29.01.2009 · Zwei Tage vor seiner Rehabilitierung durch den Papst hat sich Richard Williamson, der von Lefebvre zum Bischof geweiht worden war, als Propagandist der Auschwitz-Lüge erwiesen. Wie verbohrt, unbelehrbar, boshaft muss jemand sein, um zu behaupten, dass nie ein Jude in einer Gaskammer starb?
Von Jürg Altwegg, GenfRené Girard und Rémi Brague, Olivier Py, Sylvie Germain, Paul Thibaud und auch Jean-Luc Marion: die Liste ist lang, und die Namen, die auf ihr stehen, bürgen für Maß, Vernunft und Verantwortung. Auch der prominente Jesuit Paul Valadier, der lange die Zeitschrift „Etudes“ leitete, ist dabei. Mehrere Mitglieder der Académie Française. Als Unterzeichner von Petitionen sind sie nie in Erscheinung getreten. Jetzt haben sie in der Wochenzeitschrift „La Vie“ (das Leben) einen „Appell der katholischen Intellektuellen“ veröffentlicht: „Kein Negationismus in der Kirche.“
Sie sind nicht nur katholisch – die meisten von ihnen sind konservativ. Und das will in diesem Zusammenhang durchaus etwas heißen. Es sind die – weltlichen oder geistlichen – französischen Intellektuellen, die sich über die Wahl von Papst Benedikt freuten. Die wissen, welche bedeutende Rolle Joseph Ratzinger im französischen Katholizismus spielte, als es darum ging, die Folgen des Mai 68 zu überwinden. Ihn hatte die Kirche als Katastrophe fast schon in den Ausmaßen der Großen Revolution erlebt.
Bei der Auschwitz-Lüge hört jede Toleranz auf
Ratzinger war die zentrale Figur der theologischen Erneuerung. René Girard unterstützt ihn in seinem Bemühen, den Relativismus zu bekämpfen und zu überwinden. Nicht alle Religionen sind gleich, sagt Girard. Der Relativismus, der im Zentrum des Achtundsechziger-Denkens steht, ist auch das Kernproblem der zeitgenössischen Philosophie: Nicht alle Werte, Ideen, Meinungen sind gleich und gleichwertig. Gerade deswegen hat Girard den „Aufruf gegen den Negationismus in der Kirche“ unterschrieben. Man muss ihn durchaus als Petition des Protests gegen den Papst lesen. Formuliert haben ihn seine verlässlichsten Verbündeten in der Welt der Intellektuellen.
Benedikts französische Freunde loben das historische Bewusstsein des Papsts. Sie anerkennen seine Bemühung zur Überwindung des Schismas. Eine Geste der Versöhnung und Befriedung muss keine Anerkennung sein. Bei der Auschwitz-Lüge aber hört jede Toleranz auf. Als ihr Propagandist hat sich Richard Williamson, der 1988 in Ecône von Lefebvre zum Bischof geweiht worden war, zwei Tage vor seiner Rehabilitierung durch den Papst erwiesen. Wie verbohrt, unbelehrbar, boshaft muss jemand sein, um zu behaupten, dass nie ein Jude in einer Gaskammer starb?
Triumph des Relativismus
In Frankreich ist die Empörung deshalb so groß, weil die Frage des Negationismus längst zu einer intellektuellen Lackmusprobe geworden ist. Unverbesserliche Faschisten hat es immer gegeben. Brisant wurde die Frage der Gaskammern erst, als sich die radikale Linke ihrer annahm. Alain Finkielkraut und andere haben die Zusammenhänge aufgezeigt. Das Leugnen der Gaskammer erlaubte es, in Zeiten der Marxismuskritik und des Antitotalitarismus den revolutionären Überzeugungen treu zu bleiben. Jede Selbstkritik zu vermeiden, weiter den GULag kleinzureden und ungerührt an das unbefleckte Dogma zu glauben. Der Kurzschluss der linken Utopisten mit den rechtsextremen Auschwitz-Leugnern (Rassinier, Faurisson) erfolgte, als der Niedergang des Marxismus und der Revolution begann. Der Werdegang des stalinistischen, marxistischen, christlichen, grünen und schließlich islamistischen Philosophen Roger Garaudy, der zum tumben Negationisten wurde, illustriert die ideologische Verwirrung.
Mitverantwortlich ist aber auch der Triumph des Relativismus in der Philosophie: Es gibt keine objektive Wahrheit – auch keine historische. Die Existenz der Gaskammer wird zur privaten oder politischen Ansichtssache. Tatsächlich hat das kontraproduktive Gesetz, das die Auschwitz-Lüge unter Strafe stellt, diesen Aspekt verschärft. Die Negationisten fühlen sich als mutige Streiter für die unterdrückte Meinungsfreiheit.
Der Papst aber darf die Schleusen nicht öffnen
Viele haben damit in Frankreich provoziert. Le Pen und sein Parteigenosse Bruno Gollnisch. Der antirassistische schwarze Komiker Dieudonné verbündete sich an Weihnachten mit dem mehrfach bestraften Faurisson und verlieh diesem vor mehreren tausend Besuchern einen Preis der politischen Unkorrektheit, überreicht von einem Juden in KZ-Kleidung. In letzter Zeit ist die Gaskammer ein bisschen vom 11. September verdrängt worden. Ihn umranken die neueren Verschwörungstheorien. Zu deren eifrigen Anhängern Bischof Richard Williamson ebenfalls gehört. „Kein Flugzeug hat die Twin Towers zerstört“, erklärt er. Er hält das Attentat für „die größte Lüge des Jahrhunderts“.
Die Versöhnung mit den Juden, die René Girard dem deutschen Papst hoch anrechnet, war für die Kirche ein schmerzhafter Prozess. Und nach zwei Jahrtausenden schwieriger als die antitotalitäre Aufklärung der Linken. Man mag den Pius-Brüdern ihre Folklore lassen und auch die Messe auf Lateinisch nicht verbieten. Aber an diesem extremen Rand der Kirche, im Sumpf der unbelehrbaren Ultratraditionalisten, blieb der Antisemitismus latent präsent. Ihre Geisteshaltung führt in direkter Linie zurück zur Action Française, zu Pétains Katholizismus und zur Dreyfus-Affäre. Gott mag jeder verirrten Seele gnädig sein. Der Papst aber, sein Stellvertreter auf Erden, darf die Schleusen nicht öffnen.