, von der Harris erzählt: „The company of the future will have no paper. The company of the future will have no inventory. The company of the future will be entirely digital. The company of the future has arrived.“

Bei Harris gerät, in literarischer Überspitzung - deutlich entfernt vom heute technisch Möglichen - ein schmalbandig intelligentes Börsenhandelssystem so außer Kontrolle, dass es die Menschen, die es erbaut haben, manipuliert und jeden Widerstand gegen seinen intendierten Zweck, maximalen Profit zu erwirtschaften, brutal aus dem Weg räumt. Es kann auch ganz ohne menschliche Einmischung arbeiten, um seine einmal programmierte Aufgabe zu erfüllen. Die „Fear Index“-Parabel kondensiert so den zentralen Konflikt der kommenden Jahre: Wieder einmal werden die ökonomischen und politischen Strukturen der Gesellschaft inkompatibel mit dem Stand der Technologie. Nach der Machtübernahme der künstlichen Intelligenz bei Harris lautet das Motto der Firma dann folgerichtig: “The company of the future will have no workers. The company of the future will have no managers. The company of the future will be a digital entitiy. The company of the future will be alive.“

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Glosse

Zukunftsmusik

Von Jan Brachmann

Auf dem alten Pfanni-Gelände soll der neue Konzertsaal Münchens gebaut werden. Doch erst mal erklingen an dieser Stelle andere Töne: Das Festival „Stars and Rising Stars“ kokettiert mit Arroganz und Kirschwasser. Mehr 0

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