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Ausbeutung 2.0 : Die coole Schinderei der Zukunft

Mitte der Macht: Nein, dieses Bild zeigt nicht Barack Obamas Arbeitsplatz, sondern einen Raum bei der Start-Up Firma GitHub (man beachte den Teppich) Bild: Norman Rzepka

Dave Eggers sieht es in seinem Roman „The Circle“ voraus: Die digitale Elite will uns eine Utopie andrehen, die alle Menschen um den Verstand bringt. Eine Aussteigerin hat so etwas schon erlebt.

          Die junge Heldin lebt ein Märchen: Ihr Arbeitsplatz bringt sie laufend mit Neuheiten in Berührung, die bald das Leben von Millionen verändern werden. Was sie tut, schmeckt wie ein faszinierendes Hobby, aber sie wird sogar dafür bezahlt, dass sie Kontakte zu den interessantesten Leuten knüpft und pflegt, die es derzeit gibt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie bei dem dafür weithin gerühmten Software-Entwickler Menlo Innovations oder der Computerspielefirma Valve kennt man da, wo die Heldin ihr Geld verdient, keine Chefs mehr – Führung ergibt sich und verschwindet, je nachdem, was ein Projekt verlangt. Die alte Anwesenheitspflicht zu Kernarbeitszeiten tritt zurück gegen zufällige Begegnungen der Beschäftigten, von denen einer der Firmengründer schwärmt, als habe er mit der Förderung von dergleichen soeben die freie Marktwirtschaft und ihr Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, erfunden.

          Wenn ein Journalist diesen Enthusiasten fragt, wo und wie solche Begegnungen denn stattfänden, wo doch der Belegschaft größtenteils gar keine festen Büros mehr zugewiesen sind, weil sich alles mobil erledigen lässt, spricht er von „tieferen Interaktionen“ bei zahlreichen kulturellen und Bildungsereignissen, welche die Firma veranstaltet. Haben Sie’s gesehen? Da drüben in der Vorhalle steht sogar ein Discjockey!

          Die Sekte mit realen Versprechungen

          Hier, wo die Hierarchien so flach sind wie das unentrinnbare Gemeinschaftsgelaber, erklärt man auf weiteres Nachbohren des Reporters mit entwaffnender Ehrlichkeit: Na gut, dass wir hier keine Chefs mehr haben, bedeutet natürlich auch, dass wir von allen Beschäftigten Management-Kompetenz und entsprechenden Einsatz erwarten. Bei so viel Selbstverantwortung für alles und jedes kann die Arbeitszeit nicht mehr übersichtlich von der Freizeit geschieden werden, und dass dabei bald die gesamte Person, nicht nur ihre Arbeitskraft, dem Zugriff des cheflosen Ganzen ausgesetzt ist, wird nicht bestritten – aber was soll’s, das ist eben der Preis für den großen persönlichen Gewinn – vielleicht, deutet ein Bekehrter an, beschreibt diesen Gewinn eine Metapher aus dem in diesem Laden sehr beliebten Surfsport am besten: Wir arbeiten auf dem Wellenkamm! Daran, was mit Wellen, auch den höchsten, früher oder später passiert, denken wir jetzt lieber nicht.

          Umbrandet von Datengischt leistet die junge Heldin also etwas, das mit Arbeit, wie sie der kapitalistisch-protestantische Gründungsmythos ihrer Volkswirtschaft versteht, vorderhand nicht mehr viel zu tun hat. Natürlich weiß sie – dumm ist sie ja beileibe nicht –, dass Fehlzeiten oder Bummelstreiks hier nur anders verrechnet werden als bei den altmodischen Stechuhrleuten: Negativ fällt man nicht auf, wenn man montags später kommt oder zu oft aus dem Fenster guckt, wohl aber, wenn man einer Firmen-Partyveranstaltung voller Hipster, deren Vorankündigung tagelang durch die sozialen Netzwerke summt, ohne Erklärung fernbleibt oder nicht mit ausreichend kindlicher Begeisterung in die Hände klatscht, wenn die Projekteinheit zum Hula-Hoop-Tanzen auffordert.

          Alle, mit denen die junge Heldin auf diese Weise Umgang pflegt, sind von dieser Show ähnlich begeistert wie sie, und gemeinsam sieht es der Clan als dringende Aufgabe an, so viele andere Menschen wie möglich mit dieser Begeisterung anzustecken. Das hat gewiss Sektenzüge, aber im Gegensatz zu den Versprechungen und Prophezeiungen metaphysischer Weltanschauungsgemeinschaften kann man die Erlösung, um die es hier geht, tatsächlich anklicken, downloaden, sharen und sogar zu Geld machen.

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