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Ausblick der F.A.Z.-Kulturkorrespondenten Anderswo passiert auch was

 ·  Was 2009 in China, Russland, England, Frankreich, Italien, Spanien oder den Vereinigten Staaten das Kulturleben beschäftigt hat, haben unsere Korrespondenten täglich berichtet. Was aber wird aus 2010? Was plant das Ausland?

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Was 2009 in China, Russland, England, Frankreich, Italien, Spanien oder den Vereinigten Staaten das Kulturleben beschäftigt hat, haben unsere Korrespondenten täglich berichtet. Was aber wird das für 2010 bedeuten? Was steht uns bevor?

CHINA
Die Folgen des Klimagipfels

Die Weltausstellung in Schanghai könnte dieses Jahr auf andere Weise die neue Rolle der Entwicklungsländer demonstrieren, als der Veranstalter das ursprünglich im Sinn hatte. Eigentlich wollte China auf der Expo seinen Anspruch unterstreichen, Pate der Dritten Welt und damit Hauptmotor einer globalen Umgestaltung zu sein, bei der nicht mehr der Westen das letzte Wort hat. Durch einen Fonds über hundert Millionen Dollar wird mehr Entwicklungsländern denn je die Teilnahme ermöglicht, und mit besonderer Fürsorge kümmert sich der Gastgeber um den afrikanischen Pavillon. Doch auf dem Klimagipfel in Kopenhagen ereignete sich ein dialektischer Umschlag, der China noch lange beschäftigen dürfte: Während das Land dem Westen gegenüber seine Macht so offensichtlich und offensiv wie nie zuvor erweisen konnte, bekam es gleichzeitig den unerwarteten Widerstand einer ganzen Reihe von Entwicklungsländern zu spüren, die die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit dem gleichen Maß wie die der Industrieländer messen wollten. Pekinger Staatsmedien bezeichnen die Abstimmung mit diesen Ländern daher nun schon als eine der größten Herausforderungen für 2010; weniger der Westen als die bröckelnde Gemeinsamkeit gegenüber dem Westen macht ihnen Sorge - während Europa, etwa in seinen Klimaverhandlungen, jetzt gerade auf die Verschiedenheit der nationalen Perspektiven setzen will. Die nachwestliche Ordnung, in der die frühere Dritte Welt durch die Schwellenländer einen ungekannten Einfluss hat, scheint unübersichtlicher zu werden, als China bisher ahnte. Mark Siemons

SPANIEN
Verteilungskämpfe in Kunst und Kultur

Es ist langweilig, aber unausweichlich: Das Thema des Jahres 2010 in Spanien wird die Arbeitslosigkeit sein. Nicht „die Krise“, das Finanzsystem, die Ersparnisse, sondern die schlichte Frage des würdigen Überlebens mit bezahlter Beschäftigung. Bis vor zwei Jahren gehörte Spanien zu den am kräftigsten wachsenden Wirtschaften der Europäischen Union. Seitdem ist das Land, das in hohem Maß von der Bau- und Immobilienbranche abhängt, sehr tief gefallen. Als die Europäische Kommission für Spanien vor knapp einem Jahr eine Arbeitslosenquote von 16,1 Prozent für 2009 und 18,7 Prozent für 2010 vorhersagte, sah die Zapatero-Regierung das Ganze noch in viel milderem Licht.

Heute, bei rund 4,5 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von weit über neunzehn Prozent, wissen wir, dass auch die schlimmen Zahlen aus Brüssel das Ausmaß der Krise nicht erfasst haben. Und so wird 2010 in Spanien nicht unbedingt das Jahr des Mitleids, sondern erbitterter Verteilungskämpfe sein, auch im Bereich von Kunst und Kultur. Eine achtlose Bemerkung aus dem Kulturministerium über Subventionsabbau bei Filmfestivals hat den ganzen Sektor in helle Aufregung versetzt; viele Gemeinden haben die Ausgaben für ihre volkstümlichen Fiestas, eine der ersten Einnahmequellen im Tourismus, weit heruntergefahren; und in der Übergangsphase vom verkäuflichen Tonträger zum kaum kontrollierbaren Download sind spanische Sänger und Musiker auf die Straße gegangen, um den minimalen Respekt vor dem Urheberrecht zu fordern, das ihre schöpferische Leistung schützt. Nichts von alldem wird 2010 besser werden. Bleibt nur, auf Kunstwerke zu hoffen, die uns die Zahlen vergessen lassen. Paul Ingendaay

RUSSLAND
Folter im Namen der Staatsgewalt

Im abgelaufenen Jahr erreichte in Russland die Gewalt, die Bürger von ihren Ordnungshütern erleiden, eine neue Qualität. Das Blutbad, das der Kripomajor Jewsjukow im April im Moskauer Supermarkt „Ostrow“ anrichtete, und im November der Tod des Rechtsanwalts Magnitzki im hauptstädtischen Untersuchungsgefängnis, wo man ihn systematisch gefoltert hatte, sind nur die eklatantesten Fälle, die Präsident Medwedjew als Anlass dienten, eine Großsäuberung unter den Organen einzuleiten. Medwedjew würde wirklich gern den Strafvollzug liberalisieren, die russische Gesellschaft modernisieren und ihr Joch aus staatlichen Aufpassern erleichtern. Doch dazu wird es auch im Jahr 2010 nicht kommen.

Die Krise hat die Wirtschaft in noch tiefere Abhängigkeit vom Rohstoffexport getrieben. Russland demodernisiert sich. Staatskonzerne für innovative Technologien wie Rosnano ziehen Nachwuchskräfte von wissenschaftlichen Instituten ab, haben die in sie gesetzten Hoffnungen jedoch nicht erfüllt. Das Straßennetz schrumpft. Nach der Landstraßenblockade durch unbezahlte Fabrikarbeiter im Sommer und dem Sprengstoffanschlag auf den Expresszug zwischen Petersburg und Moskau im November soll ein neues Gesetz drakonische Strafen für Sabotage der knappen Verkehrswege verhängen. Dass sich der bis dahin bei öffentlichen Auftritten stets verbindliche Medwedjew unmittelbar vor Silvester noch einen neuen, grimmig maskulinen Habitus zulegte, wirkte ominös und wie ein Eingeständnis, dass Ungehorsam die Primärgefahr darstellt, die das Land von sich abwenden muss. Was umso mehr einleuchtet, als die nationalen Projekte wie der soziale Wohnungsbau und bessere Gesundheitsfürsorge, mit denen Medwedjew sich seinem Wahlvolk empfahl, offenbar gescheitert sind. Das Bekenntnis zur Modernisierung klingt immer stärker wie ein religiöses Mantra, das den Russen den Marsch weg von Europa erträglicher macht. Kerstin Holm

ITALIEN
Berlusconi wird beliebtester Italiener

Wird er 2010 gerichtlich verurteilt werden? Diese Frage stellen sich Millionen Italiener angesichts ihres Ministerpräsidenten, der ja in der Tat viele Prozesse ausgesessen und umgebogen hat. Aber zum Jahresschluss hat Silvio Berlusconi, der Italiens Justiz sonst allzeit als putschende Meute zu charakterisieren pflegt, den Staatsanwälten endlich grünes Licht gegeben. Doch Achtung! Verurteilt gehört natürlich nicht der Politiker, sondern der Mann, der ihm im Advent eine Statuette des Mailänder Doms ins Gesicht gepfeffert hat. Berlusconi hat dem Attentäter vergeben, aber die Härte des Gesetzes soll ihn trotzdem treffen.

Gleichzeitig ist Berlusconis Beliebtheit auf (von ihm selbst ermittelte) fünfundsechzig Prozent gestiegen, kein Mensch redet mehr von vermeintlichen Delikten des Regierungschefs, nicht einmal von seiner Scheidung, die seine Gattin immerhin öffentlich mit Intimbeziehungen ihres dreiundsiebzigjährigen Gemahls mit Minderjährigen begründet hatte. Selbst in Enthüllungen einer Prostituierten entpuppte sich der von ihr bediente Politgreis als galanter Sexprotz. In einer Rede in Bonn vor den konservativen Volksparteien Europas fasste Berlusconi sein ereignisreiches Jahr 2009 kurz und bündig zusammen: „Die Italiener wollen eben einen Premier mit Eiern.“ Wie auch immer die Simultanübersetzer solche Drastik für Angela Merkel und die Ohren christlicher Volksparteipolitiker zurechtgebogen haben - Silvio sitzt fester im Sattel denn je. Das einzige Urteil, das ihn erwartet, ist das der Geschichte. Nur die Hartgummistatuette vom Mailänder Dom ist jetzt ein Verkaufsschlager. Dirk Schümer

FRANKREICH
Die Neuerfindung der Leiter

Eine Welle von Selbstmorden wie bei France Télécom hat es auch in anderen Konzernen gegeben. Wie zuvor in den Gefängnissen, die seit den Zeiten von Foucault als Avantgarde der gesellschaftlichen Entwicklung gelten. Ende Dezember hat erstmals ein Gericht die Arbeitsbedingungen bei Renault für die Selbsttötung eines Ingenieurs verantwortlich gemacht. Mord am Arbeitsplatz? Die tragischen Todesfälle betreffen meist staatliche Unternehmen, die privatisiert wurden und bei denen noch viele Menschen mit Beamtenstatus arbeiten: Man kann sie nicht entlassen, man muss sie zur freiwilligen Kündigung bringen. Bei France Télécom ist das Programm „Time to move“ - mit einem permanenten obligatorischen Wohnortswechsel - nach dem fünfundzwanzigsten Suizid „vorübergehend“ ausgesetzt worden. Weitergeführt wird jedoch das Projekt der Leiter, die neu erfunden wurde. Während Jahren arbeiteten die Ingenieure daran.

Sie entwickelten eine Leiter, die sich selber stützt - auf einem ausfahrbaren Gestell. Sie verstößt gegen das Gleichstellungsgesetz, denn für Frauen ist sie zu schwer. Sie ermöglicht es, einen einzigen Techniker zu Wartungsarbeiten an Telefonmasten auszuschicken. Bisher sind es stets zwei. Bei Pilotversuchen soll es mehrfach zu Unfällen gekommen sein - nicht nur wegen technischer Mängel. Allein gehen Mitarbeiter größere Risiken ein. France Télécom will die Leiter in Produktion geben und rechnet vor. Die menschlichen Verluste müssen nicht einmal in der eigenen Bilanz verbucht werden. Denn die Arbeiten an den Telefonmasten werden an im Auftragsverhältnis vergeben. Pro Einsatz will man 60 Euro weniger bezahlen. Und damit jährlich 25 Millionen Euro sparen. Jürg Altwegg

VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA
Vorsitzender Obama über den Widerspruch

Seltsam: Präsident Obama hat zum Anfang des neuen Jahres noch kein volles Amtsjahr hinter sich gebracht, und doch spannt sich schon ein formvollendeter Bogen von Januar bis Dezember, von der feierlichen Amtseinführung bis zur feierlichen Nobelpreisverleihung. Dabei ist noch gar nichts erledigt. Alles befindet sich in der Schwebe, der Kampf zwischen Hoffen und Bangen steht unentschieden, im Kulturleben ebenso wie in der Politik. Das ist für manche Amerikaner oder auch Weltbürger bereits eine herbe Enttäuschung. Mit dem neuen Mann im Weißen Haus sollte schließlich ein neues Zeitalter anbrechen. Hier und da deutet sich ja auch ein Silberstreif an.

Flammten anfangs des vergangenen Jahres um die Weltwirtschaft noch Untergangsvisionen auf, leuchtet über der Wall Street schon wieder ein dollargrüner Himmel, im krassen Gegensatz zur sprichwörtlichen Main Street, wo es statt Boni Entlassungen gibt. Eng verknüpft, wie sie es in Amerika zumindest finanziell sind, bringt die schwankende Wirtschaft die Kultur in arge Verlegenheit, und es sieht nicht danach aus, als stünde da ein dramatischer Umschwung bevor. Der Rückblick könnte sich mit der Vorausschau decken: Universitäten werden teurer und vergeben weniger Stipendien, Museen verschieben Ausstellungen und Neubaupläne, Theater kappen ihr Angebot, Orchester lösen sich auf oder streichen Konzerte und Gastspiele. Unbeirrt von Krisen und Kriegen digitalisiert Google das Schrifttum der Welt weiter, auch wenn noch nicht geklärt ist, ob der beharrlich wachsende Koloss, der sich uns gern als Weltverbesserer empfiehlt und als Weltüberwacher enden mag, solches überhaupt dürfen soll. Auch da ist noch alles im Fluss. Amerika befindet sich im Wartezustand. Er könnte länger dauern. Jordan Mejias

ENGLAND
Spesenrechnungen und Strumpfhosen

Was, so mag man sich fragen, hat ein Entenhaus mit einem Paar Strumpfhosen zu tun? Bis bekannt wurde, dass ein konservativer Abgeordneter ein 1675 Pfund teures Entenhaus auf seine Spesenrechnung gesetzt hatte, konnten sich wohl die wenigsten überhaupt etwas darunter vorstellen. „Was ist ein verdammtes Entenhaus?“, soll Oppositionsführer David Cameron gefagt haben, als er erfuhr, dass einer seiner Leute wegen dieser Auslage in die Schlagzeilen geraten war. Unterdessen hat sich der klassizistische Minipavillon, der den Teich des Abgeordneten Sir Peter Viggers zierte, zusammen mit fiktiven Hypotheken und dem Wallgraben, dessen Reinigung der Abgeordnete Douglas Hogg dem Steuerzahler aufbürdete, zum Inbegriff der liederlichen Bräuche des britischen Parlaments eingeprägt.

Ein Terroranschlag im Unterhaus könne nicht ausrichten, was der Spesenskandal dem Gefüge des Parlamentes angetan habe, klagte ein Minister. Ähnlich symbolhaft waren aber auch die Strumpfhosen, auf die der neue Speaker John Bercow bei der zeremoniellen Eröffnung des Parlamentes verzichtete. Stattdessen trat er im Straßenanzug auf und trug bei den Parlamentssitzungen bloß noch einen schlichten Talar. Das entspreche dem Geist der Zeit, wie Bercow in Verkennung der Bedeutung der tradierten Strumpfhosen und Roben mitteilte, stehen sie doch ebenso wie das vergoldetet Zepter vor seinem Stuhl für die Amtswürde, hinter der die Person des Trägers zurückzutreten hat. Entenhaus und Straßenanzug verkörpern aber den mangelnden Respekt für das Parlament und die Institutionen überhaupt. Diese beiden miteinander verstrickten Symbole sind der Gipfel eines schwelenden Prozesses, der noch lange Schatten werfen wird - weit über das Wahljahr 2010 hinaus. Gina Thomas

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